Reinickendorf
Berliner U-Bahn

Pläne für die U8: Nächster Halt, Märkisches Viertel?

Vor 25 Jahren wurde der nördlichste Abschnitt der U8 in Betrieb genommen. Der Bezirk möchte sie gern verlängern.

Das sind die Berliner S-/U-Bahn-Typen

Breitbeinige Berliner, verwunderte Touristen und neugierige Handyspione: Die typischen Nahverkehrsnutzer gibt es in zahlreichen Facetten.

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Berlin. Charles Abouel Nasr, Fabian Knape und Onnan Simsek stehen ganz aufgeregt auf dem Bahnsteig des U-Bahnhofes Paracelsus-Bad. Die Kamera in der Hand, bereit, jederzeit den Auslöser zu drücken. „Sie kommt, sie kommt“, rufen sie. Und dann fährt sie vorbei, die gelbe U-Bahn der Linie 8. Hektisch flitzen die drei Männer nach vorne, um das beste Foto der Bahn zu bekommen. Denn dieser Tag ist schon etwas Besonderes für sie: Vor genau 25 Jahren ist genau dieser Zug zum ersten Mal auf der Strecke zwischen den Bahnhöfen Paracelsus-Bad und Wittenau gefahren.

„Das ist die Fahrzeug-Baureihe F92“, sagt Fabian Knape. Er und seine Freunde kennen jeden Bahntyp, das gesamte Streckennetz und haben auch viele Informationen rund um die Bahnhöfe. „Die Linie 7 fährt zum Beispiel auf der längsten Strecke. 40 Stationen auf 32 Kilometern“, sprudelt es aus Fabian Knape heraus. Der 18-Jährige ist extra in die Nähe einer U-Bahnstation gezogen, um keinen weiten Weg zur Bahn zu haben. „Ich fahre so viel U-Bahn, wie es geht“, sagt er. Es ertönt ein lautes Piepen. Einige Menschen hechten in die Bahn – es ist das Geräusch in den Bahnen, bevor die Türen schließen. Es war aber Fabians Handy. „Das ist mein Klingelton“, grinst er.

Schon die Großväter haben sich für U-Bahnen interessiert

Ein Laie ist vermutlich einfach nur froh, wenn die U-Bahn pünktlich kommt, die drei Freunde achten eher darauf, welche Bahn einfährt und ob durch ein Foto eine Lücke in ihrem Album gefüllt werden kann, weil sie diesen Fahrzeugtyp noch nicht gefahren sind. „Bei mir hat es mit den Bahnverbindungen angefangen. Ich konnte sie mir schon immer gut merken. Dann habe ich mich intensiver mit dem Streckennetz beschäftigt“, erinnert sich der 31-jährige Charles Abouel Nasr. Bei Fabian waren es die Großväter, die ebenfalls eine Leidenschaft für U-Bahnen und Busse hatten.

Während der Hin- und Rückfahrt vom Paracelsus-Bad nach Wittenau erzählt Joachim Gorell, Vorsitzender der AG U-Bahn und Chef des U-Bahnmuseums, über die Bord-Lautsprecheranlage Einiges zu den Bahnhöfen und zum Bau der Strecke. Die drei Hobby-Bahnfahrer hören nicht hin, weil sie ohnehin die Fakten kennen, sagen sie. Sie konzentrieren sich eher darauf, in jedem Bahnhof auszusteigen, nach vorne zu rennen und ein Foto zu machen. Charles Abouel Nasr hat am Bahnhof Lindauer Allee allerdings zu lange gebraucht, er muss nachkommen.

Gestaltung der Bahnhöfe bezieht sich auf die Umgebung

Die Durchsage ist teilweise schwer zu verstehen. Aber die Informationen, die zu den Fahrgästen dringen, dürften für die meisten sehr interessant gewesen sein. So erfahren sie, dass sich die Gestaltung der Bahnhöfe immer auf die Umgebung bezieht. So wurde am Bahnhof Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik Backstein verbaut, und am Paracelsus-Bad – wie der Name vermuten lässt – wurden Bademotive gewählt. Den Bahnhof Lindauer Allee ziert das Wappen von Lindau am Bodensee, der Lindenbaum. Verantwortlich für das Design der vier neuen Haltestellen war Architekt Rainer Gerhard Rümmler, der viele Berliner Bahnhöfe gestaltete. Der Ausbau der 3,6 Kilometer langen Strecke und die vier neuen Bahnhöfe haben insgesamt 600 Millionen D-Mark gekostet.

Fabian Knape und Onnan Simsek fahren die gesamte Strecke bis zur Haltestelle Hermannstraße. Diese einmalige Fahrt wollen sie sich nicht nehmen lassen. Und wer weiß: Vielleicht fährt Fabian Knape diese Strecke bald selbst. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als U-Bahnfahrer zu werden. Die Bewerbung will er bald abschicken.

Politiker und Bürger fordern Ausbau ins Märkische Viertel

Vor 25 Jahren ist die Strecke der U8 vom Paracelsus-Bad nach Wittenau verlängert worden – das ist auch die Endhaltestelle der insgesamt 24 Haltestellen. Wenn es nach den Reinickendorfer Politikern und Bürgern geht, soll es beim Schlusspunkt Wittenau nicht bleiben. Sie fordern eine Verlängerung ins Märkische Viertel. Wenn man zurückblickt, dann war bereits Ende der 60er-Jahre den Einwohnern des Märkischen Viertels eine U-Bahn-Anbindung versprochen worden. Bis 1987 wurden zwei Etappen (Gesundbrunnen – Osloer Straße und Osloer Straße – Paracelsus-Bad) auf dem Weg in Richtung Märkisches Viertel erreicht. 1994 kam dann die Verlängerung nach Wittenau.

Seitdem hat sich nicht mehr viel getan. Dabei hat Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) schon beim ersten Besuch von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) im Bezirk den Wunsch nach einer Verlängerung der U8 ins Märkische Viertel geäußert, wie er auf dem Leserforum im Juni erläuterte.

Entscheidung trifft der Senat

Dabei scheint gar nicht viel nötig zu sein, um den fast 40.000 Menschen im Märkischen Viertel einen direkten Zugang zum U-Bahnnetz zu gewähren. Die Tunnelröhre sei bereits bis zum Eichhorster Weg gebaut, es fehle nur ein Kilometer bis ins Zentrum des Märkischen Viertels, sagt Balzer. Zudem sei die Verlängerung verhältnismäßig preiswert zu bekommen, weil oberirdisch gebaut werden könnte.

Der Vorstandsvorsitzende der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gesobau, Jörg Franzen, sieht es genauso. Der Gesobau gehört mit 15.000 Wohnungen der Großteil des Wohnraums im Märkischen Viertel. Franzen kenne Kostenschätzungen von 40 bis 80 Millionen Euro für den Ausbau, das sei ein leistbarer Betrag, sagte er damals beim Leserforum. Dennoch sei er nicht sehr optimistisch. „Am Ende wird es im Senat entschieden“, sagte er. Und Rot-Rot-Grün setzt auf den Tram-Ausbau, nicht auf den Ausbau des U-Bahn-Netzes. Entschieden ist aber noch nichts.