Siemensstadt

Siemens und Senat machen Tempo beim Campus-Projekt

Viele Gebäude stehen am historischen Konzern-Stammsitz leer. In wenigen Jahren soll hier geforscht, produziert und gewohnt werden.

Die Zukunft im Blick: Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, Siemens-Vorstand Cedrik Neike, der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher (v.l.) betrachten vom Dach des Schaltwerk-Hochhauses an der Nonnendammallee das Gelände des künftigen Campus.

Die Zukunft im Blick: Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, Siemens-Vorstand Cedrik Neike, der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher (v.l.) betrachten vom Dach des Schaltwerk-Hochhauses an der Nonnendammallee das Gelände des künftigen Campus.

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin. Ugurcan Güler hat jetzt einen digitalen Helfer. Der Industriemechaniker zieht die Schrauben für die Schalter der neuesten Siemens-Generation jetzt mit einer High-Tech-Knarre an, die mit einem Computer verbunden ist. Ist das richtige Drehmoment erreicht, vibriert das Gerät. Ein Blick auf den Bildschirm zeigt Güler dann, welches Stück als nächstes anzubauen ist.

Solche Verbindungen zwischen Digitalisierung und Produktion sind es, die Siemens auf seinem neuen Campus, der Siemensstadt 4.0, vorantreiben will. Am Freitag nutzten Siemens-Vorstand Cedrik Neike, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher kurz vor Weihnachten die Gelegenheit zu berichten, wie es denn jetzt weitergehen soll mit dem Mega-Vorhaben, das Siemens und der Berliner Senat im Oktober verabredet hatten.

600 Millionen Euro will der Konzern an seinem historischen Stammsitz in den nächsten fünf Jahren investieren, um auf dem auf 70 Hektar großen Gelände die Produktion mit Forschung, Start Ups und Wohnen zu ergänzen. Thematisch soll es um Energietechnik, smarte Infrastruktur und die Mobilität der Zukunft gehen. Das sagte Cedrik Neike auf dem Dach des Schaltwerk-Hochhauses, wo der gebürtige Berliner in den 90er-Jahren einen Teil seiner Ausbildung durchlaufen hatte.

Das Schaltwerk-Hochhaus steht in weiten Teilen leer

Der 13 Stockwerke hohe und 175 Meter lange Bau des Architekten Hans Hertlein war 1929 das erste Fabrikhochhaus Europas. Heute steht es ebenso wie die angrenzenden Produktionshallen unter Denkmalschutz - und zu weiten Teilen leer. Nur in einigen Etagen bildet der Konzern seine Lehrlinge aus. Sie lernen dort das Schweißen zunächst per Computersimulation, ehe sie an echte Werkstücke aus Metall heran dürfen. Oder sie planen und konstruieren autonom fahrende Autos. Auch für die Azubis sind digitale Hilfsmittel völlig normal. Aber wirklich gefertigt wird in dem Hochhaus nichts mehr.

Auch in der ebenerdigen Halle nebenan werden allenfalls Vorarbeiten für die Schalter-Produktion erledigt, ansonsten dient sie als Lagerfläche. Ein Grund für die Agonie mitten in Siemens´ größtem Produktionsstandort sind die Auflagen der Denkmalschützer. Jetzt, wo der Senat und der Konzern gemeinsam den Campus vorantreiben wollen, werden beide Seiten aber noch mal sehr konkret über alles reden, so die Vereinbarung. Die Stadt hat Siemens Entgegenkommen angekündigt. „Der Anspruch ist, möglichst schnell zu entscheiden, um in den nächsten Jahren einen blühenden Stadtteil zu haben“, sagte der Regierende Bürgermeister.

Aus Sicht der Stadtplaner ist der Campus ein riesiges Experiment. Von „beeindruckenden Vorgaben“, sprach etwa Senatsbaudirektorin Lüscher: „Aber ist viel schöner, im Bestand zu bauen als auf der grünen Wiese.“

Auf dem Campus-Gelände stehen heute Autos auf Parkplätzen. Ersatzteile und Export-Kisten lagern unter freiem Himmel. Container stehen neben Rasenflächen. Für Immobilienexperten ist klar: Hier wird Platz nicht effektiv genutzt. Zwei Drittel des Geländes sind nicht bebaut. Aber es findet dort auch Hochtechnologie statt. In der denkmalgeschützten Parabelhalle mit dem runden Dach aus Kupfer fliegen bei Tests mit Hochspannungs-Strom die Blitze. Das soll auch auf dem Campus so bleiben, denn die Anlage ist modern und gut gebucht, nicht nur von Siemens, sondern auch von externen Kunden. Aber bisher war es in Deutschland unüblich bis unmöglich, direkt neben einer solchen Halle Büros und Wohnen zu erlauben. Das neue baurechtliche Konstrukt des „urbanen Gebiets“ ermöglicht nun eine solche Mischung.

Der „kleine Campus“ startet im nächsten Frühjahr

In der modernen Produktionshalle daneben bauen die Siemensianer Schaltsysteme, die immer wichtiger werden, um im Zuge der Energiewende Windräder oder Kraftwerke je nach Bedarf an- oder abzuschalten. Das Geschäft läuft gut. In Berlin haben sie eine Technologie entwickelt, um das bisher zur Isolierung genutzte Klimagas SF6 durch komprimierte Luft zu ersetzen. 500 dieser neuen, klimaschonenden Anlagen stehen in den Auftragsbüchern. In wenigen Jahren sollen die Facharbeiter auf dem Gelände Start-Up-Unternehmern, Forschern und auch Menschen begegnen, die dort leben. Der Zaun soll fallen. Was wo entsteht, wird ein städtebaulicher Wettbewerb festlegen. Senat und Siemens arbeiten derzeit an den Vorgaben für Nutzungen, energetische Vorgaben und Raumbedarfe. Im April sollen ein Dutzend Architekturbüros loslegen und ein halbes Jahr arbeiten. Im Spätsommer soll bei Werkstattgesprächen ein Zwischenstand präsentiert werden.

Auf dem Siemens-Areal will man sich aber schon eher auf den Weg in die Zukunft begeben. Im März soll am Dynamowerk der „Industrie- und Wissenschafts-Campus Berlin“ (IWCB) starten, eine Kooperation von Siemens mit der Technischen Universität Berlin, der Fraunhofer-Gesellschaft und der Bundesanstalt für Materialforschung. Laut Vorstand Neike werden dort zunächst 100 Mitarbeiter innovative Fertigungsmethoden erarbeiten und dann auch ausprobieren.

„Bei dem Campus-Projekt warten wir nicht, wir gehen jetzt konkrete Schritte“, sagte Wirtschaftssenatorin Pop. „Zukunftsthemen finden ja schon heute hier statt.“