Reinickendorf
Leserforum Reinickendorf

„Wir brauchen die U-Bahn ins Märkische Viertel“

Morgenpost vor Ort Leserforum zu Problemen und Perspektiven im Bezirk Reinickendorf. Top-Themen: Verkehr, Sicherheit und Sauberkeit.

Leserforum Reinickendorf

Leserforum Reinickendorf

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Die meisten Reinickendorfer lieben ihren Bezirk und leben sehr gern dort, das wurde beim Leserforum der Berliner Morgenpost am Donnerstagabend deutlich. Als Moderator Hajo Schumacher sagte, im Vergleich etwa zu Neukölln habe man in puncto Sauberkeit den Eindruck, in einer anderen Stadt zu sein, bekam er großen Beifall.

Vielleicht hängt diese starke Identifikation auch damit zusammen, dass fast 58 Prozent der Reinickendorfer gebürtige Berliner sind – ein einsamer Spitzenwert. Dennoch ist der Bezirk keine „Insel der Glückseligen“. Es gibt auch Herausforderungen, Probleme und Ärgernisse, und darüber wurde bei „Morgenpost vor Ort“ im voll besetzten „Palais am See“ der Tegeler Seeterrassen lebhaft diskutiert.

Experten auf dem Podium

Auf dem Podium saßen Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU); der Vorstandsvorsitzende der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gesobau, Jörg Franzen; die Vorsitzende des Vereins „wirBERLIN“, Beate Ernst; der Leiter des Polizeiabschnitts 11, Polizeidirektor Axel Quitsch und die Reinickendorf-Reporterin der Berliner Morgenpost, Susanne Kollmann. Morgenpost-Autor Hajo Schumacher führte gewohnt unterhaltsam durch den Abend. Die wichtigsten Themen im Überblick:

Verkehr Um die Verkehrslage in der Stadt zu skizzieren, reichte Beate Ernst ein Wort: obergruselig. „Die Zeit, die die Berliner mittlerweile im Stau verbringen, ist beträchtlich. Das mindert die Lebensqualität“, kritisierte sie und forderte, dem Thema in der Landespolitik eine höhere Priorität beizumessen. Auf der Autobahn A 111 und den großen Straßen wie B 96, Hermsdorfer und Waidmannsluster Damm erleiden tausende Reinickendorfer tagtäglich die „Wachstumsschmerzen“ der Entwicklung Berlins.
Polizeidirektor Axel Quitsch betonte, die Polizei könne lediglich die Hauptverbindungen störungsfrei halten. „Wir sehen alle, dass das Verkehrswegenetz begrenzt ist“, ergänzte er. „Die Straßen lassen sich nicht verbreitern“, sagte Bezirksbürgermeister Balzer, die Lösung könne nur in einer besseren Zusammenarbeit mit den Umlandgemeinden liegen, insbesondere beim öffentlichen Nahverkehr.
Immerhin: Die Abbiegespur auf dem Waidmannsluster Damm zur Autobahn werde in Kürze verlängert, teilte der Bezirksbürgermeister auf dem Leserforum mit. Dort staut sich auch häufig der Verkehr.

U-Bahn-Bau Schon beim ersten Besuch von Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) im Bezirk habe er den Wunsch nach einer Verlängerung der U8 ins Märkische Viertel geäußert, erklärte Frank Balzer. Die Tunnelröhre sei bereits bis zum Eichhorster Weg gebaut, es fehle nur ein Kilometer bis ins Zentrum des Märkischen Viertels.
Dort lebten fast 40.000 Menschen. Wenn nur ein Teil der heutigen Pkw-Nutzer auf die U-Bahn umsteigen würde und auch weniger Busse erforderlich wären, könnte sehr viel für den Straßenverkehr bewirkt werden. Zudem sei die Verlängerung verhältnismäßig preiswert zu bekommen, weil oberirdisch gebaut werden könnte.
Gesobau-Chef Franzen pflichtete Balzer bei. Er kenne Kostenschätzungen von 40 bis 80 Millionen Euro, das sei ein leistbarer Betrag. Dennoch sei er nicht sehr optimistisch. „Am Ende wird es im Senat entschieden“, sagte er. Und Rot-Rot-Grün setzt auf den Tram-Ausbau, nicht auf den Ausbau des U-Bahn-Netzes.

