Außenbezirk

Siemensstadt: Der Kiez wartet auf den Campus

Die Investitions-Entscheidung des Siemens-Konzerns wird den abgehängten Stadtteil aufwerten. Der Forschungscampus soll 2019 eröffnen.

Ein wichtiges Kapitel Berliner Wirtschaftsgeschichte: die Siemens-Zentrale in Spandau

Ein wichtiges Kapitel Berliner Wirtschaftsgeschichte: die Siemens-Zentrale in Spandau

Foto: Massimo Rodari

Siemensstadt. Norbert Taucherts kleines Restaurant „Nobbis“ ist eng mit Siemens verbunden. Es liegt in der Siemensstadt, mit direktem Blick auf das Verwaltungsgebäude des Konzerns. Zur Mittagszeit ist „Nobbis“ eine beliebte Adresse für aktive wie ehemalige Mitarbeiter. Und auch Tauchert selbst hat 35 Jahre dort gearbeitet. Die Nachricht, dass Siemens hier nun 600 Millionen Euro in einen Innovationscampus investieren will, freut ihn. „Das ist schön, davon werden viele profitieren“, meint er.

Damit trifft der Wirt die Stimmung in einem Ortsteil, der sich in den nächsten Jahren massiv verändern wird. Restaurantgast Bernd Eufinger hat ebenfalls bei Siemens gearbeitet, heute kommt der 64-Jährige noch regelmäßig in der Siemensstadt zum Mittagessen vorbei. Berlin, sagt Eufinger, sei Gründungsstadt von Siemens. „Da ist es gut, hier so ein Zeichen zu setzen.“ Er meint das vor allem auch im Hinblick auf die Veränderungen, die Reduzierung der Geschäftsbereiche, die er selbst in dem Unternehmen miterlebt hat. „Wenn es hier nun so eine Initiative gibt, dann ist das doch begrüßenswert“, sagt er.

Städtebaulicher Wettbewerb soll das Areal ordnen

Was genau wo gebaut und später einmal geschehen wird, ist noch nicht klar. Siemens ersparte sich am Mittwoch bei der Präsentation im Roten Rathaus, Simulationen oder Architekturmodelle zu zeigen. Zunächst soll ein städtebaulicher Wettbewerb dazu beitragen, das durchaus komplizierte 70-Hektar-Areal mit Freiflächen und zum Teil denkmalgeschützten Altbauten neu zu sortieren. Erst 2020 wird man also eine Idee davon bekommen, wie die „Siemensstadt 2.0“ einmal aussehen könnte.

Der Berliner Senat hat zunächst zugesagt, die Siemensstadt zum elften Berliner Zukunftsort zu erklären und das Gelände von einem Industriegebiet in ein „urbanes Gebiet“ umzuwidmen, um Wohnen und andere Nutzungen dort zuzulassen.

Wenige Meter vom Restaurant „Nobbis“ entfernt wohnt seit fünf Jahren Silvia Kieslich. Sie zog aus Kreuzberg her, weil die Mieten dort zu sehr stiegen. „Die Siemensstadt ist ein ziemlich totes Ding“, findet sie. Die Idee, bald einen Innovationscampus, neue Wohnungen, Schulen und Kitas um die Ecke zu haben, gefällt ihr. „Neue Leute werden zwangsläufig bewirken, dass es belebter wird“, glaubt Kieslich. Auch Nachbar Marco Engelbrecht sieht das Vorhaben positiv. „Schulen, Kitas, Arbeitsplätze – das ist doch super“, sagt der 32-Jährige. Hat er Angst vor Verdrängung und steigenden Mieten? Engelbrecht zuckt mit den Schultern. „Die steigen sowieso“, meint er.

Schnelle Reaktivierung der Siemens-Bahn mit S-Bahnhof

Spandaus Bürgermeister Helmut Kleebank (SPD), der von Anfang an als Teil der Arbeitsgruppe in der Senatskanzlei mit am Tisch gesessen hatte, begrüßt die Aufwertung seines Bezirks. Kleebank fordert aber, die landeseigenen Gesellschaften beim Bau der bis zu 3000 neuen Wohnungen zu beteiligen und neben den mietpreisgebundenen Einheiten auch das mittlere Preissegment nicht zu vernachlässigen.

