Arbeitsplätze in Gefahr

Diese Zwillinge wollen das Infinera-Werk in Spandau retten

Das Spandauer Infinera-Werk mit 400 Mitarbeitern steht vor dem Aus. Die Zwillinge wollen das nicht so einfach hinnehmen.

Andreas und Christian (r.) Bergel arbeiten als Elektroniker in dem Werk und wollen sich noch nicht geschlagen geben.

Andreas und Christian (r.) Bergel arbeiten als Elektroniker in dem Werk und wollen sich noch nicht geschlagen geben.

Foto: Jessica Hanack / Hanack/BM

Berlin. Ihr halbes Leben haben Christian und Andreas Bergel in dem Werk am Siemensdamm 62 verbracht. Während die Eigentümer alle paar Jahre wechselten, blieben die Spandauer Zwillinge dem Betrieb treu. Seit mittlerweile 20 Jahren arbeiten die beiden Elektroniker dort gemeinsam und sind nun, wie die rund 400 anderen Mitarbeiter, vom Jobverlust bedroht.

Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass das US-amerikanische Unternehmen Infinera plant, den Standort in Berlin, an dem Technik für die Datenübertragung in Telekommunikationsnetzen gefertigt wird, bis Ende September 2019 zu schließen. Einfach hinnehmen will das aber niemand. „Erst wenn wir alles versucht haben, können wir guten Gewissens vom Schlachtfeld ziehen“, sagt Christian Bergel energisch. Erste Kundgebungen gab es bereits, für diesen Montagmorgen ist mit der IG Metall ein großer Autokorso geplant, der von dem Werk bis zur US-amerikanischen Botschaft führen soll.

Zunächst traf die Ankündigung von Infinera die Mitarbeiter aber vollkommen unerwartet. An einem Morgen Mitte Januar sei eine Mail verschickt worden, laut der es am frühen Nachmittag eine Betriebsversammlung geben sollte. „Da hatte ich schon das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmt“, sagt Andreas Bergel. Und tatsächlich: In dieser Versammlung wurde das Aus bekannt gegeben – nur wenige Monate nachdem Infinera den ehemaligen Siemens-, Siemens-Nokia- und Coriant-Betrieb von Coriant übernommen hatte. „Alle standen unter Schock“, sagt der 43-jährige Kommunikationselektroniker. Denn eigentlich hätten sie die Hoffnung gehabt, dass mit Infinera endlich Kontinuität in das Werk in der Spandauer Siemensstadt einzieht.

Produktion soll nachThailand verlegt werden

Die beiden Brüder haben während ihrer Zeit in dem Betrieb bereits einiges erlebt: den Internetboom Ende der 90er-Jahre, bei dem viele neue Mitarbeiter eingestellt wurden – auch der Indus­trieelektroniker Christian Bergel, der zuvor bei einem anderen Siemens-Werk seine Ausbildung gemacht hatte. Andreas Bergel hat zu dieser Zeit bereits in dem Betrieb gearbeitet. „Das ist das Glück von Zwillingsbrüdern“, sagt Christian Bergel und lacht. „Wenn einer gut arbeitet, gehen sie davon aus, dass es der andere auch tut.“

Wenige Jahre später folgte die erste Entlassungswelle. Jeder Zweite habe damals gehen müssen, erinnert sich Rainer Below. Auch er arbeitet seit Langem mit seinem eineiigen Zwillingsbruder René bei Infinera. Auch sie kämpfen nun um die Zukunft ihrer Jobs. Und Zukunft, das betonen alle, mit denen man über das Werk spricht, haben die Produkte, die dort hergestellt werden, in jedem Fall.

Infinera fertigt in Spandau optische Übertragungssysteme für Provider von Handynetzen. Darunter sei auch ein System, das die Bundesregierung einsetzt, sagt Below. „5G-Netze, autonomes Fahren, vernetzte Autos, das sind alles Produkte, für die unsere Technik gebraucht wird.“ Für neue Entwicklungen werden in dem Werk etwa Prototypen gebaut und getestet. „Man kann viel auf Papier zeichnen, aber erst wenn wir es gefertigt haben, weiß man, ob es funktioniert“, ergänzt Christian Bergel. Nun plant Infinera, die Produktion nach Thailand zu verlagern, als Teil einer globalen Umstrukturierung, wie es von dem Unternehmen heißt. Für die Beschäftigten ist das aus mehreren Gründen unverständlich. Die Zwillingsbrüder können sich darüber richtig in Rage reden.

Da ist zum einen der Siemens-Innovationscampus, der in unmittelbarer Nachbarschaft vom Infinera-Standort entstehen und zu einem Pilotprojekt beim schnellen, mobilen Internet per 5G werden soll. „Wir hätten die Technik dafür bauen und testen können in dem Werk“, erklärt Bergel. Generell sei die Nachfrage nach den Spandauer Produkten gut. „Die Aufträge sind da. Jetzt hätten wir richtig viel machen können“, sagt der 43-Jährige. Der wohl entscheidendste Punkt, das betonen alle, sei aber die Sicherheitsfrage – immerhin geht es um die Übertragung von Daten. „Das muss in die Bundesdebatte einfließen“, fordert auch Eddie Kruppa, Betriebsrat und Mitglied im Verhandlungsteam zur geplanten Werksschließung.

Werde die Technik künftig in Asien produziert, gehe auch ein Stück weit die europäische Autonomie verloren, sagt er. Das Werk in Spandau ist nach Angaben der IG Metall einer der wenigen Standorte in Europa, in dem die erforderliche Technologie für den Aufbau des 5G-Mobilfunknetzes hergestellt wird.

Schockstarre haben Beschäftigte hinter sich gelassen

Die Schockstarre, das wird aus den Gesprächen deutlich, haben die Beschäftigten hinter sich gelassen. „Jetzt kommt die Kampflaune“, sagt Christian Bergel. Wie sein Bruder trägt er am Kittel einen Button, auf dem „Infinera braucht Zukunft“ steht. Und selbstverständlich werden sie bei dem Autokorso durch die Stadt am Montag mitfahren. In den rund zwei Jahrzehnten in dem Werk haben die Zwillinge eine Verbindung zu vielen Kollegen aufgebaut, oft würden sie seit Langem zusammenarbeiten. Trotz der Unruhen durch Eigentümerwechsel oder Entlassungen arbeiten sie gerne dort. „Es ist ein bisschen wie eine Familie“, sagt Bergel. Aber er betont auch: Gekämpft wird nicht nur für den Erhalt des Standorts und damit der 400 Arbeitsplätze. „Wir wollen, dass die Leute merken, es geht hier auch um sie. Alle telefonieren oder verschicken E-Mails“, sagt der Spandauer. Bei einer Online-Petition wurden inzwischen weit über 2700 Unterschriften gesammelt, die Liste soll am Ende dem Abgeordnetenhaus übergeben werden.

Die Verhandlungen über die Zukunft von Infinera in Berlin sollen laut Betriebsrat Kruppa voraussichtlich im Laufe des Monats weitergehen. Der erste Verhandlungstag am 1. Februar war schnell ergebnislos zu Ende gegangen.

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