Reinickendorf
Märkisches Viertel

Fahrstuhl in 18-stöckigem Haus seit neun Monaten defekt

In einem 18-Geschosser im Märkischen Viertel ist einer von zwei Liften kaputt – ein großes Problem vor allem für Rollstuhlfahrer.

Einer von zwei Aufzügen am Senftenberger Ring 84 ist seit Monaten defekt. In dem 18-stöckigen Gebäude leben Hunderte Menschen. Die Anwohner wollen sich die Situation nicht mehr gefallen lassen.

Einer von zwei Aufzügen am Senftenberger Ring 84 ist seit Monaten defekt. In dem 18-stöckigen Gebäude leben Hunderte Menschen. Die Anwohner wollen sich die Situation nicht mehr gefallen lassen.

Foto: Susanne Kollmann

Berlin. Wenn Gunther Lindenberger mit seiner Tochter die Wohnung verlassen und nach draußen möchte, ist das mit großem Aufwand verbunden. Sie ist schwerbehindert, sitzt im Rollstuhl und ist auf fremde Hilfe angewiesen. Da sie am Senftenberger Ring im Märkischen Viertel ganz oben in einem 18-stöckigen Hochhaus wohnen, geht es nicht ohne einen Aufzug. Doch ausgerechnet der große von insgesamt zwei Aufzügen ist defekt – seit neun Monaten. Um in den kleineren Aufzug zu passen, müssen Teile des Rollstuhls abgebaut und im Anschluss unten wieder montiert werden. Die Reparatur des Aufzuges scheint allerdings komplizierter, als zunächst gedacht.

71 Wohnungen gibt es in dem Hochhaus, Hunderte Menschen sind auf die Aufzüge angewiesen. Die meisten von ihnen sind im Rentenalter, können nicht bis in die obersten Stockwerke die Treppen hinauf laufen. Udo Scheinert kennt das Problem. Der 77-Jährige lebt im 13. Stock. Deshalb stellt er sich jedes Mal in die Reihe vor dem verbliebenen, aber wesentlich kleineren Aufzug. „Und das in Zeiten von Corona. Hier unten tummeln sich immer viele Menschen.“, weiß er. Weil immer nur zwei Personen in den Aufzug dürften, dauere es teilweise sehr lange, bis er an der Reihe sei. Wenn er könnte, würde er die Treppen nehmen. Ihn beschleicht nämlich jedes Mal ein mulmiges Gefühl, wenn er den Aufzug betritt, „vielleicht bleibt dieser bald stecken?“ Die Hochhäuser wurden Ende der 1960er-Jahre gebaut, so alt sind auch die Geräte.

Reinickendorf: Kaputter Aufzug wegen unsachgemäßer Personenbefreiung

Die Bewohner versichern, dass sie mehrfach bei dem Berliner Wohnungsbauunternehmen Degewo nachgefragt hätten, doch sie seien immer vertröstet worden, konkrete Auskünfte habe es nicht gegeben, außer einen Zettel am Aufzug, dass dieser defekt sei. Sie fühlen sich alleine gelassen – bis heute. Deshalb haben sie sich an Michael Schulz (Die Grauen) gewandt. Schließlich sei er von 2006 bis 2016 Bezirksverordneter gewesen, wisse nach eigenen Angaben also, wie man auf politischer Seite etwas bewirken und Druck erhöhen könne. „Vor ein paar Tagen wurde ein Zettel in den Eingangsbereich gehängt. Erst jetzt wissen wir wenigstens, was eigentlich Sache ist“, sagt Scheinert. Zuvor konnte nur gemutmaßt werden. Schulz lässt sich von dem Aushang nicht beirren – dieses Vorgehen sei bei Wohnungsgesellschaften gängige Praxis, um die Mieter zu beschwichtigen.

Wie Paul Lichtenthäler, Sprecher der Degewo, mitteilte, musste vor neun Monaten eine Person aus dem Aufzug befreit werden. Dies sei allerdings unsachgemäß geschehen, so dass bei der Aktion der Aufzug so beschädigt worden sei, dass Teile ausgetauscht werden müssen. Das Problem: Diese Teile gibt es nicht mehr, sie müssen nachproduziert werden. „Es ist wirklich eine unschöne Geschichte, die uns sehr leid tut“, bedauert Lichtenthäler. Die Wohnungsbaugesellschaft habe schon viel Druck bei den betroffenen Firmen für eine schnelle Reparatur gemacht, „wenn es aber den Lieferanten nicht mehr gibt und die wenigen Firmen, die das Teil produzieren können wegen Corona gebeutelt sind, wird es sehr schwierig“. Zudem seien die Auftragsbücher durch den Bauboom immens voll. Gerüchte unter den Bewohnern, dass Ersatzteile aufgrund zu hoher Kosten nicht beschafft würden, widerspricht die Degewo.

Weihnachten soll der Aufzug am Senftenberger Ring 84 wieder nutzbar sein

Was den meist älteren Bewohnern am meisten zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass der Notarzt im Notfall auch sehr lange brauchen würde, um zu dem Patienten vorzudringen. Eine Rettungskraft würde mit dem Patienten in den kleinen Aufzug passen. Muss jemand auf einer Trage transportiert werden, geht das nur über die Treppe – bei 18 Stockwerken geht viel wertvolle Zeit verloren. Selbst wenn man laut Udo Scheinert nicht vom Schlimmsten ausginge, gebe es viele Probleme. Er wisse von einem Nachbarn, der einen Kühlschrank bestellt habe. „Keine Ahnung, wie der nach oben kommen soll“, sagt Scheinert, „in den Aufzug wird der nicht passen.“ Er habe jetzt schon Mitleid mit dem Paketboten.

Einen kleinen Lichtblick gibt es für die Bewohner am Senftenberger Ring: Wie die Degewo in ihrem Aushang mitteilt, stehe ihnen eine Mietminderung zu, wenn auch nur für den Ausfall eines Aufzugs. Diese werde in einem gesonderten Schreiben mitgeteilt und dem Mietenkonto gutgeschrieben. Eine Verrechnung sei dann mit der Mietzahlung für den Monat Januar möglich, heißt es.

Bis Weihnachten soll das Ersatzteil eingebaut sein und der Aufzug wieder fahren. Die Bewohner können das aber noch nicht so ganz glauben. Schließlich seien sie schon öfter vertröstet worden.