Reinickendorf
30 Jahre Mauerfall

Sturmschaden bedroht das älteste Stück der Berliner Mauer

Die „Urmauer“ zwischen Reinickendorf und Pankow soll zum Gedenkort werden. Aber zuerst muss sie gerettet werden.

Neue Gefahr für den Sensationsfund: Christian Bormann kämpft dafür, dass der Sturmschaden an der "Urmauer" beseitigt wird.

Neue Gefahr für den Sensationsfund: Christian Bormann kämpft dafür, dass der Sturmschaden an der "Urmauer" beseitigt wird.

Foto: Thomas Schubert

Pankow / Reinickendorf.. Niemand hatte die Absicht, das älteste Stück der Berliner Mauer abzureißen. Aber dann tobten im Juni Gewitterstürme über dem früheren Todesstreifen zwischen Reinickendorf und Pankow am S-Bahnhof Schönholz. Und das Ergebnis sieht Christian Bormann auch jetzt noch. Der größte Fund im Leben des Hobby-Archäologen liegt begraben von einer umgestürzten Buche in der Abendsonne. Dies sind die letzten 80 Meter des wohl ältesten noch erhaltenen Stücks der Berliner Mauer. Ein Grenzwall mit Signaldraht zur Erfassung von Republikflüchtlingen der DDR.

Und diese denkmalgeschützte Barriere aus dem Jahre 1961, ein Fund, den Anfang 2018 selbst die New York Times und die Washington Post vermeldeten, könnte nun unter der Last eines einzelnen Baums zusammenbrechen. 30 Jahre nach dem Mauerfall. Wer wird die Verantwortung für die Beseitigung des Sturmschadens übernehmen? Bormann weiß es nicht. „Berlins Indiana Jones“, wie ihn amerikanische Medien wegen seiner Abenteuerlust im Dienste der Stadtgeschichte nennen, steht staunend vor einem Wirrwarr der Zuständigkeiten. Wieder einmal.

Kanzlerin lernte die Mauer als Spielzeug kennen

„Die Sicherung des Geländes hatte Anfang des Jahres begonnen. Aber seitdem passiert gar nichts mehr. Niemand reagierte auf meine Nachrichten“, wundert sich Bormann. Dass er wie schon einmal im Januar 2018 mit der Rettung der Mauer vor dem Verfall allein gelassen wird, sei vielsagend für den Erhalt von Denkmälern in der Stadt.

Neben der Stiftung Berliner Mauer und dem Bezirksamt Reinickendorf, in dessen Gebiet sich das Mauerstück heute wegen eines Gebietsaustauschs mit Pankow befindet, hat der Heimatkundler auch das Bundeskanzleramt angeschrieben.

Angela Merkel konnte die „Urmauer“ bereits kennenlernen – als Spielzeugversion nachgebaut von den Schülern des Thomas-Mann-Gymnasiums im Märkischen Viertel, dem die Kanzlerin im Frühjahr im April einen Besuch abstattete. Über ein Erasmus-Projekt haben sich die Schüler der Ruine angenommen. Es soll darum gehen, die Wand als neuen Gedenkort herzurichten, mit Schautafeln und Schutzvorkehrung gegen Vandalismus und Verfall.

„Das Signal, dass ihr euch Sorgen macht, ist gut. Es ist wichtig, dass ihr uns Dampf macht“, sagte Merkel den Schülern. Sie meinte damit allerdings nicht die Herrichtung der „Urmauer“, sondern das Engagement bei „Fridays for Future.“ Auch wenn Kanzlerin Merkel nicht zuständig ist. Jemand muss es doch sein, meint Christian Bormann. Er will verhindern, dass sein Gedenkprojekt im Grenzgebiet und die Behebung des Sturmschadens an der Untätigkeit der entscheidenden Stellen scheitern – ausgerechnet im Jubiläumsjahr des Mauerfalls.

