Reinickendorf
Gähnende Leere

Flughafen Tegel wird durch Corona-Krise zur Geisterstadt

Der Betrieb in Tegel ist auf das Nötigste heruntergefahren. Wo sonst täglich Tausende Menschen unterwegs sind, herrscht gähnende Leere.

Der Flughafen Tegel in Zeiten der Krise: Kaum ein Fluggast ist in der Haupthalle zu sehen.

Der Flughafen Tegel in Zeiten der Krise: Kaum ein Fluggast ist in der Haupthalle zu sehen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. „Bitte achten Sie auf Ihre Wertsachen“, tönt aus den Lautsprechern des Terminals A am Flughafen Tegel. Die Warnung vor Taschendieben, die im Gedrängel ihr Unwesen treiben, scheint an diesem Tag unfreiwillig komisch. Denn der sechseckige Gang, in dem normalerweise täglich Zehntausende Passagiere auf die Gepäckabgabe und den Sicherheitscheck warten, ist beinahe menschenleer. Nur hier und da sitzen ein paar Reisende und warten. Einige tragen Atemschutzmasken. Ein Sicherheitsmitarbeiter, in dessen Blickfeld sich gerade einmal drei Menschen befinden, schaut auf sein Handy. Er hebt die Augen und erwidert den Gruß von zwei Kollegen, die Gepäckwagen mit abgebauten Absperrbändern vorbeischieben. Die Corona-Krise hat TXL in eine Geisterstadt verwandelt.

„Der Flughafen zieht aus, Berlin zieht ein“, steht seit Jahren auf einem großen Plakat an der Zufahrt. Zumindest der erste Teil scheint an diesem Tag zu stimmen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte man der geplanten Schließung von TXL vorgegriffen. Surreal und irgendwie beängstigend.

Es ist Donnerstag, 14 Uhr. Bildschirme zeigen 60 geplante Abflüge bis zum nächsten Morgen um sieben Uhr an. Hinter 49 von ihnen steht „gestrichen“. Von den 44 erwarteten Maschinen bis zum Abend werden nur 15 landen. Im März 2019 zählte die Flughafengesellschaft im Schnitt mehr als 63.000 Passagiere pro Tag. „Mit Stand gestern sind wir bei 20 Prozent des Normalbetriebs – Tendenz weiter fallend“, sagt ein Sprecher am Freitag.

Mitarbeiter sind die einzigen Kunden am Kiosk

Die meisten Geschäfte, Imbisse und Cafés haben geschlossen. Eine geöffnete Apotheke wirbt mit Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel zu horrenden Preisen. Die Rollos fast aller Schalter der Fluglinien sowie der Airport-Information sind heruntergelassen. Über den Gates leuchtet kaum noch eine Anzeigetafel. Die einzige Aufgabe der wenigen dort sitzenden Mitarbeiter scheint es, Verirrten den Weg zu erklären. Die Bildschirme, über die im Normalfall bunte Werbung flackert, zeigen aktuelle Corona-Warnungen des Bundesgesundheitsministeriums in mehreren Sprachen an.

In der Lufthansa-Lounge sitzen zwei Gäste. Nach einer gewissen Zeit verstummen die Warnungen vor Taschendieben. Stattdessen werden die wenigen Anwesenden per Durchsage aufgefordert, Abstand voneinander zu halten, was in den gähnend leeren Gängen nicht schwer ist. „Das ist unwirklich und zu einem gewissen Grad beunruhigend“, sagt Andreas Schmidt, der im Terminal A an der Kasse eines Kiosks steht. Ein Schild fordert dazu auf, möglichst nicht mit Bargeld zu bezahlen. Nur eine Bitte, sagt der 60-Jährige. Zehn Kaffee habe er an diesem Tag erst verkauft – alle an Flughafenmitarbeiter. Eine Kollegin kommt und nimmt Nummer elf und zwölf entgegen. Die Frage, wie lang er hier noch ausharren müsse, beantwortet Schmidt zunächst diplomatisch: „Der Dienstplan geht noch bis nächste Woche.“ Dass er hier noch so lange stehen wird, glaube er aber nicht, sagt er noch.

Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann um die 50 am Umbuchungsschalter. Er trägt Handschuhe und eine Atemschutzmaske. „Eine Vorsichtsmaßnahme – ich will andere nicht anstecken und Teil der Kette sein“, sagt der Mitarbeiter, der seinen Namen nicht nennen möchte. Er fühle sich zwar gesund, aber man wisse ja nie. „Weil die ganzen Flüge gestrichen werden, hatte ich zumindest bis gestern viel zu tun.“ Die Passagiere hätten Schlange gestanden. Er habe so etwas in fast 30 Jahren noch nie erlebt, sagt er und der Teil seines Gesichts, der von der Maske nicht abgedeckt wird, wirkt traurig. Nicht einmal, als vor zehn Jahren der isländische Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach und den europäischen Flugverkehr in weiten Teilen lahmlegte, sei die Stimmung so gedrückt gewesen. Er blickt auf seinen Computer: Im 18-Uhr-Flug nach München seien lediglich 24 der 172 Plätze besetzt.

Im Außenbereich des sechseckigen Terminals fahren sonst Taxis und Autos im Minutentakt vor, um Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen. Nun kann man ohne zu gucken über die Fahrbahn spazieren. Zwei Bundespolizisten stehen vor einem Eingang und rauchen. Einer wird auf die Kamera des Fotografen aufmerksam. „Die Leere dokumentieren“, sagt er und lacht. Er stellt sich als Hobbyfotograf heraus und ein mehrminütiges Fachsimpeln beginnt. Nach mehreren Minuten kommt ein Mann hinzu und berichtet von Betrügern, die am einzig aktiven Terminal C ankommende Passagiere in nicht zugelassene Taxis lotsen. „Endlich Arbeit“, sagt der Beamte.

Der Geruch nach Kerosin ist verschwunden

Terminal C liegt etwas abseits in einem eigenen Gebäude. Der Weg führt über den Vorplatz des Flughafens, von dem Teile des weitgehend stillen Rollfeldes einsehbar sind. Wo sonst im Minutentakt Flugzeuge starten und landen, stehen lediglich eine Handvoll herum. Eines wird gerade betankt. Kein Mensch ist zu sehen. Der sonst übliche Geruch nach Kerosin ist dem des beginnenden Frühlings gewichen.

Auf dem Vorplatz warten Hans-Joachim Tietz und seine Frau auf ein Taxi, das sie nach Hause nach Brandenburg (Havel) bringen soll. Es kommt nicht. Ihren Urlaub in der Karibik hätten sie vorsorglich abgebrochen, sagt der 70-Jährige. „Zum Glück hat alles noch geklappt.“ Matthew Wilson hat das Schlimmste hingegen noch vor sich. Er steht im Terminal C und blickt abwechselnd auf die Tafel mit den geplanten Abflügen und sein Telefon. „Ich werde 40 Stunden bis nach Hause brauchen“, sagt der Australier, der eigentlich seinen ersten Urlaub in Europa in den französischen Alpen verbringen wollte. Kaum dort angekommen, hätte aber sein Hotel geschlossen und die Regierung seines Heimatlandes alle Bürger aufgefordert, zurückzukehren. Das gehe mittlerweile nur noch über Berlin. Statt auf dem Snowboard zu stehen habe er vor dem Computer gesessen, um Rückflüge zu suchen, die im Minutentakt gestrichen wurden oder ausgebucht waren. „Ich hatte in meinem Leben noch nie so viel Stress“, sagt der 28-Jährige. „Und zu Hause in Perth muss ich erstmal zwei Wochen in Quarantäne.“

Taxifahrer arbeitet für 1,25 Euro Stundenlohn

Der Weg zurück zum Auto führt vorbei an einem leeren Parkplatz und einem umso volleren Taxistand. Es ist mittlerweile kurz nach 16 Uhr und Uygun Ekinci bereits seit mehr als zehn Stunden im Dienst. Seit sechs Stunden stehe er herum. „Ich habe eine Fahrt gemacht und 30 Euro eingenommen“, sagt der 67-Jährige resigniert. Die Hälfte davon müsse er abgeben. „Das ist also ein Stundenlohn von 1,25 Euro.“ Ein Bus der Linie 109 in Richtung Bahnhof Zoo fährt vorbei. Er ist leer.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengefasst. Darüber hinaus berichten wir in einem Newsblog laufend über die aktuellsten Entwicklungen bei der Ausbreitung und Eindämmung des Coronavirus in Berlin. Die überregionalen News zu Covid-19 können Sie hier lesen. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet. Alle weiteren wichtigen Informationen zum Coronavirus bekommen Sie hier.