Bundeswehr

Wie ein Soldat aus Kladow die Nato-Übung in Norwegen erlebt

Siegfried Kraus ist Kommandeur bei der Luftwaffe. Seit Anfang Oktober ist er in Rena, trainierte dort mit bis zu 8000 anderen Soldaten.

Oberstleutnant Siegfried Kraus aus Kladow ist bei der großen Nato-Übung "Trident Juncture" in Norwegen dabei.

Oberstleutnant Siegfried Kraus aus Kladow ist bei der großen Nato-Übung "Trident Juncture" in Norwegen dabei.

Foto: Dagmar Benner / Luftwaffe/Dagmar Benner

Berlin/ Rena. Die Fotos vermitteln einen kleinen Eindruck davon, wie das Leben von Siegfried Kraus und Tausenden anderen Soldaten in den vergangenen Wochen aussah. Sie zeigen schneebedeckte Wege und Wälder, Behälter, in denen kiloweise Essen zubereitet wird, ein riesiges Zelt, in dem sich Feldbett an Feldbett reiht, und natürlich Panzer und andere Militärfahrzeuge. Anfang Oktober ist Kraus, Oberstleutnant und Kommandeur der Flugabwehrraketengruppe 21, nach Rena, gut 170 Kilometer nördlich von Oslo, gereist.

Bis Mittwochabend hat er mit den anderen Soldaten dort im Rahmen der Nato-Übung "Trident Juncture" trainiert. Insgesamt sind bei dem Manöver an verschiedenen Standorten in Norwegen 50.000 Soldaten aus 31 Nationen dabei. Hinzukommen die Tausenden Fahrzeuge, Panzer und Kampfjets. Es ist die größte Nato-Übung seit Ende des Kalten Krieges.

Siegfried Kraus ist seit über 20 Jahren bei der Bundeswehr, seit fünf Jahren lebt er mit seiner Familie im beschaulichen Kladow. Bei der Übung in Rena waren bis zu 8000 Soldaten aktiv - etwa halb so viele Menschen, wie im gesamten Spandauer Ortsteil Kladow wohnen. Den größten Teil der Soldaten in dem Camp machten deutsche aus, aber auch Norweger, Niederländer, Tschechen oder Franzosen waren beteiligt. "In allen Besprechungen wird deshalb Englisch gesprochen", sagt Kraus. "Das ist nicht immer einfach, aber es ist ja nicht die erste Nato-Übung. Inzwischen gibt es einen gemeinsamen Wortschatz, sodass die Kommunikation funktioniert."

In den vergangenen Wochen wurde in Norwegen rund um die Uhr trainiert, mit wechselnden Schichten. Kraus übernahm dabei eine leitende Rolle. "Mir unterstehen drei Kampfstaffeln und eine Versorgungseinheit, die für Logistik und Technik zuständig ist", erklärt er. Geübt wurde mit dem Luftverteidigungssystem "Patriot", das dafür eingesetzt wird, Räume, Infrastruktur und andere Truppen vor Luftangriffen zu schützen.

Während die Kampfstaffeln ins Gelände gehen und ihre Stellungen beziehen, wird mit einem Radar der Luftraum überwacht. Bis zu 300 Kilometer weit könne man damit gucken, sagt Kraus. "So können wir frühzeitig erkennen, wenn sich ein feindliches Luftfahrzeug nährt und eigene Truppen warnen." Tatsächliche Angriffe gibt es bei einer solchen Übung natürlich nicht, diese werden nur simuliert. Auch scharfe Raketen zur Verteidigung habe man gar nicht dabei gehabt, so Kraus.

Nato-Manöver soll abschrecken

Ziel des gesamten Nato-Manövers ist es, für den Ernstfall zu üben, dass ein Bündnismitglied angegriffen wird. Man wolle besonders den östlichen, aber auch skandinavischen Partnern zeigen, dass die anderen Mitglieder bereit seien, ihre Sicherheit zu schützen, sagt Kraus. Hintergrund sind auch die Ereignisse aus der Ukraine in 2014, als die russische Regierung die ukrainische Halbinsel Krim annektiert hatte. Das große Manöver in Norwegen sollte abschrecken. Eine Provokation, findet der Oberstleutnant, sei es aber nicht gewesen. "Die Nato und alle Nationen sind sehr transparent mit dieser Übung umgegangen."

Auch wenn für die Soldaten in Norwegen der Dienst und das Trainieren für den Ernstfall im Fokus standen, blieb Raum für Freizeit. "Wir haben gelernt, dass dem Fürsorge-Aspekt für Soldaten eine große Bedeutung zukommt", sagt Kraus. "Jemand der sich wohl fühlt, hält länger durch." Und so gab es im Camp nicht nur die riesigen Zelte, in denen 400 Menschen zum Schlafen untergebracht waren, sondern auch ein großes Fitness- und ein Betreuungszelt. "Da gibt es Kicker, Billiardtische, verschiedene Playstations und Bücher", erzählt Kraus. Weil die Anspannung während der Schichten groß sei, sei das Freizeitangebot umso wichtiger. "Das hilft, abzuschalten."

Extreme Wetterbedingungen mit Kälte und Eisregen

In dem Camp trafen dann auch die verschiedenen Nationen außerhalb ihrer Dienstschichten aufeinander. Durch die gemeinsame Basis, finde man schnell Kontakt, schließe zum Teil sogar Freundschaften, sagt Kraus. "Die Stimmung ist trotz extremer Wetterbedingungen und fehlender Privatsphäre nach fünf Wochen immer noch sehr gut."

Tatsächlich mussten die Soldaten, die bei den Übungen vor allem draußen unterwegs sind, während dieser Zeit mit einigen Wetterwechseln umgehen: Von Sonnenschein über Regen bis hin zu Schnee, Eisregen und Temperaturen bis zu -18 Grad habe es alles gegeben. "Wir waren froh, dass wir unsere Winterausrüstung vorher bekommen haben", sagt Kraus. "Mit normaler Bekleidung wäre es frostig geworden."

Nach dem Abschluss des Manövers folgt nun noch eine ausführliche Auswertung. Kraus' erstes Fazit fällt aber positiv aus. "Ich bin mit dem Übungsverlauf wirklich sehr zufrieden", sagt er. Voraussichtlich am Wochenende wird der Kommandeur nach Kladow zurückkommen. "Alle freuen sich natürlich, zu ihren Familien zurückzukehren", erzählt er. Und natürlich gibt es zu Hause auch Dinge, die ein Camp mit 400-Mann-Zelt und Sanitärcontainern nicht bieten kann. "Ich freue mich auch auf meine Matratze und ein heißes Bad", erzählt Siegfried Kraus und lacht.

Mehr über den Bezirk Spandau lesen Sie hier.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.