Start-Ups

Das sind Spandaus junge Entwickler

Alle reden über den Siemens-Innovationscampus. Frische Gründer finden sich aber schon jetzt in der Siemensstadt: im Startup-Incubator.

Jonas Baum und Christian Klötzer haben mit Matchbase eine Liga für Freizeit- Fußballer auf den Markt gebracht.

Jonas Baum und Christian Klötzer haben mit Matchbase eine Liga für Freizeit- Fußballer auf den Markt gebracht.

Foto: Jessica Hanack / Hanack/BM

Spandau.  Eigentlich, sagt Jonas Baum, hätten er und sein Mitgründer Christian Klötzer ihr Produkt für sich selbst entwickelt. Sie seien beide Fußballspieler, die sich aber irgendwann nicht mehr mit dem Vereinssport, den strikten Trainings- und Spielzeiten identifizieren konnten. „Wir haben gedacht: Wie cool wäre es denn, wenn du wie auf der Playstation immer und überall mit Freunden in einer Liga Fußball spielen kannst?“, erzählt Baum. Herauskam die App „Matchbase“.

Bei dieser können Nutzer mit Freunden ein Team gründen, Gegner herausfordern und sich mit diesen zu einem Spiel in der Umgebung verabreden. Fünf Spiele hat ein Team Zeit, um Punkte für den Aufstieg in eine höhere Liga zu sammeln. Die Idee scheint anzukommen: Seit vergangenem August haben sich laut Baum mehr als 180 Berliner Teams in der App registriert und selbst bei den kalten Wintertemperaturen würden regelmäßig Spiele stattfinden. „Es gibt wenig, was schöner ist für ein Unternehmen, als zu merken, dass die Leute haben Spaß haben mit deiner Idee“, sagt Baum.

Das Team von „Matchbase“ gehört zu den jungen Unternehmen, die aktuell durch ein Stipendium gefördert werden und im Gründungszentrum der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) in der Spandauer Siemensstadt arbeiten. Der Ortsteil wird derzeit vor allem mit dem geplanten Siemens-Innovationscampus verbunden, der - so die Hoffnung - junge Unternehmer, Studenten und Start-Ups mit sich bringen soll. Allerdings entdeckt, wer genauer hinsieht: Junge Unternehmer, Studenten und Start-Ups finden sich schon jetzt auf dem Siemens-Gelände.

Gründer schätzen familiäres Klima im Startup-Incubator

Teile des alten Dynamowerks haben sich in den sogenannten Startup-Incubator verwandelt. 17 Teams entwickeln dort zurzeit ihre Produkte. Und die reichen von individuellen Fahrradgepäckträgern über eine Vermietungsplattform für Boote bis hin zu einem Tool zur Mitarbeiterförderung. „Es herrscht ein recht familiäres Klima hier“, sagt Baum. Obwohl man in sehr unterschiedlichen Branchen arbeite, helfe man sich untereinander und gebe sich regelmäßig Feedback.

Gearbeitet wird in einer großen Halle, die zu einem Co-Working-Space mit Eventbereich umgewandelt wurde. Seit Ende 2018 sitzen die mehr als 40 Gründer dort an ihren Schreibtischen. „Die Nähe zur Wirtschaft ist hier einmalig in Deutschland“, sagt Christian Gurol. Er leitet den Startup-Incubator, der vor rund anderthalb Jahren die ersten Räume auf dem Gelände bezogen hat - in einem Gebäude, in dem noch immer Siemens-Produktionsstätten liegen. „Das bringt viel, auch mit den Leuten dort zu reden“, meint Gurol.

Inzwischen hat der Startup-Incubator neben Büros auch eine Werkstatt, in der die Jungunternehmer Prototypen herstellen können, und ein „Design Thinking Lab“, das Raum für kreatives Denken und Skizzieren von Ideen bieten soll. „Siemens stellt die Infrastruktur, die HWR kümmert sich um die Methodik“, erklärt Gurol.