Verkehrsverbund Der Bezirksbürgermeister forderte vehement, dass der Tarifbereich AB des Verkehrsverbundes VBB für zwei oder drei Bahnstationen nach Brandenburg ausgeweitet wird – und bekam donnernden Applaus. „Damit könnte man viele Probleme lösen“, sagte Balzer. So habe der Bezirk an den S-Bahnhöfen Frohnau und Hermsdorf Kurzparkzonen eingerichtet, um zu verhindern, dass alle Parkplätze von Berufspendlern aus dem Umland belegt werden. „Wir haben die Reißleine gezogen, nachdem wir uns anderthalb Jahre vergeblich bemüht haben, andere Lösungen zu finden.“ Aber eigentlich seien die Kurzparkzonen keine gute Lösung. „Wir müssen größer denken, das VBB-Netz muss anders aufgeteilt werden.“


Park & Ride Der Bezirksbürgermeister machte Vorschläge, wie die Park & Ride- Kapazitäten erheblich erweitert werden könnten, etwa durch den Bau von Parkhäusern an den U-Bahnhöfen Holzhauser Straße und Scharnweberstraße. Das würde Investitionen erfordern, doch der Senat konzentriere sich in seiner Verkehrspolitik sehr auf die Innenstadt.
Eine Benachteiligung der Außenbezirke sehen auch manche BVG-Nutzer. Auf den Bus der Linie 222 habe er bereits mehrfach eine Stunde warten müssen, berichtete ein Leser. Der Bezirksbürgermeister kennt das Problem. Er habe die Auskunft bekommen, bei Fahrer- oder Fahrzeugmangel werde tendenziell zuerst in den Außenbezirken ausgedünnt. Hajo Schumacher gab den Lesern den Tipp, dagegen helfe mutmaßlich nur lauter Bürgerprotest bei der BVG.

Sanierungsprojekte Frank Balzer kündigte an, dass in einigen Jahren große Belastungen auf die Autobahnnutzer zukämen. Dann würden zeitgleich der Tunnel Tegel-Ortskern und die Rudolf-Wissell-Brücke saniert. Das nehme mehrere Jahre in Anspruch. Die Sanierung sei aber unumgänglich, da beide Bauwerke marode seien. Immerhin habe sich der Bezirk durchgesetzt: Der Autobahnbau beginn erst, wenn die Sanierungsarbeiten am nördlichen Teil der U6 abgeschlossen sind. Noch keinen Zeitplan gebe es für den zweigleisigen Ausbau der S 25. Dazu sei man aber im Gespräch mit der S-Bahn.

Radverkehr Etliche Leser kritisierten das Radwegenetz. Viele Radwege seien eng und holprig. Auch Morgenpost-Reporterin Susanne Kollmann sagte, sie fahre auf einigen Straßen nur ungern. Der Bezirksbürgermeister kritisierte in diesem Zusammenhang den Senat. Nach dem Mobilitätsgesetz müssten Radstreifen jetzt zwei Meter breit sein.
Das sei auf einigen Straßen, etwa auf der Berliner oder der Ollenhauerstraße, nur möglich, wenn man entweder Parkplätze oder eine Fahrspur wegnehme. „Wenn wir Fahrradstreifen anlegen, die schmaler sind als zwei Meter, bekommen wir kein Geld vom Senat“, monierte Balzer. Das Gesetz unterscheide nicht zwischen Innenstadt und Außenbezirken. In Reinickendorf sei der Radverkehr nicht so dicht, dass immer breite Radstreifen benötigt würden. Polizeidirektor Axel Quitsch lobte die Reinickendorfer Radfahrer, sie seien diszipliniert, wie die Unfallzahlen belegten.

Parkraumbewirtschaftung Mehrere Leser lobten die Parkraumbewirtschaftung in Tegel, es werde aber zu wenig kontrolliert. Frank Balzer bat um Verständnis. Im Außendienst des Ordnungsamtes seien 33 Mitarbeiter tätig, bis Jahresende seien es 39. Das sei für sieben Tage pro Woche im Zweischichtbetrieb nicht viel. Günstigenfalls seien drei Doppelstreifen pro Tag unterwegs – für den gesamten Bezirk. Man versuche aber, den Personalbestand weiter zu erhöhen.

