Verkehrsserie

Mit dem Bus 134 durch Spandau: 39 Haltestellen, zwei Welten

Die Linie fährt einmal längs durch den West-Berliner Stadtteil. Es ist eine Linie der Gegensätze. Das zeigen auch die Imbissbuden.

Bei Nadja Bartniczak am Parnemannweg in Kladow gibt's Chai Latte und eine Ladung Glück to go

Bei Nadja Bartniczak am Parnemannweg in Kladow gibt's Chai Latte und eine Ladung Glück to go

Foto: Glanze/Berliner Morgenpost

Die Fahrt kann beginnen, der Fahrer ist genervt. Immer das Gleiche auf Buslinie 134. Mit drei Minuten Verspätung verstummt der Motor vor der Wendeschleife am Wasserwerk Spandau. Der Fahrer – Glatze, Spitzbart, rotes Stern-Tattoo am Ellbogen – stemmt sich aus dem Sitz, schüttelt die Beine aus. Von den vier Minuten Pause, die der Fahrplan vorsieht, bleibt ihm eine. "Zum Glück rauche ich nicht mehr", sagt er. Wobei, manchmal würde das Nikotin helfen. Etwa wenn er wie vor ein paar Minuten von einer Frau angeschnauzt wird, die zu spät den Halteknopf gedrückt hatte: "Frechheit!" Spandau eben, meint der Busfahrer. "Im Norden ist's rau. In Kladow, da grüßen die Leute auch mal beim Einsteigen."

Die Türen zischen, der Bus fährt los. Mit einer Minute Verspätung. Linie 134 führt einmal längs durch den Bezirk. 39 Haltestellen, 17 Kilometer, zwei Welten. Das zeigt auch das kulinarische Angebot. Bei Ralf Kalläne an der Ecke Gatower und Heerstraße gibt es große Schale Fleisch und Schultheiß, bei Nadja Bartniczak am Parnemannweg in Kladow Chai Latte und eine Ladung Glück to go. Zwischen ihnen liegen 20 Minuten im 134er.

Dieser Artikel entstand mit den Daten unseres interaktiven Haltestellen-Checks

Berlin, Stadt der Gegensätze. Die 250 Linien der BVG und S-Bahn pendeln zwischen ihnen, fahren von der Ostplatte ins Villenviertel, vom Weckle zur Schrippe, aus der Hartz-IV-Siedlung zu den Townhouses der CEOs. Der interaktive Haltestellencheck der Berliner Morgenpost zeigt, wie Berliner an den ÖPNV-Linien ticken. An jeder Haltestelle wird sichtbar: Wie viele Zugezogenen wohnen dort, wie viele Berliner? Wie wird hier gewählt? Wie hoch sind die Mieten? In einer Reportagereihe gleichen wir die Statistiken mit der Wirklichkeit ab.

Die ersten Haltestellen des 134ers wischen unbeachtet hinter der Fensterscheibe vorbei. Wolburgsweg, Frankenwaldstraße. Am Friedhof in den Kisseln steigen ein paar Rentner und eine Jugendliche zu. Links flattern Deutschlandfahnen in Kleingärten. Ein Blick auf die Morgenpost-App: Auf den ersten Kilometern des 134ers gehört Berlin noch den Berlinern. Über 65 Prozent der Anwohner kommen aus Berlin.

Familienstreit am Wröhmännerpark

Weiter in Richtung Alt-Spandau. Die Mietshäuser wachsen in die Höhe, Geplauder auf Arabisch, Türkisch, Berlinerisch erfüllt den Bus. Am Wröhmännerpark gibt die Flügeltür mit einem Zischen die Bühne für einen Familienstreit frei: Der Sohn krallt sich an der Goldkette des Vaters fest. Dem tritt die Mutter gegen das Schienbein, sie schimpft, er erwidert den Tritt. Im Bus schweigen sie in entgegengesetzte Richtungen.

Wenn es so etwas wie einen sozialen Brennpunkt auf der Linie 134 gibt, dann ist er hier, rund um den kleinen Park zwischen der gekräuselten Havel und den Läden mit türkischen und kyrillischen Aufschriften. 34 Prozent der Anwohner am Wröhmännerpark beziehen Hartz IV, niedriger ist die Kaufkraft auf der Linie nirgends.

