Reinickendorf
Schildower Straße

Pendler nutzen Abkürzung - Anwohner sind genervt

Das Bezirksamt hat Maßnahmen ergriffen, um das Waldseeviertel für Pendler unattraktiv zu machen. Für die Anwohner nicht genug.

Trotz einer Fahrbahnverengung und einem wenn auch kleinen Piktogramm, fahren Autofahrer zu schnell auf dem Hermsdorfer Damm und der Schildower Straße

Trotz einer Fahrbahnverengung und einem wenn auch kleinen Piktogramm, fahren Autofahrer zu schnell auf dem Hermsdorfer Damm und der Schildower Straße

Foto: Susanne Kollmann

In das Wohngebiet um den Waldsee in Hermsdorf will keine Ruhe einkehren. Zumindest nicht in Sachen Verkehr. Wie schon Anfang des Jahres fahren Auto- und Motorradfahrer aus Sicht der Anwohner immer noch viel zu schnell über die Schildower Straße, teilweise käme es zu gefährlichen Situationen.

Und das, obwohl das Bezirksamt bereits tätig geworden ist und Maßnahmen wie eine Tempo-30-Zone, Piktogramme und Fahrbahnverengungen angeordnet hat. Anwohner Michael Ortmann sagt: Das hat alles keine Verbesserung gebracht. Im Gegenteil: Aufgrund der monatelangen Bauarbeiten auf der Hauptstraße in Glienicke, fließe nun noch mehr Verkehr als sonst durch das Waldseeviertel. „Die ausgewiesene Umleitung stellt nämlich einen großen Umweg dar und wird folgerichtig nicht genug beachtet“, sagt Michael Ortmann.

Bürgerinitiative sieht eine große Gefahr für Kinder

Kurzer Rückblick: Im Juni 2018 hatten sich 15 Anwohner aufgrund der Verkehrssituation zu einer Bürgerinitiative zusammengetan und insgesamt 34 Stunden lang motorisierte Kraftfahrzeuge auf den

umliegenden Straßen des Waldseeviertels gezählt. Der Grund: Viele Brandenburger nutzen die Abkürzung entlang des Waldsees anstatt über die B96 zu fahren, da aufgrund weniger Ampeln und einer kürzeren Strecke ein schnelleres Durchkommen wahrscheinlich ist.

Mathematik-Professor Michael Ortmann, der an der Schildower Straße wohnt, hat die Ergebnisse in einem Gutachten zusammengefasst. Das Ergebnis: In der Spitzenstunde am Morgen zwischen 6.30 Uhr und 8.30 Uhr seien 1090 Fahrzeuge in Richtung Berlin gezählt worden. Die Anwohner sorgen sich besonders um die Sicherheit der Kinder.

„Es ist richtig gefährlich“, so der Tenor. Viele haben Bauchschmerzen, die Kinder alleine zur Schule gehen zu lassen. Es sei bereits so weit gekommen, dass sich Eltern vor die fahrenden Autos stellen mussten, damit die Kinder die Straßenseite wechseln konnten. Die Autofahrer seien sehr aggressiv, würden riskant überholen, dafür auch über Bürgersteige fahren. Das alles in hohem Tempo – die vorgeschriebenen 30 km/h würden die wenigsten fahren, sagen die Hermsdorfer.

Alle fünf Sekunden fährt ein Fahrzeug durch die Schildower Straße

Nach Einrichtung der Baustelle auf der Hauptstraße in Glienicke haben sich die Anwohner erneut an die Straßen gestellt und mit Handzählgeräten den Verkehr gezählt. In der nachmittäglichen Spitzenzeit von 16 bis 17 wurden 617 Kraftfahrzeuge registriert, vorher waren es 512 ermittelt, die am Waldsee entlangfahren. Der motorisierte Verkehr am Nachmittag hat also um etwa 20 Prozent zugenommen.