Stadtentwicklung Reinickendorf habe auch Zuzug, allerdings im geringeren Maße als andere Bezirke, erläuterte Balzer. In den vergangenen zehn Jahren sei die Bewohnerzahl von 245.000 auf 265.000 Menschen gewachsen. Weil Reinickendorf mit Bebauungsplänen belegt sei, könnten nicht einfach Baugenehmigungen erteilt, sondern seien immer Bebauungsplanverfahren notwendig. Damit lasse sich die Entwicklung besser steuern.

Flughafen Tegel Hajo Schumacher wollte von dem CDU-Politiker wissen, ob er eigentlich mit dem Nachnutzungskonzept für das Flughafenareal zufrieden sei. „Mit der wirtschaftlichen Nachnutzung sind wir zufrieden, auch durchaus mit dem Wohnungsbau, aber an einigen Stellen finden wir ihn zu massiv“, antwortete Balzer. Die sechs bis sieben Stockwerke hohen Häuser stünden teilweise sehr dicht beieinander.
5000 Wohnungen sollen dort gebaut werden. Damit und mit weiteren Wohnungsbaupotenzialen werde Reinickendorf auf 300.000 Einwohner zusteuern. „Wenn der Flughafen schon geschlossen wird, ist auf diesem Filetstück eine gute Nachnutzung erforderlich“, betonte Balzer.

Jörg Franzen erklärte, die Gesobau würde gern 1000 der 5000 Wohnungen im Kurt-Schumacher-Quartier bauen. Er lobte die gute Zusammenarbeit mit dem Bezirk. Die Gesobau baue gern in Reinickendorf, weil dort ein gutes Investitionsklima herrsche und der Bezirk „mit ruhiger Hand“ agiere. Sorgen bereite ihm indes, dass sich die Tegel-Projektgesellschaft und die Politik dort hohe Investitionen in Zukunftstechnologie, Klimaschutz und Mobilität vorstellen, gleichzeitig aber günstige Mieten erwarten.

Müll Die Vermüllung des öffentlichen Raumes habe zugenommen, bilanzierte Beate Ernst vom Verein „wirBERLIN“. Das liege vor allem am geänderten Freizeitverhalten. Zugenommen hätten etwa Wegwerfgeschirr, Coffee-to-go-Becher oder Grillreste.
Morgenpost-Reporterin Susanne Kollmann bestätigte den Trend. Zum Beispiel die Grünflächen am Tegeler See oder der Kanonenplatz sähen nach dem Wochenende schlimm aus. Oft würden aber auch Möbel oder Bauschutt illegal im Wald oder auf der Straße entsorgt, selbst auf Radwegen, ärgerte sich Ernst. Andererseits gebe es Bürger, die sich für ein gepflegtes Stadtbild engagieren. Zu den Aktionstagen des Vereins kämen mehr als 10.000 Teilnehmer.

Beate Ernst und Frank Balzer waren sich einig, dass ein gepflegtes Umfeld auch eher sauber bleibe. Wo etwa Blumen gepflanzt würden, werde weniger Müll weggeworfen. Der Bezirksbürgermeister sieht Reinickendorf bei der Pflege des öffentlichen Raumes als Vorbild für andere Bezirke an. Sowohl Ernst als auch Axel Quitsch sahen einen Zusammenhang zwischen der Verwahrlosung des öffentlichen Raumes und einer Zunahme der Kriminalität. Dem steuerten Polizei und Bezirk etwa im Gebiet rund um Eichborndamm und Antonienstraße konsequent entgegen, sagte Quitsch.

Märkisches Viertel In der Großsiedlung stünden nur 0,5 Prozent der Wohnungen leer, sagte Gesobau-Chef Franzen. Die Bewohner seien zufrieden, zudem sei das Märkische Viertel die größte und in dieser Form einzige CO2-neutrale Siedlung in Deutschland. Sie bekämen zu 100 Prozent erneuerbare Energie, ohne dass sich dies negativ auf die Mieten auswirke.
Damit die Nachbarschaft funktioniere, sei aber auch ein hoher Aufwand an sozialer Betreuung notwendig, etwa für Senioren, in Hausarbeitszirkeln für Schüler oder mit Integrationslotsen. Balzer ergänzte, das Märkische Viertel funktioniere, nachdem die Gesobau dort mehr als 500 Millionen Euro in energetische Sanierung und Aufwertung des Quartiers investiert habe. Nun sei dort eine andere Struktur entstanden.
Auch Axel Quitsch bestätigte das positive Bild: Im Märkischen Viertel gebe es „Auffälligkeiten“, die aber immer dort entstünden, wo viele Menschen auf relativ engem Raum zusammenleben. Der Ortsteil sei kein Brennpunkt der Polizeiarbeit. Der Bezirksbürgermeister teilte schließlich noch mit, das Märkische Zentrum werde umgestaltet. Die Eigentümer investierten rund 100 Millionen Euro. „Das wird ein Hingucker über das Märkische Viertel hinaus“, sagte Balzer.

