Wohnungsbau

Spandauer Gewerbetreibende kämpfen gegen Verdrängung

Wirtschaftsstadtrat schreibt an Senat, um für Erhalt des Standorts zu werben. Geplant ist dort das größte Teilprojekt der Waterkant.

Die Spandauer Gewerbetreibenden Thorsten Schwemmler und Walter Lang kämpfen für den Erhalt ihrer Unternehmensstandorte an der Rhenaniastraße. Hier sollen Wohnungen gebaut werden. 

Die Spandauer Gewerbetreibenden Thorsten Schwemmler und Walter Lang kämpfen für den Erhalt ihrer Unternehmensstandorte an der Rhenaniastraße. Hier sollen Wohnungen gebaut werden. 

Foto: Jessica Hanack / Hanack/BM

Berlin. Seit ein paar Wochen ist es für Walter Lang offiziell: Zum Ende des Jahres muss er mit seinem Geschäft für Gartenmöbel seinen aktuellen Standort räumen. Seit 25 Jahren betreibt er den Laden an der Rhenaniastraße in Spandau, nun hat er die Kündigung erhalten. Das Gelände, auf dem zahlreiche weitere Gewerbetreibende ihren Sitz haben, gehört zur Fläche des neuen Quartiers "Waterkant". Rund 900 Wohnungen und ein Gymnasium sind auf dem entsprechenden Teilprojekt geplant. Während die "Waterkant" mit ihren insgesamt rund 2500 geplanten Wohnungen eines der größten kommunalen Wohnungsbauprojekten für Berlin ist, wird es für Lang zur Existenzbedrohung. "Meine Frau arbeitet auch in dem Betrieb. Wir haben dann null Einkünfte, wenn wir keine Ersatzfläche bekommen", sagt er. Doch das scheint unmöglich.

So wie Lang geht es auch den anderen Gewerbetreibenden auf dem Gelände, darunter eine Wohnmobil-Werkstatt, eine Tischlerei, ein Imkereibedarf und ein internationaler Honig-Vertrieb. Um deren Verdrängung zu verhindern, haben sich nun auch die Spandauer Wirtschaftsförderung und Wirtschaftsstadtrat Gerhard Hanke (CDU) eingeschaltet. In einem Brief hat sich Hanke an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), die Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) gewandt und gefordert, die Bauplanungen für den Spandauer Gewerbestandort zu überdenken. "Nachdem in der Mitte unserer Stadt die entsprechenden Bezirke keinerlei Flächen – vor allem aber keine Unternehmen aus dem Kleingewerbe und dem Handwerk - mehr vorweisen können, indem diese Flächen nach und nach dem Wohnungsbau zugesprochen wurden, sind nun auch die berlinweit letzten Flächen an der Peripherie bedroht", heißt es in dem Brief.

Das Grundstück, auf dem die Betriebe an der Rhenaniastraße arbeiten, ist ein landeseigenes. Dort könne der Senat selbst handeln, eine Gewerbefläche sichern und bestehende Unternehmen halten, so Hanke. Sein Vorschlag: Auf dem Gelände einen Gewerbehof entwickeln und den Wohnungsbau in dem Teilprojekt entsprechend anpassen. "Damit werden Existenzbedrohung, Arbeitsplatzverlust oder die Abwanderung in ein benachbartes Bundesland abgewandt", schreibt der Wirtschaftsstadtrat.

Nur noch kleines Kontingent an Gewerbeflächen in Spandau

Auch Patrick Sellerie, Leiter der Spandauer Wirtschaftsförderung, sieht diese Lösung als einzige Möglichkeit, die Betriebe im Bezirk zu halten. "Wir haben zwar noch ein kleines Kontingent an Flächen", sagt er. "Aber wir haben bei den landeseigenen Flächen strenge Vorgaben." So dürften diese nur an produzierendes Gewerbe vergeben werden. "Diese Anforderungen erfüllen einige Unternehmen der Rhenaniastraße nicht", erklärt Sellerie. Und die privaten Gewerbeflächen seien preislich für kleinere Betriebe kaum zu stemmen. In dem neuen Quartier "Waterkant" sollen zwar ebenfalls Gewerbeflächen entstehen - allerdings vor allem kleine, in den Erdgeschossen der Wohnhäuser. "Was soll der Tischler oder die Caravan-Werkstatt im Wohngebiet?", fragt Sellerie. "Das ist nicht das Richtige." Dabei betont er, dass auch solches Gewerbe zu einer wachsenden Stadt gehören müsste.