Eine Station weiter bricht Hektik aus. Gut zehn Kontrolleure lauern an der Moritzstraße. Wer kurzentschlossen den Bus verlässt, wird umstellt, wer die BVG-Razzia aussitzt, wird am Sitzplatz heimgesucht. Als der Bus weiterfährt, gibt es freie Sitzplätze. Das streitlustige Pärchen kann mehrere Beinlängen Abstand zwischen sich bringen.

Currywurst mit – und einmal Kaffee Pervers

Am Rathaus Spandau wird es wieder eng. Und dann passiert das, was in solchen Momenten im Berliner Nahverkehr immer passiert. Irgendjemand packt einen Döner aus - mit Knoblauch, unverkennbar. Die Blicke flüchten aus dem Fenster.

Matratzenlager, rußige Fassaden, Spandauer Entengrillteller süß-sauer. Hier, entlang der Wilhelmstraße, sind die Anwohner der Linie 134 am ältesten, fällt der Anteil der Migranten ab, wählten im Spätsommer 2016 an manchen Haltestellen mehr Menschen die AfD als die CDU. Der Anteil der gebürtigen Berliner erreicht an der Haltestelle Gatowerstraße/Heerstraße seinen Höhepunkt, zwölf Meter vor Ralf Kallänes Currybude.

Tanja hat telefonisch vorbestellt: Currywurst mit – und einmal Kaffee Pervers. Das Standardmenü der Busfahrerin mit den aufgemalten Augenbrauen. Die Wurst gibt's für 1,70 Euro, den Kaffee im Plastikbecher mit sechs Schüben aus dem Zuckerstreuer. Nichts in Kallänes Imbissbude ist geschönt: die braunen Fettflecken auf seinem weißen T-Shirt, Sätze wie: "Einmal Spandau, immer Spandau." 20 Jahre sei er fremdgegangen, mit Tiergarten, dann wurde er geschieden. Kalläne kehrte heim, zu seiner Bretterbude, vor der fünf Barhocker in der Sonne glitzern. Vor 15 Jahren gab es die Currywurst bei Kalläne noch für 1,30 Euro. Jetzt fürchtet er: Die nächste Preiserhöhung werden manche Stammkunden nicht mehr mitmachen. Die Pendler aus Kladow werden bleiben, die Busfahrer auch.

Einfamilienhäuser, Kegelbahn, deutsche Küche

Gleich hinter Kallänes Imbissbude beginnt sich das Bild zu wandeln. Auf beiden Seiten der Busfenster: Innen wird der Bus leerer, die Hautfarbpalette eintöniger, die Gespräche verstummen. Außen tauchen die ersten Einfamilienhäuser auf, Kegelbahn, deutsche Küche. CDU-Land. Gleich nach der Kreuzung Heerstraße übernimmt die Partei im Morgenpost-Diagramm zu den Ergebnissen der Abgeordnetenhauswahl im Jahr 2016 entlang der Linie 134 die Oberhand über die SPD, gleichzeitig sinkt AfD-Kurve, die der Grünen und der FDP steigt. Die Kaufkraft schießt nach oben.

Hinter dem Dorfkern von Alt-Kladow schwellen die Einfamilienhäuser auf Landhausgröße an. Eher als Bus fährt man hier Familienvan. Zwei parken in der Kieseinfahrt von Nadja Bartniczak. Vor einem Jahr hat sie ihr Familiencafé hier eröffnet, direkt an der Haltestelle Parnemannweg: Es gibt Schoko-Brownies, eine Kidscorner, weiße Retro-Schalen-Stühle und eine "Glücksaufladestation".

Bartniczaks Geschichte ist typisch für Kladow. Sie ist hier aufgewachsen, floh irgendwann vor der Langeweile nach Friedrichshain. Das Café ist der erste Schritt zurück. Ihre Kinder sollen auch im beschaulichen Villenviertel an der Havel aufwachsen. Während in Gatow noch mehr Zugezogene als Einheimische wohnen, überwiegen in Kladow wieder die Berliner. In Bartniczaks Café treffen sie sich bei Biobabybrei und Chai Latte.

Etwas mehr als 45 Minuten nach dem Wendemanöver am Wasserwerk kommt der 134er am Hottengrund zum Stehen. Kurze Pause. Dann beginnt die Busfahrt zwischen den Welten von vorn. Mit zwei Minuten Verspätung.

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Hinweis: Das Familiencafé von Nadja Bartniczak am Parnemannweg in Kladow wurde inzwischen geschlossen.

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