Sicherheit Größtes Problem für die Polizei in Reinickendorf sei die Eigentumskriminalität, berichtete Abschnittsleiter Quitsch. Die Einbrüche in Wohnungen seien 2018 im Vergleich zum Vorjahr um elf Prozent zurückgegangen, bei Einbrüchen in Villen sei die Zahl der Taten aber um 50 gestiegen.
Der Rückgang bei Taschendiebstählen liege mit 26 Prozent im Berliner Durchschnitt. Bei Diebstählen aus Pkw sei in Berlin 2018 ein Rückgang von zehn Prozent zu verzeichnen gewesen, im Bereich des Polizeiabschnitts 11 allerdings ein Anstieg um zehn Prozent. Indes seien Kellereinbrüche berlinweit um 11,4 Prozent gestiegen, im Abschnitt 11 um die Hälfte gesunken. Im Quartiersmanagement-Gebiet Auguste-Viktoria-Allee verfolge die Polizei eine erfolgreiche Strategie der starken Präsenz. Dort habe man auch in Zusammenarbeit mit dem Kiezbüro des Quartiersmanagements eine wöchentliche Sprechstunde der Polizei ausschließlich zur Seniorensicherheit installiert.
Quitsch erläuterte, wie es gelungen sei, bei Taschendiebstählen eine rückläufige Entwicklung zu erreichen. Die Polizei habe der Justiz die Hintergründe dieser Delikte erläutert und erklärt, wie diese Tätergruppen arbeiten. Es handele sich um bandenmäßige Organisationen, meist aus dem europäischen Ausland, oft aus Osteuropa. Die Justiz habe durchgegriffen und Taschendiebstähle auf dieser Basis konsequent hart bestraft. Die Polizei wiederum beobachte die Täter, kenne ihre Wege und nehme Sie fest, wenn sie ihre Straftaten begehen. So sei Berlin kein lohnendes Pflaster für diese Banden mehr.

Strandbad Tegel Das geschlossene Strandbad Tegel ist eines der größten Ärgernisse im Bezirk. Bezirksbürgermeister Balzer machte den Morgenpost-Lesern wenig Hoffnung, dass das beliebte Ausflugsziel in absehbarer Zeit wieder öffnet. „Wenn es im Besitz des Bezirkes wäre, wäre es offen“, kritisierte er Senat und Bäderbetriebe. Es gebe Interessenten, die das Bad übernehmen wollten. Ein privater Investor müsste aber mutmaßlich zunächst fünf Millionen Euro investieren, um das Bad betriebsfähig zu machen. „Schwierig“, kommentierte der CDU-Politiker.

Spielcasinos und Wettbüros Eine Leserin aus Reinickendorf-Ost beschwerte sich über die vielen Spielcasinos und Wettbüros in ihrem Kiez. Sie habe den Eindruck, die gesetzlichen Abstandsregeln zwischen den Casinos würden nicht eingehalten. Zudem gebe es Läden, auch Imbisse, in denen so gut wie nie ein Kunde zu sehen ist. Sie vermutete Geldwäsche.
Der Bezirksbürgermeister erklärte, solche Betriebe würden den Steuerbehörden zur Prüfung gemeldet. Gegen Spielhallen könne man auf Basis des Gesetzes vorgehen, gegen Wettbüros nicht. Balzer appellierte an Hauseigentümer, nicht an Wettbüros oder Spielhallen zu vermieten. Er habe zu dieser Thematik mal die Hausbesitzer der Residenzstraße zu einem Treffen eingeladen, es seien allerdings nur sehr wenige Hauseigentümer erschienen. Der Bezirk habe keine Handhabe, die Vermietung an ein Wettbüro zu vermieten „Auch Hauseigentümer haben eine soziale Verantwortung“, sagte der CDU-Politiker.