Reinickendorf
Abschied

24 Tage bis zur Schließung von Tegel

Der Countdown für das TXL-Aus läuft. Unser Autor Felix Müller erinnert sich an ein Erlebnis aus den 1980er-Jahren.

Der Flughafen Tegel ist nach dem Flugpionier Otto Lilienthal benannt.

Der Flughafen Tegel ist nach dem Flugpionier Otto Lilienthal benannt.

Foto: Carsten Koall / dpa

Berlin. Es war der Sommer 1983, als ich mit meinem zwei Jahre älteren Bruder zum ersten Mal in Tegel landete. Wir kamen nach Berlin, um unsere Großmutter und unsere Tante zu besuchen, und waren in eine Maschine der US-amerikanischen Fluggesellschaft Pan Am gestiegen. Schon allein das war aufregend. Bundesdeutsche Fluggesellschaften durften die Stadt bekanntlich damals nicht anfliegen, wir betraten also schon im Westen gewissermaßen fremdes Terrain. Ich bedaure es heute, dass ich mir nichts von damals aufgehoben habe, keinen Aufkleber und keinen Kugelschreiber. Das Pan-Am-Logo mit seinem markanten Globus-Logo wäre jetzt eine schöne Erinnerung. Alles war faszinierend, selbst diese leeren Papiertüten, deren Funktion ich zuerst nicht verstand, bis mich die Stewardess aufklärte. Sie nannte sie „Spuckbeutel“.

Die Leitsystem mit seinen Farben erinnert an Kinderspielzeug

Ein neunjähriges Kind, wie ich es damals war, hat keine Augen für die weltpolitische Großwetterlage. Ich wusste nichts davon, dass am 10. April der Transitreisende Rudolf Burkert am Grenzübergang Berlin-Drewitz während einer Vernehmung durch DDR-Grenzer einen Herzanfall erlitten hatte und ums Leben gekommen war, dass Bayerns Ministerpräsident Franz-Josef Strauß daraufhin von „Mord“ gesprochen hatte und es zu massiven Spannungen im deutsch-deutschen Verhältnis gekommen war, Absage geplanter Staatsbesuche inklusive. Mit anderen Worten: Mir war die besondere Lage der Berlinerinnen und Berliner nicht bewusst, ich sollte sie erst Tage später bei einem Besuch an der Mauer mehr ahnen als begreifen.

Mein Bewusstsein reichte aber aus, um zu verstehen, dass es sich hier um einen ungewöhnlichen Flughafen handelte. Die kurzen Wege, seine eigentliche Qualität, sind mir dabei weniger in Erinnerung geblieben als die angenehme Atmosphäre im Empfangsbereich, die mich eher an eine lauschige Kleinstadt denken ließ. Möglich, dass mich das Leitsystem mit seinen klaren Farben Rot, Grün und Gelb unwillkürlich an Spielzeug aus früheren Kindheitsphasen erinnert fühlte, der erste Eindruck war jedenfalls: alles so schön bunt hier.

Die Faszination der Fallblatt-Anzeigetafel

Dass es in Berlin nicht nur wie im Kinderzimmer, sondern auch rau und dreckig zuging, lernte ich dann während des zweiwöchigen Urlaubs, bei Ausflügen nach Kreuzberg und Neukölln. An seinem Ende stand ich in der Wartehalle des sechseckigen Terminals, starrte auf die Fallblatt-Anzeigetafel und wartete auf das Rasseln, mit dem sie den neuesten Stand anzeigen würde. Noch heute freue ich mich über dieses Geräusch, auch wenn es selten geworden ist.

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"Danke, Tegel!"

Die Berliner Morgenpost hat ein Sonder-Magazin herausgebracht, das sich ganz dem Flughafen Tegel widmet. Auf mehr als 100 Seiten zeigen wir die schönsten Bilder aus der Geschichte des Flughafens, bieten spannende Interviews mit Architekten, Piloten und Prominenten. Berlinerinnen und Berliner erzählen von den schönsten und skurrilsten Begebenheiten, die sie in Tegel erlebten. Der Preis liegt bei 8,90 Euro. Das Tegel-Magazin ist erhältlich im Handel und im Morgenpost-Shop unter: shop.morgenpost.de