Mauerstiftung reagiert zurückhaltend

„Das Thema liegt uns am Herzen, aber zuständig sind wir dafür nicht“, dämpft eine Sprecherin der Stiftung Berliner Mauer die Hoffnung, dass der umgestürzte Baum bald verschwindet. Denn die Räumung sei Sache des Eigentümers. Auch sonst gibt sich die Stiftung zurückhaltend. Für die Errichtung eines neuen Gedenkorts in näherer Zukunft könne man noch keine offizielle Zusage geben, betont die Sprecherin.

Auch wenn die Schüler des Thomas-Mann-Gymnasiums das Gedenkprojekt vorangetrieben haben, bleiben bei der Umsetzung des Vorhabens viele Fragen zu klären. „Wir sind in einer Situation, in der noch noch unklar ist, wie es weitergeht“, heißt es von der Mauerstiftung. Man sei in jedem Fall nur „beratend“ tätig.

Bei der Senatsverwaltung für Kultur verweist Sprecher Daniel Bartsch auf die Regelungen für die Herrichtung geschützter Bauwerke und sagt: „Der Eigentümer des Denkmals ist selbst dafür verantwortlich, dass der denkmalwürdige Zustand erhalten bleibt.“

Aber wem gehört die Wand im Niemandsland? Dem Bezirksamt Reinickendorf, sagt die Mauerstiftung. Aber das Bezirksamt verweist darauf, dass der umgestürzte Baum auf einer Fläche des Bundeseisenbahnvermögens stand und der Schaden deshalb von der Bahn behoben werden müsste. Das deckt sich mit Christian Bormanns Erkenntnissen: Er habe aus vertraulichen Quellen erfahren, dass sich wohl auch die Mauer auf einem Grundstück der Deutschen Bahn befindet – und deren Entscheider andere Interessen haben könnten als ein Gedenkort zu betreuen. Mutmaßungen, die Bahn und Bezirk nicht kommentieren wollen.

Wohl auch wegen der unklaren Eigentumsverhältnisse ist ein Stillstand eingetreten, den Bormann nicht akzeptieren möchte. „Aber es muss doch möglich sein, vorwärts zu kommen. Ich will nicht erst eine Petition starten“, ärgert sich der frisch gebackene Vater aus Pankow. Er sagt von sich: „Ich habe zwei Babys: meinen Sohn und diese Mauer.“ Letztere könne er nicht alleine hüten. In den nächsten Wochen werde sich entscheiden, ob der beschädigte Grenzwall als Denkmal zu erhalten ist oder ein irreparabler Schaden eintritt.

Koreaner nehmen Mauerbrocken als Trophäe mit

Derweil geht die Kunde vom ungesicherten Mauerstück weiter um die Welt. Vor allem Touristen aus Korea nehmen Brocken des Grenzwalls gerne mit nach Hause. Als Zeichen dafür, dass sich eine nationale Spaltung überwinden lässt.

Und sogar der Online-Kartendienst Google Maps hat die Sehenswürdigkeit inzwischen markiert. Wer das Gebiet an der Schützenstraße nahe des Bürgerparks Pankow betrachtet, findet einen Pinn mit der Aufschrift „Berlin Wall.“ Auch eine Bewertung lässt sich dort abrufen: Die „Urmauer“ bekommt von den bisherigen Besuchern 3,9 von maximal 5 Sternen. Christian Bormann weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll – „wenn nichts passiert, haben wir den Google-Eintrag. Aber die Mauer geht vor die Hunde“.

Gedenken

Der Stiftung Berliner Mauer sind derzeit vier Objekte unterstellt: Neben der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße und der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde betreut die Stiftung die Gedenkstätte Günter Liftin am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, benannt nach dem ersten Todesopfer an der Mauer.

Seit 2018 verantwortet die Mauerstiftung zusätzlich den Erhalt East-Side-Gallery in Friedrichshain. Ziel ist es, die Geschichte der Berliner Mauer und der Fluchtbewegungen aus der DDR zu dokumentieren und zu vermitteln.

Historische Orte und Spuren soll die 2008 gegründete Stiftung bewahren, damit späteren Generationen „ein würdiges Gedenken der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft“ ermöglicht wird. Eine offizielle Zuständigkeit für das neu entdeckte Mauerstück am Bahnhof Schönholz gibt es nicht.