Kultur im Bezirk

Das alte Postgelände wird zum Ort der Künste

Malerei, Graffiti, Musik: Mehrere Vereine und Künstler im Bezirk Spandau wollen die Kulturszene modernisieren und vernetzen.

Künstler Moe und Andrea Hollenstein haben mit dem Verein „Neue Urbane Welten“ Leben in die Alte Post gebracht. Die Wände sind von Künstlern gestaltet – hier etwa von Robin Kowalewsky.

Künstler Moe und Andrea Hollenstein haben mit dem Verein „Neue Urbane Welten“ Leben in die Alte Post gebracht. Die Wände sind von Künstlern gestaltet – hier etwa von Robin Kowalewsky.

Foto: Sergej Glanze

Aus dem alten Postgelände in Spandau ist ein Ort der Künste geworden. Die Wände der alten Halle werden von großen Bildern geziert: Mal sind sie schwarz-weiß, mal bunt, mal zeigen sie abstrakte Formen, dann wieder Schriftzüge oder realistische Menschen. Regelmäßig kommen neue Kunstwerke hinzu, während andere übermalt werden. Künstler Moe zuckt mit den Schultern. Das gehöre eben dazu. Schließlich soll es hier keinen Stillstand geben, sondern immer wieder die Möglichkeit für Talente, sich auszuprobieren und ihre Bilder zu zeigen.

Moe ist Mitglied der „Neuen Urbanen Welten“, die hinter den Aktivitäten auf dem Postgelände stecken – und einer jener Vereine sind, die dazu beitragen, Spandaus Kulturszene zu beleben und Kreative zusammenzubringen. In der Alten Post werden heute Kunst und Musik verbunden. Sie ist Drehort für Musikvideos und Veranstaltungsort für Rundgänge mit Künstlern oder Workshops.

„Der Gedanke war, einen Ort zu schaffen, an dem sich verschiedene Künstler wohlfühlen. Sonst ist man eher getrennt nach Genres, aber hier sind alle auf einem Fleck willkommen“, sagt der Spandauer Moe. Der 39-Jährige – gelernter Grafiker – hat sich auf „Stencil“ spezialisiert, eine Form von Street Art, bei der Graffiti Schicht für Schicht mithilfe von Schablonen angebracht werden. Je mehr Schichten, desto realistischer, erklärt er. Hier, in der Alten Post, geht es Moe aber weniger darum, selbst die Wände zu gestalten – auch wenn einige seiner Bilder zu sehen sind. „Ziel ist es, Leute zu unterstützen“, sagt er. Vor allem Spandauer sollen einen Ort haben, sich kreativ zu verwirklichen: die„Urban Art Hall“.

Auch internationale Künstler stellen aus

„Wir haben mehrere Bilder von Spandauer Künstlern hier, aber auch von vielen internationalen“, erzählt Andrea Hollenstein, die sich als Vereinsmitglied vor allem um koordinative Aufgaben kümmert. Kürzlich sei etwa eine junge Frau aus Mexiko da gewesen. „Die Künstler sind auf Reisen, wollen in Berlin malen und melden sich dann bei uns“, sagt Moe. Die zweite große Säule ist die Musik: Bei den „Urbanen Rap Welten" kamen lokale wie hergereiste Rapper zusammen, aber auch Reggae oder elektronische Musik wurden dort schon gespielt.

Am jetzigen Ort sind die „Neuen Urbanen Welten“ allerdings nur ein Übergangsprojekt. Denn auf dem Gelände entsteht das „Spandauer Ufer“ mit Hotel, Wohnungen und Gastronomie. Der Investor überlässt dem Verein die Halle zur Zwischennutzung, bevor noch in diesem Jahr der Abriss ansteht. Aber die Mitglieder sind sich einig: Wird ein neuer Raum gefunden, soll das Projekt in Spandau weitergehen.

Musiker und Maler profitieren voneinander

Nur einen Kilometer vom Postgelände entfernt gibt es einen weiteren Verein, der Musik und Kunst vereint. „Kreativmolkerei“ nennen die Mitglieder im Alter von 20 bis Anfang 30 sich. In ihrem bunten, mit vielen selbstgebauten Möbel eingerichtetem Studio wird gemalt, genäht, gesungen, geklebt. „Wir wollten einen Raum, wo zusammen etwas schaffen können und uns gegenseitig inspirieren“, erzählt Oliver Gudzowski, Architektur-Student und Maler. Während es anfangs nur eine Zusammenarbeit der Künstler sein sollte, entstand dann auch eine Symbiose mit den Musikern. Bei Ausstellungen oder Konzerten wird nun voneinander profitiert. „Die Offenheit in dem Studio, sich auch mal anders auszuprobieren, ist schön“, sagt der 23-Jährige.

Insgesamt zehn Vereinsmitglieder sind es, die sich den Raum teilen. Und die sich entschieden haben, mit ihrer Kunst in Spandau zu bleiben. Zum Einen, weil sie hier ein bezahlbares Studio gefunden haben. Aber auch, so sagt es Mia-Phyllis Liefer, weil sie hier zu Hause sein und zeigen wollen: Man muss dafür nicht in die Mitte Berlins.

„Wir wollen die Kulturszene in Spandau aufbrechen und dafür sorgen, dass die jungen Künstler in Spandau besser vernetzt sind“, sagt sie. Die verschiedenen Bands der Kreativmolkerei werden inzwischen immer öfter angefragt, zu den großen Konzerten im Sommer und vor Weihnachten kamen zuletzt jeweils mehrere Hundert Zuschauer. Eine erste gemeinsame Ausstellung gab es im vergangenen Jahr, 2019 soll wenigstens eine weitere folgen. „Dieses Jahr sind wir soweit, dass hier mehr im Raum passieren kann“, sagt Liefer. Man wolle etwa Open-Stage-Abende oder Workshops geben.

Workshops für Kinder und Jugendliche

Regelmäßige Workshops veranstaltet Ben Mansour schon jetzt. Seinen Verein „Sprühlinge“ gibt es zwar erst seit einem guten Jahr, aber schon vorher hat der Spandauer mit Kindern und Jugendlichen oder anderen Künstlern gearbeitet. Mansours Leidenschaft sind Graffiti. Schon als Kind hat er viel gezeichnet, als Jugendlicher entdeckte er dann die Sprühdosen. Mit erst 16 Jahren eröffnete er in Haselhorst den „Wildstyle Shop“ - wie er erzählt das erste Graffiti-Geschäft in Deutschland.

Heute, als 44-Jähriger, sagt er noch immer: „Für mich ist das meine Ausdrucksform.“ Ob Schriftzüge, Figuren oder komplexe Bilder, Mansour sprüht alles. Vor allem aber geht es ihm darum, die Kunst für die Arbeit mit Jugendlichen zu nutzen. Urbane - also städtische - Kunst, findet er, muss etwas mit den Menschen in Berlin zu tun haben und am Ende ihnen dienen.

2018 hat er einen Workshop für Mädchen in einer Jugendpsychiatrie organisiert, außerdem in Spandau eine große Graffiti- und Urban-Art-Ausstellung. Seit mehreren Jahren veranstaltet Mansour das Event „Graffiti Sport“. Dabei müssen die Teilnehmer einen Hindernisparcours absolvieren und alte U-Bahn-Waggons besprühen. Gäste seien aus ganz Deutschland, der Schweiz und Japan nach Spandau gekommen, sagt Mansour.

Sein neuestes Projekt: Ein Arbeitskreis für Urbane Kunst. „Ich will Künstler, Kuratoren und Vereine an einen Tisch bringen“, sagt er, „damit die Kultur weiterlebt.“

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