Reinickendorf
Nabu

Stadtheide und Flughafensee sollen Naturschutzgebiet werden

Der Nabu Berlin will den Flughafensee und die Tegeler Stadtheide unter Schutz stellen. Was das Areal so besonders macht.

In der „Tegeler Stadtheide“ und am Flughafensee leben 493 Pflanzen-, 209 Schmetterlings-, 125 Bienen- und 44 Libellenarten.

In der „Tegeler Stadtheide“ und am Flughafensee leben 493 Pflanzen-, 209 Schmetterlings-, 125 Bienen- und 44 Libellenarten.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin. Der Countdown zur Schließung des Flughafens Tegel läuft, noch 24 Tage, dann ist mit dem Flugverkehr dort planmäßig Schluss. Während viele Anwohner aus Reinickendorf, aber auch Spandau oder Pankow das Ende und die damit einhergehende Ruhe herbeisehnen, ist der Naturschutzbund Berlin (Nabu) besorgt. Sie sehen die „Tegeler Stadtheide“ mit dem angrenzenden Vogelschutzreservat am Flughafensee in akuter Gefahr. Denn auf das Ende des Flugbetriebs sollen in den kommenden Jahren die Urban Tech Republic und das Schumacher Quartier mit über 5000 Wohnungen folgen. Und die Natur, so befürchtet der Nabu, gerate dadurch unter massiven Druck.

Die Naturschützer haben deshalb online eine Petition gestartet: „Schützt das Naturparadies am Flughafen Tegel“, fordern sie dort. Wie eine Pressereferentin des Nabu Berlin sagt, sei es die erste Petition, die man bislang organisiert habe. Und die hat schon einige Menschen erreicht: Bei gut 2000 liegt die Zahl der Unterschriften momentan.

Einsatz für den Flughafensee seit fast 40 Jahren

Einer, der sich seit fast 40 Jahren für das Gebiet am Flughafensee einsetzt, ist Frank Sieste, Leiter der Nabu-AG „Flughafensee“. Als 14-Jähriger habe er angefangen, sich für die Natur dort zu engagieren, heute ist er bis zu viermal die Woche dort. Er kümmert sich mit anderen Ehrenamtlichen um die Pflege des vierzehn Hektar großen Vogelschutzreservats am See, untersucht die Brutvögel oder erfasst die Artbestände. Nach dem Sommer kehrt nun Ruhe in dem Gebiet ein, „jetzt ist es eine Naturoase“, sagt Sieste bei einem Spaziergang am Donnerstag.

An dem Nachmittag sind wenige Menschen an dem See anzutreffen. Das Vogelschutzreservat – ein Begriff, der laut Nabu keinen gesetzlichen Schutzstatus mit sich bringt und deshalb nicht ausreicht – ist zusätzlich eingezäunt, dort ist niemand unterwegs. Dafür sieht man zwei Eisvögel, die tief über dem Wasser fliegen und einen Kormoran, der mit ausgebreiteten Flügeln seine Federn trocknen lässt. Rotkehlchen sind zu hören und beim Spazieren fallen viele Pilzarten auf. „Wir haben hier viele verschiedene Lebensräume auf engem Raum“, erklärt Sieste. Es gibt den See, das Schilf, Trockengras und Mischwald, außerdem Totholz, Heideflächen oder Sandsteilwände, in denen Wildbienen nisten.

In der Tegeler Stadtheide leben gefährdete Vogelarten

Die Artenvielfalt ist auch ein Argument des Nabus, weshalb das Areal geschützt werden muss. Nach Angaben der Naturschützer leben in der „Tegeler Stadtheide“ und am Flughafensee 493 Pflanzen-, 209 Schmetterlings-, 125 Bienen- und 44 Libellenarten. Hinzukommen gefährdete Vogelarten wie Zwergtaucher und Schilfrohrsänger, dazu eines von berlinweit nur vier Zwergdommel-Brutpaaren, die an der Uferzone des Sees zu finden sind und auf der Roten Liste vom Bundesamt für Naturschutz stehen. Auf den Heideflächen brüten elf Rote-Liste-Arten, darunter ein Fünftel der Berliner Feldlerchen und der sehr seltene Steinschmätzer.

Schon heute, berichtet Sieste, sind gerade im Sommer an den Badestränden zahllose Menschen unterwegs. Mit den Tausenden geplanten Wohnungen „kommen nochmal mehr Leute, und zwar von allen Seiten“, befürchtet er. Zwar solle die Tegeler Stadtheide auch für die Menschen erlebbar sein, aber auch die Tiere sollen in Teilen ihre Ruhe behalten können, um die Artenvielfalt zu bewahren. „Das Publikum muss gelenkt werden“, sagt Sieste deshalb. „Es muss vorher klar sein, wie wird das Gebiet abgegrenzt oder wo führen Wege lang.“

Darüber, dass die Fläche schutzbedürftig ist, besteht Einigkeit. „Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz bereitet seit 2009 eine entsprechende Unterschutzstellung der Fläche vor“, erklärt Sprecher Derk Ehlert auf Anfrage. Auch einen Beschluss des Abgeordnetenhauses gibt es bereits seit mehreren Jahren. Doch die Umsetzung ist aufwendig und zieht sich. So seien „umfangreiche naturschutzfachliche Belange zu prüfen, um abschließend mit einer Rechtsverordnung eine Fläche dauerhaft zu schützen“, sagt Ehlert, der auch diverse Schritte nennt, die bereits unternommen wurden. Zuletzt wurde demnach auch ein Entwicklungs- und Pflegekonzept für die Tegeler Stadtheide beauftragt, das 2021 fertiggestellt werden soll.

Petition des Nabu läuft noch bis zum Ende des Jahres

Das eigentliche Unterschutzstellungsverfahren hat dagegen noch nicht begonnen, was auch an „personellen Engpässen“ liege, wie Ehlert sagt. Wie der Nabu erklärt, habe ihm die Senatsverwaltung mitgeteilt, dass für die Ausweisung von Naturschutzgebieten im Land Berlin gerade einmal 1,5 Stellen zur Verfügung stehen. Das Verfahren soll dann laut Ehlert noch einmal zwei bis drei Jahre dauern. Dabei will die Senatsverwaltung auch benachbarte Flächen, etwa auf dem Flughafengelände, einbeziehen, als „Pufferzone“ der „Tegeler Stadtheide“.

Frank Sieste ist enttäuscht, dass sich das Verfahren so lange zieht – immerhin stamme die erste Forderung, des Nabu, das Areal als Naturschutzgebiet auszuweisen bereits aus dem Jahr 2004. In der Prioritätenliste, meint Sieste, müsste das Tegeler Gebiet nun auf jeden Fall noch vorne rücken. Denn die Zeit dränge.

Die Petition des Nabu läuft noch bis Ende des Jahres. Anfang 2021 wollen die Vertreter dann mit den gesammelten Unterschriften zu Umweltsenatorin Günther gehen. Bis dahin ist es das Ziel der Naturschützer, so viele Menschen wie möglich davon zu überzeugen, die Petition zu unterschreiben. Eine Obergrenze, heißt es, gebe es nicht.

Wer sich an der Petition beteiligen möchte, kann das hier tun: https://mitmachen.nabu.de/de/flughafensee