Reinickendorf
Gesundheit

„MemoreBox“: Wie Videospiele Senioren fithalten sollen

In einem Pilotprojekt in Reinickendorf testet die Barmer mit der „MemoreBox“ therapeutische Videospiele für Rentner.

Digitales Briefeverteilen: Mit einfachen Übungen sollen mithilfe der MemoreBox körperliche und geistige Fähigkeiten von Senioren trainiert werden.

Digitales Briefeverteilen: Mit einfachen Übungen sollen mithilfe der MemoreBox körperliche und geistige Fähigkeiten von Senioren trainiert werden.

Foto: Julia Lehmann

Mentale Leistungssteigerung durch Motorradfahren, gesteigertes Reaktionsvermögen als Briefträger, Koordinationstraining durch Kegeln – Im Domicil-Seniorenpflegeheim Residenzstraße in Reinickendorf sollen diese Aktivitäten nun zum Alltag gehören. Gespielt wird an einer Spielkonsole.

Die Barmer-Krankenkasse startete am Mittwoch gemeinsam mit dem Digital Health Start-up RetroBrain R&D GmbH ein Präventionsprojekt für Pflegebedürftige in stationären Einrichtungen. Mithilfe der computerbasierten Spielkonsole „MemoreBox“ sollen Senioren beim Tanzen oder Kegeln ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten steigern können.

Über einen Kamerasensor werden die Bewegungen des Spielers oder der Spielerin registriert. Mitspielen kann auch, wer körperlich eingeschränkt ist. Es genügen ein paar Rotationen mit dem Arm. Das Prinzip ist simpel: Über Spiele sollen die Menschen zunächst motiviert werden, in der Gruppe oder allein aktiv zu werden. Die Übungen sind aus verschiedenen therapeutisch-präventiv-rehabilativen Erkenntnissen zusammengesetzt und enthalten Elemente aus der Geriatrie, der Neuropsychologie sowie der Physio- und Musiktherapie.

Präventionsmaßnahmen sind Leistungen der Pflegekassen

Mit dem Präventionsgesetz aus dem Jahr 2015 hat der Gesetzgeber Prävention in Pflegeeinrichtungen als Leistung der Pflegekassen eingeführt. In Studien sei bewiesen worden, dass auch in fortgeschrittener Pflegebedürftigkeit, Potenziale der Förderung und Regeneration bestehen.

Ausgangspunkt ist eine erste Pilotphase, bei der 34 Senioren in Hamburg und Berlin über eineinhalb Jahre zwei bis drei Mal an der Box spielten. Im Vergleich mit einer Testgruppe, die die MemoreBox nicht nutzte, schrieben Wissenschaftler dem Projekt einen positiven Effekt auf Erinnerungsvermögen, Stand- und Gangsicherheit, Ausdauer und Koordination zu.

Weil dieser erste Test statistisch nicht aussagekräftig genug ist, die Ergebnisse aber vielversprechend waren, wird der Versuch nun auf 100 Einrichtungen mit insgesamt 1000 Senioren ausgeweitet. Weil die erste Testphase so erfolgreich war, hat Boris Velter, Beauftragter für Charité und Vivantes und der Gesundheitsstadt Berlin 2030, die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen: „Berlin möchte als Gesundheitsstadt auch in der Pflege Vorreiter für digitale Anwendungen sein“, sagte er.

MemoreBox passt sich an Fähigkeiten des Spielers an

An der Auswertung werden Wissenschaftler der Alice Salomon Hochschule Berlin, der Charité und der Humboldt-Universität beteiligt sein.

Im Reinickendorfer Pflegeheim, wie auch in den anderen durch die Barmer ausgewählten Einrichtungen, wurden nun wieder zwei Gruppen bestimmt: Eine Gruppe aus Spielern und eine Vergleichsgruppe, die die MemoreBox nicht nutzen wird. Das Programm passt sich während des Spiels den Fähigkeiten des Spielers an. Misserfolg ist ausgeschlossen.

„Wir wollen so das Selbstvertrauen steigern“, sagt Jens Brandis, Projektmanager Key Account bei RetroBrain R&D. Diesen Vorteil sieht auch Katrin Sieg, Leiterin des Domicil-Seniorenheims, in der MemoreBox. Die Spiele könnten eine Motivation für die Bewohner sein. Klar ist aber auch, dass man nie alle erreiche, sagt Katrin Sieg.

Es gebe natürlich auch Menschen, die kognitiv oder physisch so stark eingeschränkt seien, dass selbst einfache Übungen nicht möglich sind. Die MemoreBox könne dennoch eine Ergänzung zu den anderen Aktivitäten im Heim sein.

Teilhabe von Senioren auch in der digitalen Welt

Auch wenn die MemoreBox selbst keine Verbindung zum Internet benötigt, soll sie ein Wink aus der digitalen Welt sein. „Teilhabe besteht auch in der digitalen Vernetzung“, sagt Gabriela Ley, Landesgeschäftsführerin der Barmer Berlin/Brandenburg.

Die Barmer appelliert deshalb verstärkt an Senioreneinrichtungen, ihren Bewohnern einen Zugang zum Internet zu ermöglichen. „Einige haben schon darauf reagiert“, sagt Gabriela Ley. Digitalisierung sei etwas, das jedes Alter betrifft, bestätigt auch Katrin Sieg. Nicht wenige ihrer Bewohner ziehen mit Smartphone und Tablet ein.

Wie es nach Ende des Projekts weitergehe, hänge stark von den Ergebnissen ab. Die MemoreBox könne im Alltag nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Angehörige entlasten. Langfristig könne man sich deshalb vorstellen, dass die Videospiele für Senioren auch in private Haushalte einziehe, so Jens Brandis.