Im Durchschnitt durchquert am Nachmittag alle sechs Sekunden ein Auto das Waldseeviertel. Am Morgen, zwischen 7 und 8 Uhr, wurden 718 Kraftfahrzeuge statt wie vorher 629 registriert. Das heißt, morgens fährt alle fünf Sekunden ein Kraftfahrzeug durch die Wohnstraßen. Hochgerechnet auf einen Werktag, sind es aktuell etwa 7500 motorisierte Kraftfahrzeuge. Das sind etwa 1100 Fahrten pro Tag mehr als sonst üblich. Michael Ortmann stützt sich auf Messungen, die er von der Polizei bekommen hat. Ob diese Zahlen allerdings stimmen, konnte die Polizei bisher nicht verifizieren.

Anwohner haben mehrfach beim Bezirksamt um Lösung gebeten

Mehrfach haben die Anwohner daher schon beim Bezirksamt und der zuständigen Stadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) angefragt und um eine Lösung des Verkehrsproblems gebeten – ganz besonders jetzt, da der Verkehr zugenommen hat. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass sich die Anwohner zwar freuen, wenn das Bezirksamt tätig wird.

Im Grunde gibt es für die Bürgerinitiative allerdings nur eine Lösung: Der Durchgangsverkehr muss gestoppt werden. Dafür sollen an der Grenze zu Brandenburg in der Elsenstraße und der Schildower Straße Poller eingesetzt werden – lediglich für Radfahrer und Fußgänger wäre der Weg frei. Der Verkehr würde dann über die Hauptstraße in Glienicke und weiter auf die Berliner Straße (B96) abgeleitet werden.

Schultze-Berndt: Mit einer Schließung wird das Problem nur verlagert

Katrin Schultze-Berndt kennt das Problem, hat bereits Maßnahmen umsetzen lassen, wie Fahrbahnverengungen und Piktogramme, also auf die Fahrbahn aufgemalte Tempo-30-Schilder. Eine komplette Schließung kommt bislang nicht in Betracht. „Das geht so einfach nicht. Damit verlagern wir das Problem und es wird andere Leidtragende geben“, ist sich die Bezirksstadträtin sicher.

Sie versichert auch, permanent nach Maßnahmen zu suchen, um die Verkehrssituation zu verbessern und diesen Bereich für

den Durchgangsverkehr unattraktiv zu machen. Dafür sei sie auch mit der Verkehrslenkung Oberhavel im Gespräch, um eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten – ein Ergebnis gibt es allerdings noch nicht.

Einige Piktogramme sollen vergrößert werden

„Keine der Maßnahmen hat etwas gebracht“, sagt Michael Ortmann, der das Geschehen jeden Tag beobachtet. Zwischen 7 und 8 Uhr sowie zwischen 16 und 17 Uhr würde dort immer noch „gerast“. Ortmann geht sogar einen Schritt weiter und bezeichnet die Piktogramme auf der Fahrbahn als lächerlich.

„Die sind so klein, dass man aussteigen muss, um zu erkennen, dass hier nur 30 gefahren werden darf“, sagt der Professor für Mathematik. Ihm gehe es keineswegs darum, die Stadträtin zu denunzieren. Er und die Bürgerinitiative möchten nur, dass merkbar gehandelt wird, so dass niemand zu Schaden kommt. Die Bezirksstadträtin versichert, vier der insgesamt 14 Piktogramme vergrößern zu lassen.

Bürgerinitiative will so lange kämpfen, bis Ziel erreicht ist

Nach Angaben von Anwohner Wolfgang Popp besteht dieses Verkehrsproblem bereits seit Jahrzehnten. Er selbst lebt seit 40 Jahren an der Schildower Straße. Daher gibt es für die Bürgerinitiative nur noch einen Ausweg. „Ich finde, dass man nach einer so langen Zeit sagen kann: Jetzt ziehen wir das letzte Mittel und schließen die Straße“, betont Ortmann. Er und die anderen Anwohner der Bürgerinitiative wollen jedenfalls so lange kämpfen, bis sie es geschafft haben – und endlich Ruhe im Waldseeviertel einkehrt.