Regelmäßige Events für junge Unternehmer in der Siemensstadt

Dazu gehören regelmäßige Coachings für die Gründer, außerdem zahlreiche Events. Ein Teil der Veranstaltungen widmet sich dem „Team-Matching“. Junge Menschen, die eine Idee haben, sollen dabei mit solchen zusammen gebracht werden, die gerne in einem Start-Up mitwirken möchten. „Es ist ein bisschen wie Parship“, sagt Gurol und lacht. „Wir gucken anhand von Profilen, wen wir zusammenbringen.“

Bei anderen Veranstaltungen sollen die Start-Ups in Kontakt mit potenziellen Kunden kommen. „80 Tester treffen dann auf zehn Teams“, sagt Gurol. Das ist der Ansatz des Startup-Incubators: Die Teams bekommen Rückmeldungen schon während des Entwicklungsprozesses, bevor ein Produkt fertig ist. „Wir sagen den Teams nicht, das ist eine gute oder eine schlechte Idee. Wir sagen, guckt, wie es der Markt annimmt.“

Gucken, wie der Markt es annimmt - das wird in den kommenden Monaten auch für das Start-Up „Alvego“ entscheidend. Seit kurzem gibt es ihr erstes Produkt „Riff Raff“ im Online-Shop zu kaufen. Dahinter steckt ein ökologischer, veganer Snack, der aus stundenlang getrockneten Rote Beten und Rotalgen besteht und einen rauchigen Geschmack hat. „Wir haben anderthalb Jahre getestet“, erzählt Philipp Götz, der das Start-Up mit Friedrich Schneider gegründet hat. „Ende 2017 haben wir angefangen und erstmal Grundlagenforschung gemacht.“

Start-Ups legen Wert auf Nachhaltigkeit

Seitdem habe sich ihr Produkt stark gewandelt, das sie als „erstes Algen-Jerky der Welt“ bewerben. Wichtig ist die Nachhaltigkeit, betont Götz. Produziert wird in Berlin und sämtliche Zutaten würden aus Europa stammen. Zudem will das Start-Up gemeinnützige Organisationen unterstützen. Zehn Cent pro verkaufter Packung sollen gespendet werden, über den Zweck können die Kunden Ende des Jahres online abstimmen. „Ich finde, man kann heute kein Unternehmen mehr gründen, ohne etwas zurückzugeben“, sagt der 29-Jährige.

Wenige Meter von „Alvego“ entfernt arbeitet das Team von „Suncrafter“. Auch für diese Gründer spielt Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle. Abgesehen davon haben die Produkte der beiden Start-Ups aber wenig gemeinsam. Es ist spannend zu sehen, wie man in der Halle mit wenigen Schritten von einer Branche zur nächsten spazieren kann. „Suncrafter“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, alte, reparaturbedürftige Solarzellen in simple Ladestationen umzubauen. „Wir haben ein Solarabfallproblem“, sagt Gründerin Lisa Wendzich.

Für Unternehmen sei es oft lohnenswerter, neue Solarmodule zu kaufen, statt defekte aufwendig zu reparieren. „Das ist aber nicht im Sinne der Nachhaltigkeit“, sagt die 30-Jährige. Mit ihren Ladestationen sind Wendzich und ihr Mitgründer Bryce Felmingham inzwischen schon erfolgreich, waren etwa auf Musikfestivals oder Messen vertreten.

Aber das eigentliche Ziel ihres Start-Ups geht weit darüber hinaus: „Wir haben etwas entwickelt, dass Menschen einen einfachen Zugang zu sauberer Energie geben kann“, sagt Wendzich. Denn noch immer gebe es eine Milliarde Menschen ohne Stromzugang.

Startup-Incubator soll weiter ausgebaut werden

Aus dem alten Dynamowerk in der Siemensstadt heraus die Welt verändern, das haben sich die jungen Unternehmer vorgenommen. Am Ende wird nicht jede Idee funktionieren. „Etwa 70 bis 80 Prozent der Teams gehen an den Markt. Ob sie sich etablieren können, ist eine andere Sache“, sagt Startup-Incubator-Leiter Gurol.

Einige Erfolgsgeschichten gibt es aber und die Angebote für Gründer sollen in der Siemensstadt sogar noch erweitert werden. Geplant ist eine Laborküche, außerdem ein Labor, in dem digitale Anwendungen gebaut werden können, etwa für Virtual Reality. Frische Ideen sind in der Siemensstadt weiter willkommen - Möglichkeiten, neue Teams aufzunehmen, gibt es laut Gurol kontinuierlich.

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