Spandau

Staakener Stadtteilladen soll Wettbüro weichen

Anwohner protestieren gegen Pläne für den Problemkiez. Anstelle eines Stadtteilladens soll ein Wettbüro ins Staaken-Center ziehen.

In das Staaken-Center an der Obstallee könnte bald ein Wettbüro einziehen

In das Staaken-Center an der Obstallee könnte bald ein Wettbüro einziehen

Foto: Reto Klar

Berlin. Die Anwohner aus dem Umfeld des Staaken-Centers sind besorgt, das ist an diesem Abend deutlich zu spüren. Die Diskussionen gehen wild durcheinander. Es fallen Worte wie „Katastrophe“, „Chaos“ und „Destabilisierung“. Der Anlass ihrer Versammlung: In das in die Jahre gekommene Einkaufszentrum könnte bald ein Wettbüro einziehen. Genau an die Stelle, an der sich momentan noch der Stadtteilladen befindet. „Wenn das passiert, dann haben wir jeden Tag die Polizei hier“, prophezeit eine Anwohnerin.

Der Spandauer Ortsteil Heerstraße-Nord gilt als Problemkiez: Armut und Arbeitslosigkeit prägen das Quartier. Von den gut 18.000 Bewohnern bezieht fast jeder zweite Transferleistungen vom Staat. Und die Lage verschärft sich, weil wegen steigender Mieten im Stadtzentrum Menschen mit geringen Einkommen zunehmend in die Randbezirke ziehen.

Um der sozialen Abwärtsspirale des Kiezes entgegenzusteuern, engagieren sich Vereine und das Quartiersmanagement. Rund um das zentrale Staaken-Center gibt es verschiedene Projekte: ein Familientreff, ein Jugendcafé und eben den Stadtteilladen. Für diesen könnte nun bald Schluss sein, wenigstens in dem Einkaufszentrum.

Wettanbieter "Tipico" will Laden mieten

„Wir haben eine Anfrage vom Wettanbieter "Tipico", der gerne Mieter im Staaken-Center werden will und Interesse an der Fläche des Stadtteilladens hat“, bestätigt eine Mitarbeiterin des Centermanagements. Bei Politikern, Quartiersmanagern und Anwohnern löst das große Proteste aus. „Die Hochhäuser sind sozial problematisch“, erklärt Christian Porst vom Quartiersmanagement. „Wir haben hier eine der höchsten Armutsquoten in Berlin. Ein Wettbüro könnte die Situation noch verschärfen.“

Seit 2014 existiert der Stadtteilladen an der Obstallee, der vom Quartiersmanagement betrieben wird. Hier finden Deutschkurse und interkulturelle Treffen statt, es gibt verschiedene Beratungsangebote und einen Ort, den Gruppen aus der Umgebung für Veranstaltungen nutzen können. „Wir kämpfen für eine gute Nachbarschaft hier“, sagt Porst. Aktivitäten wie die Eröffnung eines Wettbüros seien dem „komplett zuwider“. Zumal es in dem Zentrum bereits eine Spielhalle gibt.

Stadtteilladen kann Fläche bislang kostenfrei nutzen

Auch der Bundestagsabgeordnete Swen Schulz (SPD) lehnt den Einzug eines Wettbüros in das Staaken-Center klar ab. „Ich habe versucht mit den Eigentümern in Kontakt zu kommen. Bisher gab es von denen aber keine Antwort“, sagt der Politiker. Er unterstützt die Unterschriftensammlungen der Bewohner. „Ich habe die Hoffnung, dass allen Beteiligten klar wird, dass ein Wettbüro von den Anwohnern abgelehnt wird“, so Schulz.

Dass dem Stadtteilladen einmal die Verdrängung drohen könnte, war allerdings schon bei dessen Einzug klar. Das Quartiersmanagement kann die Ladenfläche kostenfrei nutzen. Vereinbart wurde aber auch: Sobald sich ein Mieter findet, der den üblichen Preis bezahlt, müsste das Geschäft kurzfristig geräumt werden. Da für Mitinteressenten bislang immer andere Läden in dem Einkaufszentrum gefunden wurden, konnte der Stadtteilladen bis heute bleiben.

Im Bezirksamt, das bestätigt Baustadtrat Frank Bewig (CDU), ist inzwischen ein Antrag auf eine Nutzungsänderung des Ladens eingegangen. Das Bezirksamt prüft nun, ob ein Wettbüro baurechtlich in dem Zentrum möglich ist. Allerdings sagt Bewig, es sei schwierig, auf Grundlage des Baurechts ein Wettbüro zu untersagen.

Anwohner wollen weiter Unterschriften gegen Wettbüro sammeln

Dennoch gibt es für den Stadtteilladen Hoffnung: Denn auch vom Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten muss ein Wettbüro genehmigt werden. Bislang liege noch kein Antrag vor, sagt ein Sprecher der Innenverwaltung. Und da sich im selben Gebäude bereits eine Spielhalle befindet, wäre ein Wettbüro wohl nicht genehmigungsfähig.

Auch die Management-Mitarbeiterin betont: „Es ist noch nichts in Sack und Tüten.“ Weder gebe es bislang einen Entwurf für einen Mietvertrag mit "Tipico", noch wurde dem Stadtteilladen bereits gekündigt. Beruhigt sind die Anwohner dennoch nicht. Sie wollen weiter Unterschriften sammeln, Briefe an Behörden schreiben.

Denn sie erinnern sich noch gut an die Zeit, als es im Staaken-Center einmal ein Wettbüro gab. Damals habe es regelmäßige Polizeieinsätze gegeben, erzählen sie, und irgendwann sei das Büro „über Nacht verschwunden“. Vermisst, das steht fest, haben es die Anwohner seither nicht.

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