Reinickendorf
Wohnungsunternehmen

Anwohner am Alten Wasserwerk in Tegel fürchten Verdrängung

Politiker diskutierten mit Anwohnern des Alten Wasserwerks Tegel. Die Anwohner haben das Gefühl, verdrängt zu werden.

Auf dem Gelände des Alten Wasserwerks Tegel haben Anwohner und Politiker über die steigenden Mieten diskutiert. Im Bild: Berlins Linken-Chefin Katina Schuber, Moritz Warnke (Moderator), Caren Lay (Linke), Heinz-Jürgen Korte, Initiative Trettachzeile "Altes Wasserwerk Tegel", Michael Prütz, Kampagne „Deutsche Wohnen enteignen“

Auf dem Gelände des Alten Wasserwerks Tegel haben Anwohner und Politiker über die steigenden Mieten diskutiert. Im Bild: Berlins Linken-Chefin Katina Schuber, Moritz Warnke (Moderator), Caren Lay (Linke), Heinz-Jürgen Korte, Initiative Trettachzeile "Altes Wasserwerk Tegel", Michael Prütz, Kampagne „Deutsche Wohnen enteignen“

Foto: Susanne Kollmann

Berlin. Heinz-Jürgen Korte lebt und arbeitet seit vielen Jahren auf dem Gelände des Alten Wasserwerks Tegel in der Trettachzeile. In dieser Zeit hat er einiges erlebt. Das wohl bekannteste Beispiel: Die völlig verschimmelte Wohnung, in der er mit seiner Partnerin Regina Schönfeld leben musste. Acht Jahre haben die beiden für eine schimmelfreie Wohnung gekämpft, und noch immer ist kein Ende der Arbeiten in Sicht.

Die beiden fühlen sich nicht fair behandelt, hatten ständig Ärger mit ihrem damaligen Vermieter Deutsche Wohnen, wie sie sagen. Weitaus schlimmer dürften für ihn und die Nachbarn aber die Pläne für das Areal sein. Denn die zeigen deutlich, dass seine Existenz auf dem Spiel stehen könnte.

2016 hatte der Investor Projekt Immobilien Berlin GmbH die Fläche erworben. Laut Plänen von Investor und Bezirk sollen auf dem Grundstück Wohngebäude mit vier Geschossen und insgesamt 91 Wohnungen entstehen. Vier Denkmäler befinden sich laut Bebauungsplan auf dem Grundstück. Eines, in dem sich derzeit die Motorradwerkstatt „Pfiffikus“ von Heinz-Jürgen Korte und die Kfz-Werkstatt von Frank Müller befinden, soll zugunsten zweier Wohngebäude abgerissen werden. Sie fühlen sich verdrängt. Diese Situation ist für die Anwohner der Trettachzeile ein guter Grund die Veranstaltung, „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ in der Motorradwerkstatt auszurichten.

Austausch über Mietensteigerung und Verdrängung

„Es ist unglaublich, was hier passieren soll. Es wird eine Betonwüste für Reiche“, sagt Korte. Gemeinsam mit vielen Anwohnern des Ziekowkiezes, in dem die Vonovia Modernisierungen und bis zu 600 Neubauten plant, und Politikern haben sich die Akteure zum Thema „Verdrängung“ und „Mietensteigerung“ ausgetauscht. „Hier stehen unsere Existenzen auf dem Spiel“, sagt Korte. Wie er haben viele der Anwesenden Angst, durch die höheren Mieten verdrängt zu werden, wenn Wohnungen beispielsweise modernisiert werden.

„Überall in der Stadt sind Baustellen, jede Baulücke wird zugemacht. Aber die Zahl der Wohnungen, die auch wirklich bezahlbar sind für Menschen mit Transferleistungen, mit geringem Einkommen, aber auch mit ganz normalem, mittlerem Einkommen, da wird es knapp“, sagt Katina Schubert, Mitglied des Abgeordnetenhauses und Landesvorsitzende der Partei Die Linke Berlin.

Für sie liegt der Schwerpunkt auf dem bezahlbaren Neubau. „Es ist wichtig, dass wir auch wieder einen öffentlichen Grund und Boden haben. Darauf lenken wir unsere Aufmerksamkeit.“ Ein Bodensicherungsgesetz sei unumgänglich. „Es dürfen keine öffentlichen Grundstücke mehr verkauft werden, auf denen Häuser oder Gewerbe gebaut werden können“, betont Schubert.

Aber: Städtische Wohnungsbaugesellschaften oder Baugenossenschaften könnten nach dem Erwerb nicht einfach verkaufen, die Nutzung müsse bleiben. „Nur so können wir Mietpreise regulieren“, sagte Schubert. Ebenso sollten Menschen, die mehr als 30 Prozent des Einkommens für die Miete zahlen, Zuschüsse bekommen.

100.000 Unterschriften sollen in einem Monat gesammelt werden

Parteikollegin Caren Lay, stellv. Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, forderte die Abschaffung der Modernisierungsumlage sowie einen besseren Kündigungsschutz für Mieter und kleine Unternehmer. Weiter sollen keine Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden.

Michael Prütz von der Kampagne „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ machte deutlich, dass er und seine Mitstreiter keine Verhältnisse haben möchten, dass kein normaler Mensch mehr in der Innenstadt wohnen kann. Deshalb ruft er für Sonnabend, den 6. April, alle auf, um 12 Uhr zu der Demonstration auf dem Alexanderplatz zu kommen, bei der auch Unterschriften gesammelt werden. „In den ersten vier bis fünf Wochen möchten wir 100.000 Unterschriften haben“, sagt Prütz, der seit 67 Jahren in Berlin lebt. „Die wollen uns fertig machen. Wir müssen uns wehren“, betont er.

In erster Linie geht die Aktion gegen den Konzern Deutsche Wohnen, der in Berlin um die 115.000 Wohnungen hat. Der Initiator Michael Prütz stützt sich auf Artikel 15 des Grundgesetzes, der besagt, dass Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel durch ein Gesetz in Gemeineigentum überführt werden können. Mit der „Vergesellschaftung“ großer Immobilienunternehmen erhoffen sich die Initiatoren des Begehrens mehr Einfluss auf die Mieten in der Stadt.

Bewohner des alten Wasserwerks würden Areal gerne kaufen

Im Fall des Alten Wasserwerks Tegel wünschen sich die Bewohner des Areals dieses zu erwerben. Sie würden auch auf dem Gelände bauen lassen, aber nicht in dem Maße, wie es derzeit geplant ist, sagt Heinz-Jürgen Korte. Teile des Geländes würden sie der Öffentlichkeit zugänglich machen. Er und die anderen Anwohner der Trettachzeile haben Mut gefasst und werden auch weiterhin lautstark gegen die Wohnungsbaugesellschaften vorgehen. Eines steht für alle fest: Aufgeben und unterkriegen lassen werden sie sich nicht, das haben sie bereits mehrfach gezeigt.