Reinickendorf
Alte Fasanerie

Familienfarm Lübars in Not

Die Alte Fasanerie braucht bis zum 20. Dezember 170.000 Euro. Sonst muss sie ihre 120 Tiere abgeben.

Die Familienfarm Lübars ist ein beliebtes Ausflugsziel für Eltern und ihre Kinder. Jetzt droht das finanzielle Aus.

Die Familienfarm Lübars ist ein beliebtes Ausflugsziel für Eltern und ihre Kinder. Jetzt droht das finanzielle Aus.

Foto: Christian Hahn

Berlin. 170.000 Euro – bei der Summe müsste wohl jeder Normalbürger erst einmal schlucken. Besonders, wenn man dieses Geld dringend benötigt, um seine Tiere zu retten. Und das schon bis zum 20. Dezember. Denn dann fällt die Entscheidung über die Zukunft der Alten Fasanerie, besser bekannt als Familienfarm Lübars.

Die hat jetzt einen Spendenaufruf gestartet, um das kostenlose Angebot weiter finanzieren zu können. Viele Leser meldeten sich bereits bei der Morgenpost und riefen andere zur Unterstützung auf. So schreibt eine Mutter, die regelmäßig mit ihren Kindern auf der Farm ist, dass „es sehr schade wäre, wenn die Tiere im nächsten Jahr nicht mehr dort sein können“.

Familienfarm Lübars: Das Herz sind die Tiere

Schafe, Ziegen, Minischweine, Ponys, Alpakas, Hühner, Enten, Gänse, Kaninchen, Meerschweinchen, Mäuse, Fasane und Tauben – auf dem Hof leben rund 120 Tiere. Besonders bei Familien mit Kindern, Schulen und Kitas ist die Farm neben dem Freizeitpark Lübars sehr beliebt. Auch, weil es ein umfangreiches Angebot aus Brotbacken, Holzwerkstatt, Töpfern, Gemüse- und Obstanbau sowie vielen Festen gibt. Das Herz der Farm sind aber die Tiere.

„Genau deswegen haben wir den Spendenaufruf gestartet. Wir betreiben die Farm für die Reinickendorfer, nehmen keinen Eintritt. Wir müssen die Menschen aber jetzt mit ins Boot holen“, sagt Helmut Wegner, Leiter des Elisabethstifts, das die Fasanerie betreibt. Seit 2014 zahlt die Stiftung alles aus eigener Tasche, „wir können aber nicht mehr“.

Projekt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds endet Sommer 2020

Das Elisabethstift – eine Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung und Träger einer Schule, eines Kinderheims, Kitas und der Fasanerie – wird finanziell durch das Bezirksamt unterstützt sowie durch das Projekt „Individuelles Strukturtraining“ aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert. Aber: „Das Programm endet im Juni 2020 und das Bezirksamt finanziert unsere pädagogische Arbeit. Die Tiere fallen aber immer hinten runter“, erklärt Wegner.

Doch wie kommt der Träger auf 170.000 Euro? „Die Tiere müssen jeden Tag gepflegt, gefüttert und deren Ställe gesäubert werden. Der größte Posten sind die Kosten für die Mitarbeiter“, so Helmut Wegner. Vier seien nötig, sonst sei das Pensum nicht zu schaffen, zudem müssten Krankheit und Urlaub mitbedacht werden.

„Die Tierarztkosten reißen auch ein Loch in die Kasse“, sagt Wegner. Besucher würden die Pferde füttern, die bekämen Koliken. „Das sind dann schnell 3000 Euro für ein Pony“, sagt der Leiter. Hinzu kämen noch Kosten für Futter und Reparaturarbeiten.

Tiere als Verbindung zwischen Pädagogen und hilfebedürftigen Menschen

Die Tiere erfüllen aber noch einen anderen Zweck. Sie sind oft eine Verbindung zwischen Pädagogen und den Menschen, denen dort dabei geholfen wird, wieder in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert zu werden oder nach einem Burn-out wieder Fuß zu fassen.

„Hierher kommen auch Eltern, deren Kinder in unserem Kinderheim betreut werden. Wir helfen ihnen, wieder Verantwortung zu übernehmen, und zeigen ihnen auch, was passieren kann, wenn sie es nicht tun“, sagt der Leiter des Hofs, Daniel Meißner. Und das funktioniere eben perfekt mit den Tieren. Erst im vergangenen Jahr wurde die Voliere für Tauben und Fasane durch eine Spende der Sparkasse finanziert. Das Gehege für die Kaninchen folgte nur wenige Wochen später.

Dass zwei Wochen sehr sportlich sind, um 170.000 Euro zusammenzubekommen, weiß Helmut Wegner. „Wir hatten keine andere Wahl. Viele wissen vermutlich gar nicht, dass das privat finanziert ist.“ Seit Beginn der europäischen Förderung im Jahr 2017 wussten sie bereits, dass diese Unterstützung im Sommer 2020 enden würde. „Wir haben eine Menge versucht: Werbung für Tierpatenschaften, Anträge auf Fördermittel, Vermietung und Verpachtung der Räumlichkeiten, Verkauf von eigenen Erzeugnissen – aber nichts half“, betont Wegner. Zudem seien auch Förderer abgesprungen.

Eintrittsgeld kann die Kosten für die Tiere nicht decken

Man habe sogar überlegt, Eintritt zu nehmen. Stattdessen werden die Besucher seit einiger Zeit nun gebeten, einen freiwilligen Eintrittsbeitrag von einem Euro zu zahlen oder eine Tierpatenschaft zu übernehmen. „Dadurch können wir die Kosten auch nicht decken. Zudem würden viele Familien vermutlich nicht mehr kommen, wenn wir einen erheblichen Eintritt nehmen würden, was wir tun müssten, um die Kosten zu decken. Wir haben alles abgewogen“, sagt Wegner fast schon verzweifelt.

Ihm fällt es schwer, vielleicht schon bald eine Entscheidung gegen die Tiere fällen zu müssen. Der Leiter des Elisabethstifts sagt aber auch, dass nicht sofort alle 120 Tiere abgegeben werden, aber definitiv jene, die die höchsten Kosten verursacht. Die Arbeitsplätze der Mitarbeiter seien nicht in Gefahr.

Wenn es die Alte Fasanerie nicht schafft, die gesamte Summe aufzutreiben, sei es noch nicht das Ende aller Tage, sagt Wegner. Wichtig sei nur, dass am 20. Dezember absehbar sei, dass Pflege, Futter und Tierarztkosten auch im kommenden Jahr gesichert seien.

Mehr Informationen über die Alte Fasanerie gibt unter (030) 81 72 91 50 (Mo-Fr 10-14 Uhr), info@elisabethstift-berlin.de oder auf

http://www.alte-fasanerie-luebars.de/

Dort stehen auch die Daten für eine Spende.