Reinickendorf
Märkisches Viertel

Das MV hat neue Spielschluchten für Kinder, nicht für Katzen

| Lesedauer: 6 Minuten
Dirk Krampitz
Die Hauptattraktion der neu geschaffenen Spielschlucht mit dem Thema Wasser ist ein 30 Meter langes Klettergerüst.

Die Hauptattraktion der neu geschaffenen Spielschlucht mit dem Thema Wasser ist ein 30 Meter langes Klettergerüst.

Foto: Dirk Krampitz

Für 30 Millionen Euro wurden die Außenanlagen im Märkischen Viertel umgestaltet. Dabei wurden auch 26 neue Spielplätze gebaut.

Berlin. Noch wirkt sie geradezu unberührt. Kein Steinchen Kies auf dem blauen Bodenbelag. Die „Wasserschlucht“ mit dem blauen, 30 Meter langen Klettergerüst und Trampolinen liegt vor der Wohnhausgruppe 917 an der Quickborner und Treuenbrietzener Straße und wartet auf die Kinder, die aus der Schule kommen.

Für rund 30 Millionen Euro hat die Gesobau die Außenbereiche im Märkischen Viertel seit 2020 neu gestaltet. Im Beisein von Bezirksbürgermeister Uwe Brockhausen (SPD) wurden am Mittwoch einige der im Slang des Hochhausgebiets „Spielschluchten“ genannten Spielplätze im Märkischen Viertel eröffnet. Dort, im Nordosten des MV, gibt es gleich vier mit den Themenschwerpunkten Wald, Wasser, Felsen und Dschungel, allein dieses Quartett nimmt 13.310 Quadratmeter ein. Die vier „Spielschluchten“ sind beispielhaft für die 53 Spiel- und Streetball und Bolzplätze, die modernisiert wurden und die 26 neugebauten Spielanlagen. Die letzten Arbeiten an den Außenanlagen werden 2023 abgeschlossen sein.

„Es sind unterschiedlichste Spiel- und Bewegungsräume, kein Gerät, kein Thema wiederholt sich im ganzen Viertel“, sagt Landschaftsarchitekt Karl Wefers, der die Anlagen mit seinem Team geplant hat. Im MV vermietet die Gesobau 15.800 Mieteinheiten mit insgesamt 975.000 Quadratmetern Fläche. Darin leben zwischen 25.000 und 30.000 Menschen, davon rund 8000 Kinder- und Jugendliche.

Der Bürgermeister denkt an seine Kindheit

Im Kies der „Steinschlucht“ stehend, kommt Bürgermeister Brockhausen ins Schwärmen. „Es ist schön mitzuverfolgen, wie sich das Märkische Viertel in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Die neugestalteten Grünflächen bieten den Bewohnerinnen und Bewohnern im Viertel viel Raum für Spiel und Erholung“, sagt er und gesteht mit Blick auf die Steinschaukeln: „Davon hätte ich als Kind geträumt.“

Er ist in Reinickendorf-Ost aufgewachsen. Da hätten er und seine Freunde vor allem auf Grünflächen gespielt. „Es gab auch mal eine Schaukel, aber die ist natürlich nicht mit diesen hier zu vergleichen. Ich finde es toll, wie umfassend hier nachgedacht wurde. Das lässt Kinderherzen höher schlagen.“

Termine und Kosten im Plan

Landschaftsarchitekt Karl Wefers baut seit 30 Jahren immer wieder auch im Märkischen Viertel. Diesmal hat er das Gefühl, dass es etwas Besonderes ist. „Es sind Kinder auf uns zugekommen und haben gesagt: Vielen Dank, das ist das Schönste, was wir gesehen haben. Das habe ich noch nie erlebt.“ Klar, leider gibt es auch schon vereinzelte Schmierereien. Immerhin die Kletterwand ist mit Anti-Graffiti-Lack beschichtet.

Fünf Jahre haben Wefers und bis zu zwölf seiner Leute geplant und versucht, möglichst viel für möglichst wenig zu bekommen. So wurden alte Wälle zum Teil einfach überpflanzt, anstatt sie herauszureißen oder zu sanieren. „Für alles hätte man auch das Drei- bis Vierfache ausgeben können.“ Andererseits hätten sie mit der Beauftragung Anfang 2020 noch Glück gehabt. Danach schossen die Baukosten in die Höhe. „Wir haben keine Termin- oder Kostenüberschreitungen.“ Die Bauarbeiten werden in 2023 abgeschlossen.

Picknickflächen und Hundesauslaufgebiet

Irina Herz, Geschäftsbereichsleiterin Immobilien-Bewirtschaftung bei der Gesobau, war es wichtig, „für alle Generationen ein nachhaltiges, lebenswertes Umfeld zu schaffen, das erlebbar ist“.

Für die ältere Generation gibt es die Waldschlucht – wenn man ehrlich ist, ist es eine sehr schöne Wiesenbegrünung mit Sitzbänken. Dabei auch immer im Blick: die Entsiegelung von Flächen, neue klimagerechte Grünanlagen und Blühwiesen sowie neue Fuß- und Radwege, Beleuchtungen, Beschilderungen sowie Treffpunkte für die Anwohner. Es gibt diverse Picknickflächen, drei Urban Gardening-Projekte sowie ein Hundeauslaufgebiet. „In der Hoffnung, dass der Hundekot dann nicht überall herumliegt“, sagt Wefers.

Kies statt Sand – auch wegen der Katzen

Denn Tiere sind ein Thema im Märkischen Viertel: Noch heute könne man einzelne der alten Sandkästen sehen, die man bei der Gründung des Märkischen Viertels direkt neben die Parkplätze gebaut hat. „Aber heute sind in der Praxis eigentlich eher Katzen- und Hundeklos.“

Auch darum sind viele der neuen Spielschluchten mit Kies unterschiedlicher Körnung bedeckt – je nach möglicher Fallhöhe, je höher, desto feiner. „Sand muss jedes Jahr erneuert werden, im Gegensatz zu Kies, der leichter sauber zu halten ist. Und er ist für Katzen und Hunde nicht so interessant.“

Freiluftfitness und Barrierefreiheit

Für die Teenager wurde eine „Outdoormuckibude“ gebaut, wie Landschaftsarchitekt Wefers die Calesthenics-Fläche griffig umschreibt. Am Mittwochmorgen sitzen zwei junge Männer und staunen die Geräte an. „Wir gehen hier zur Schule und haben das heute zum ersten Mal gesehen. Ganz gut ...“, sagt der eine und beide stecken sich eine Zigarette an. Und trainieren? „Später vielleicht mal. Wir haben nur kurz Pause.“

Alle Wege wurden nach Möglichkeit barrierefrei. Unbedingt nötige Treppen sind für Menschen mit Seheinschränkungen optimiert. Und es gibt neue Rollstuhlrampen, auch wenn man dafür mal eben 20 Quadratmeter braucht, weil der Höhenunterschied zu hoch ist. „Es ist genau festgelegt, wie viel Prozent die Steigung betragen darf“, sagt Wefers. Und die Querverbindungen zwischen den ansteigenden Rampen seien da, damit man sich dort in Ruhe verpusten könne. „Es sind ja meist nicht junge Menschen mit einem Sportunfall, die im Rollstuhl sitzen. Und schieben Sie mal im Alter jemanden, der 80 Kilo wiegt …“, sagt Wefers.

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