Wasserstadt Oberhavel

"Pepitahöfe" werden von der Altlast zum Glücksfall

Die „Pepitahöfe“ bieten Platz für 1024 Wohnungen. Dabei galt die Wasserstadt Oberhavel Anfang der 90er-Jahre noch als Fehplanung.

Die Blöcke sieben und acht der Pepitahöfe wurden vom Büro Stuke Architekten entworfen

Die Blöcke sieben und acht der Pepitahöfe wurden vom Büro Stuke Architekten entworfen

Foto: WBM / x

Im Sommer 1992 gab der Senat, auch damals regierten SPD und CDU, den Startschuss für das städtebauliche Entwicklungsgebiet Wasserstadt Oberhavel, einem 206 Hektar großen Areal rings um die Insel Eiswerder in Spandau. In den folgenden Jahren erwies sich die Planung jedoch als viel zu ehrgeizig, der erwartete Bevölkerungs- und Immobilienboom nach der Wende blieb aus und Berlin auf Kosten von 450 Millionen Euro sitzen. Die teure Altlast an der Havel erweist sich nun als wahrer Glücksgriff: Insgesamt 5500 Wohnungen sollen in den kommenden Jahren dort errichtet werden. Für die ersten 1024 Wohnungen wurde am Donnerstag der Grundstein gelegt.

Das knapp 60.000 Quadratmeter große Baugrundstück gleicht einer überdimensionierten Sandkiste. Der erste Baukran steht, elf weitere sollen in den kommenden Wochen folgen. Das ehrgeizige Ziel: In mehreren Bauabschnitten sollen die sogenannten Pepitahöfe bis Ende 2018 bezugsfertig sein. „Die Pepitahöfe sind ein wichtiges Großprojekt innerhalb der Wohnungsbauoffensive des Landes Berlins“, sagte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD), der eigens an die Mertensstraße gekommen war, um den Grundstein für das Bauvorhaben zu legen.

Kommunale Unternehmen übernehmen den Bau

Nach den aktuellen Prognosen soll die Bevölkerungszahl in Berlin in naher Zukunft die Vier-Millionen-Marke überschreiten. Da sei das Quartier genau das Angebot, das Berlin brauche. Das Großprojekt werde zudem in beispielhafter Kooperation von privaten und städtischen Unternehmen errichtet, so Geisel weiter. Die kommunale Degewo und die WBM haben dafür das schlüsselfertige Wohnungsbauprojekt „Pepitahöfe“ von den privaten Entwicklern KIM und MHMI erworben. Die Realisierung des Bauvorhabens liegt dabei in der Verantwortung der Entwickler.

Der städtebauliche Entwurf sieht eine klassische Berliner Blockrandbebauung mit acht begrünten Innenhöfen vor, die sich alle zu einem zentralen Grünzug hin öffnen – der „Pepita-Promenade“. Der ungewöhnliche Name des neuen Stadtquartiers und seiner zentralen Achse leitet sich ab von der spanischen Tänzerin Pepita de Oliva. Mitte des 19. Jahrhunderts bewohnte sie ein Schlösschen im nahen Hakenfelde.

Die bis zu fünfgeschossigen Wohngebäude, die von fünf verschiedenen Architekturbüros entworfen wurden, bieten zusammen rund 75.000 Qua­drat­meter Wohnfläche für Ein- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen (42 bis 111 Qua­dratmeter). 25 Prozent der Wohneinheiten (256 Wohnungen) sollen gefördert werden, sodass Nettokaltmieten ab sechs Euro je Quadratmeter möglich sind. Die Durchschnittsmiete soll nach Angaben des Senators bei 9,50 Euro pro Quadratmeter liegen.

Gewerbe, Spielplätze und Tiefgarage geplant

Vorgesehen sind außerdem 479 Tiefgaragenparkplätze und 530 Quadratmeter Gewerbefläche für Läden. Neben Grünanlagen entstehen auch rund 2.000 Quadratmeter öffentliche Spielplatzfläche. Mit der BVG seien höhere Frequenzen für die Buslinien verabredet, sagte Geisel mit Blick auf den öffentlichen Nahverkehr. Das Bauvorhaben bezifferte der Senator mit einer Investitionssumme von rund 200 Millionen Euro.

„Jahrzehnte gab es viele Gerüchte, was aus dem Grundstück wird“, sagte Carsten Röding (CDU), Spandaus stellvertretender Bezirksbürgermeister und Baustadtrat. „Heute ist der Tag, wo wir signalisieren, dass wir nicht nur den Wohnungsbau ankündigen, sondern dass wir es tatsächlich machen“, erinnerte der Bezirkspolitiker an die unrühmliche Vergangenheit der Wasserstadt Oberhavel. Als die landeseigene Wasserstadt GmbH, die für die Entwicklung der Wasserstadt Oberhavel und der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg zuständig war, 2007 aufgelöst wurde, war die Bilanz ernüchternd: Von den ursprünglich geplanten 12.700 Wohnungen waren gerade einmal 3700 errichtet worden. In den folgenden Jahren wurden die stadtentwicklungspolitischen Rahmenbedingungen an die Realität angepasst – nun sollten es insgesamt lediglich 7600 Wohnungen sein. Immerhin: Die einst von Brachen und Gewerbe verstellten Ufer sind zugänglich, ein rund sieben Kilometer langer Uferweg wurde angelegt, 15 Kilometer Straße gebaut, acht Straßen- und sieben Fußgängerbrücken errichtet sowie 44 Millionen Euro in die Altlastenbeseitigung investiert.

Geht es nach den ersten Bewohnern der Wasserstadt, deren Wohnungen nun unmittelbar an das neue Baufeld grenzen, hätte es ruhig beim halb fertig errichteten Quartier bleiben können. „Bitte nicht hier“, sagte ein älterer Herr, der im benachbarten Quartier Pulvermühle wohnt und mit seinem Hund immer auf dem jetzt abgesteckten Baufeld spazieren ging. „Hier ist doch schon so viel bebaut worden, bald gibt es keine Freiräume mehr“, so die Befürchtungen des Mannes, der Ende 2000 als einer der ersten in das Quartier zog. Die Pulvermühle mit ihren mit dunkelroten Klinker versehenen Fassaden ist mit etwas mehr als 1000 Wohnungen ungefähr genauso groß wie die Pepitahöfe. Allerdings wurden hier 70 Prozent der Wohnungen im sozialen Wohnungsbau errichtet.

Misstrauisch beobachtete eine junge Mutter, die ihr Kind von der Kita abgeholt hatte, das Geschehen auf der Baustelle. „Hier ist auch bald jeder freier Ort am Wasser mit Einzelhäusern bebaut“, sagte sie der Berliner Morgenpost. Der Hinweis, dass dort bezahlbare Mietwohnungen entstehen sollen, überraschte sie. „Das wusste ich nicht, das ist dann ja gut.“ Sie sei nach der Geburt ihres Kindes selbst auf der Suche nach einer neuen Wohnung. „Unsere alte ist zu klein geworden, ich werde mich gleich auf die Warteliste für die Neubauten setzen lassen.“