Reinickendorf
Spende

Backwaren für Obdachlose am Franz-Neumann-Platz

Weil immer mehr Menschen ihr Essen in Mülleimern suchen, startet Norbert Raeder ein Projekt in Reinickendorf-Ost.

Thomas Schulz (Franchisenehmer der Kampsfiliale an der Friedrichstraße, li) und Norbert Raeder (Wirt und Politiker in Reinickendorf, re) haben sich zusammengeschlossen, um Obdachlosen auf dem Franz-Neumann-Platz die Backwaren zu geben, die sonst in der Mülltonne gelandet wären. Ellen Büttner (Bäckereifachverkäuferin) hat die beiden zusammengebracht.

Thomas Schulz (Franchisenehmer der Kampsfiliale an der Friedrichstraße, li) und Norbert Raeder (Wirt und Politiker in Reinickendorf, re) haben sich zusammengeschlossen, um Obdachlosen auf dem Franz-Neumann-Platz die Backwaren zu geben, die sonst in der Mülltonne gelandet wären. Ellen Büttner (Bäckereifachverkäuferin) hat die beiden zusammengebracht.

Foto: Norbert Raeder

Reinickendorf. Norbert Raeder sitzt oft vor seiner Gaststätte Kastanienwäldchen und gönnt sich eine kleine Pause. Dabei beobachtet er immer wieder Menschen, die in Mülleimern wühlen. Die einen auf der Suche nach Pfandflaschen, um ihr Einkommen aufzubessern, die anderen auf der Suche nach Zigaretten, um ihre Nikotinsucht zu befriedigen. „Ich habe einige angesprochen, warum sie das machen. Am meisten schockiert haben mich die, die nach was Essbaren gesucht haben“, sagt der Wirt, der im Bezirk auch politisch für die CDU als Bezirksverordneter tätig ist. „Es werden sichtbar mehr Menschen, die im Müll wühlen. Das darf nicht sein.“

Norbert Raeder kennt viele Menschen und viele kennen ihn und sein soziales Engagement. Seit etlichen Jahren setzt er sich für die Obdachlosen auf dem Franz-Neumann-Platz in Reinickendorf-Ost ein, sorgt beispielsweise dafür, dass sie im Winter warme Kleidung bekommen. „Als ich immer öfter Menschen an Mülleimern gesehen habe, wusste ich, ich muss was tun“, sagt er, ergänzt aber: „Es geht ausschließlich um obdachlose- und von Altersarmut betroffene ältere Menschen, die von Hunger und Durst bedroht sind.“ Es ginge ihm nicht um diejenigen, die durch das Flaschensammeln ein Geschäftsmodell aufgebaut hätten.

Initiatoren kamen durch Zufall zusammen

Durch Zufall kam er mit einem Gast ins Gespräch – das Projekt „Essen sammeln und auf dem Franz-Neumann-Platz verteilen“ war geboren. „Die Dame arbeitet bei einer Bäckerei und hat mich mit ihrem Chef bekannt gemacht, der schon lange nach einer Möglichkeit gesucht hat, seine Backwaren vor der Mülltonne zu bewahren“, erinnert sich Raeder. Der Chef ist Thomas Schulz, Franchisenehmer der Kampsfiliale an der Friedrichstraße. „Alle übrig gebliebenen Backwaren wandern nicht mehr in die Tonne. Das ist super“, sagt Schulz.

Ware im Wert von 200 Euro landet in der Mülltonne

Er mache sich schon seit längerem darüber Gedanken, wie er die frischen Backwaren bedürftigen Menschen geben kann. „Jeden Abend wandert nur in dieser Filiale Ware bis zu 200 Euro in die Tonne.“ Der Grund: In der Filiale an der Friedrichstraße wird nicht nur morgens, sondern auch gegen Nachmittag frisch gebacken, um den Kunden eine Auswahl anbieten zu können – von Kamps ist auch eine Menge vorgeschrieben, die vorrätig sein muss. Und dann könne es vorkommen, dass man sich verkalkuliert oder ein Wetterumschwung eintritt und die Ware nicht verkauft werde. Mit der Tafel habe es Probleme gegeben, worauf Thomas Schulz nicht näher eingehen möchte. Er ist froh, seine Backwaren nicht mehr entsorgen zu müssen.

Jeden Tag bekommen Obdachlose frisches Brot, Brötchen und Teilchen

Mitarbeiterin Ellen Büttner freut sich über den Tatendrang ihres Chefs – sie war es, die den Kontakt zwischen Norbert Raeder und Thomas Schulz hergestellt hat. „Die Feierabendmotivation wird durch ein solches Projekt stark steigen“, ist sich die die Bäckereifachverkäuferin sicher. Seit Montag werden jeden Abend nach Angaben von Thomas Schulz bis zu 14 Kisten zum Franz-Neumann-Platz gebracht – mal fährt er, mal seine Mitarbeiterin, beide wohnen in Reinickendorf. Oder Martin Poschmann, Leiter der Christlichen Sucht- und Lebenshilfe Berliner Help Stiftung, besser bekannt als Teen Challenge, holt die Ware ab und verteilt mit einigen Mitarbeitern Brötchen, Brot, gefüllte Wraps sowie süße wie auch herzhafte Backwaren. Die beiden Initiatoren schätzen, dass circa 25 bis 40 Menschen unterstützt werden können.

Ehrenamtliches Projekt ist keine Konkurrenz zur Tafel

Derzeit werden die Obdachlosen in Reinickendorf-Ost jeden Abend von der einen Filiale beliefert. „Das Projekt findet bei Kamps großen Anklang. Vielleicht können wir das schon bald ausdehnen“, sagt Schulz, der über den Tag verteilt bis zu 500 Produkte anbietet. Derzeit wird noch an einem Fahrplan gefeilt. Sollte es einmal hapern, „dann lagern wir die Ware im Kühlhaus und bringen sie am nächsten Morgen zum Franz-Neumann-Platz“, versichert Schulz. Bedenklich sei der Transport der Lebensmittel nicht, da keine Lebensmittel verteilt würden, bei denen die Kühlkette eingehalten werden müsse.

Eine Konkurrenz zur Tafel sei das ehrenamtliche Projekt nicht, betont Raeder. „Wenn die Tafel die Lebensmittel braucht, dann sollen sie die haben. Mir ist es nur wichtig, dass kein Essen, das noch verzehrbar ist, im Müll landet.“ Und das hat er zumindest bei einer Backstube geschafft.