Viele Häuser im Kiez sind in die Jahre gekommen. Die rauen Fassaden bezeugen, dass hier lange nichts geschehen ist. Der einstige Bahnhof Siemensstadt ist mit Graffiti besprüht, das Geländer verrostet, beim Schriftzug fehlen mehrere Buchstaben. Tatsächlich war die marode Siemens-Bahn als wichtiges Element der Verkehrsanbindung ein bedeutendes Thema in den Verhandlungen zwischen Siemens und dem Land. Der Bund habe zugesagt, sich für eine schnelle Reaktivierung der Siemens-Bahn mit dem S-Bahnhof einzusetzen und auch die Anbindung ans Breitband für schnelle Datenleitungen voranzubringen, hieß es bei der Pressekonferenz.

Investition: „Das kann nur positiv sein“

Bruno Freund hat in den 80er-Jahren hier gewohnt. „Siemens war damals der Pulsgeber, das hat stark nachgelassen“, sagt er. „Aber das wird wieder aufblühen.“ Mit einem ehemaligen Siemens-Kollegen ist er zum Skatspielen gekommen. Fast jeder hier hat eine Verbindung zu dem Konzern. Ihr Gesprächsthema ist die geplante 600-Millionen-Euro-Investition. Und sie sind sich einig: „Das kann nur positiv sein.“

Die Erwartungen sind auch bei Siemens hoch. Anstatt bunte Bilder und irgendwelche Schätzzahlen über womöglich neu entstehende Jobs zu präsentieren, hoben Senat und Konzern die Vision hervor, die man gemeinsam umsetzen wolle. Start-ups, andere Unternehmen, Forscher und Anwohner sollten dort gemeinsam in einem vernetzten Stadtteil leben und arbeiten.

Siemens-Chef Joe Kaeser zeigte bei der Präsentation die Vision von autonom fahrenden Autos und einem eigenen Telekommunikationsnetz. Kaeser räumte ein, dass „ein Kaufmann“ die Investition in den neuen Campus womöglich nicht tätigen würde, weil eben nicht abzusehen sei, was dabei herauskäme. Aber manchmal müsse man eben auch mal etwas wagen. Das Geld dafür sei da, versteuert, und wenn es nicht klappe wie erhofft, werde das Siemens auch nicht umwerfen.

Forschungscampus wird schon im März 2019 starten

Die Stimmung auf den Straßen scheint ihm recht zu geben mit seiner Vorstellung von der „Siemensstadt 2.0“. Einzig vor dem Tor zum Siemens-Dynamowerk, wo die Hälfte der Jobs wegfallen soll, hört man skeptische Stimmen. „Uns sagt man hier ja nichts“, sagt eine Mitarbeiterin genervt, bevor sie schnell Richtung U-Bahnhof geht. Ein anderer meint, bevor man den Campus in einem anderen Land baue, sollte man das besser hier machen. Allerdings findet er auch: „Man hätte den Beschäftigen mit den Millionen auch mehr Geld zahlen können, das wäre auch was gewesen.“

Die Arbeitnehmervertreter, die sich seit Jahren mit eigenen Ideen gegen den Jobverlust am größten Produktionsstandort von Siemens stemmen, sind jedoch begeistert. Berlins IG-Metall-Chef Klaus Abel setzt seine Hoffnungen für den Produktionsstandort vor allem auf die bereits verabredeten Forschungsprojekte. Auf 76 Millionen Euro belaufen sich die Investitionen in den unabhängig von dem Großvorhaben geplanten „Industrie- und Wissenschaftscampus Berlin“.

Ab März 2019 sollen Wissenschaftler und Gründer hier neue Materialien erproben, 3-D-Druck für die Produktion entwickeln, elektrische Antriebstechnik verbessern. Einen Vertrag darüber unterzeichneten Vertreter von Siemens, des Senats, der Fraunhofer-Gesellschaft, der Technischen Universität und der Bundesanstalt für Materialprüfung ebenfalls am Mittwoch. TU-Präsident Christian Thomsen sagte, er erhoffe sich „von der Kooperation neue Fragestellungen für die Wissenschaft, neue Chancen für unsere hoch qualifizierten Absolventen und Synergie für einen Stadtteil, der systematisch ausgebaut werden soll“. Der Regierende Bürgermeister brachte es auf den Punkt: Wenn es nicht den Beschluss für das Großprojekt gegeben hätte, hätte man sich für den Industriecampus auch gefeiert.

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