Die Gewerbetreibenden an der Rhenaniastraße haben ihre Flächen auf dem Gelände der ehemaligen Pulverfabrik zu Konditionen gemietet, die sich in Berlin kaum noch finden lassen. Zwischen drei und vier Euro zahlen sie pro Quadratmeter. Händler Lang hat sich bereits vor Jahren auf die Suche nach einer Ausweichfläche gemacht - erfolglos. Für seine Gartenmöbel braucht er eine große Fläche, 800 Quadratmeter nutzt er zurzeit. "Etwas in der Größe als Ladenfläche in Berlin zu finden, ist unmöglich", sagt der Spandauer. Es bliebe der Umzug ins Berliner Umland. Doch auch das ist keine ideale Lösung für Lang. "Wir müssten uns einen ganz neuen Kundenkreis erschließen", sagt der 61-Jährige. Hier habe er sich einen festen Kundenstamm aufgebaut. Doch dass die Berliner auch nach Brandenburg fahren würden, glaubt er kaum.

Auch Tischlermeister Torsten Schwemmler würde der Umzug ins Umland vor Schwierigkeiten stellen. "Wir haben einen Fachkräftemangel. Meine Mitarbeiter würden sicher in Berlin einen neuen Betrieb finden", sagt er. "Wenn ich ins Umland ziehe und dann keine Mitarbeiter mehr habe, ist mir auch nicht geholfen." Schwemmler hat derzeit zwei Auszubildende, außerdem zwei Angestellte und drei Einmieter, die seine Maschinen für eigene Projekte mitnutzen. Hinzukommen für ihn die hohen Kosten, die in jedem Fall mit einem Umzug verbunden wären. 20.000 Euro schätzt er, würde er allein für den Transport seiner teils mehrere Tonnen schweren Maschinen zahlen müssen.

Wachsender Druck auf Unternehmen ist berlinweit spürbar

Gesucht nach Alternativflächen hat Schwemmler ebenfalls bereits. Doch das Problem, so sagt er, sei, dass sich niemand langfristig zum Gewerbe bekennen will. "Es heißt dann von Vermietern, wir wissen nicht, was in vier, fünf Jahren ist", sagt der 50-Jährige. "Die Unternehmen haben so keine Planungssicherheit." Dass die Situation für Gewerbe schwierig ist, ist auch in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bekannt. "Vor dem Hintergrund der wachsenden Stadt ist ein zunehmenden Druck auf verwertbare Flächen – egal ob Wohnungsbau oder Gewerbe, bebaut oder unbebaut – spürbar", sagt Sprecherin Petra Rohland. Die Konkurrenz um Flächen führe zu höheren Preisen für Boden und Mieten, die gerade kleine Unternehmen vor Probleme stellen. Ähnlich äußert sich auch die Senatswirtschaftsverwaltung. Deren Sprecher Matthias Borowski erklärt, im Hinblick auf den geplanten Wohnungsbau an der Rhenaniastraße habe man "bereits frühzeitig Bedenken gegen die absehbare Entwicklung ohne Gewerbe vorgebracht".

Dass sich an den dortigen Planungen noch etwas ändert, scheint jedoch unwahrscheinlich. "Zwischen Bezirk, Senat und Abgeordnetenhaus war bisher Konsens, dass sowohl auf der privaten als auch der landeseigenen Fläche an der Rhenania- /Daumstr. das vorhandene Gewerbe aufgegeben wird und dort in großem Umfang Wohnungen errichtet werden", so Sprecherin Rohland. Zusätzlich werde nun wegen des wachsenden Bedarfs ein Gymnasium auf dem Gelände geplant. Allen Mietern sei seit langem bekannt gewesen, dass "die bisherige suboptimale Ausnutzung des Grundstückes nicht von Dauer sein würde und eine Neustrukturierung und Altlastensanierung erforderlich ist", erklärt Rohland. Auch Spandaus Baustadtrat Frank Bewig (CDU) sagt, man habe im Verfahren zwar als Bezirk eingebracht, dass das bestehende Gewerbe bedacht werden sollte. Nun sei aber bereits der städtebauliche Wettbewerb abgeschlossen. "Die Planung ist weit fortgeschritten", so Bewig, der aber hinzufügt: "Für die Entwicklung eines Gewerbehofs bin ich offen, dann muss man andere Flächen finden."

Die Angst um ihre Existenz ist bei den Gewerbetreibenden ist spürbar. Dennoch hoffen sie weiter. Darauf, passende Ersatzflächen von ihrem derzeitigen Vermieter, der Gewobag, angeboten zu bekommen oder, im Idealfall, doch noch ihren Standort an der Rhenaniastraße zu retten. "Man muss Bestandsflächen schützen", sagt Geschäftsinhaber Lang. "Auch für die nächsten Generationen."

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