Reinickendorf
Theater

Gefangene der JVA Tegel spielen Shakespeare

Acht Wochen setzten sich Männer der JVA Tegel mit dem Stück „Der Sturm“ auseinander. Das Ergebnis können sich Interessierte ansehen.

Die Insassen der JVA Tegel spielen das Stück "Der Sturm" von Shakespeare

Die Insassen der JVA Tegel spielen das Stück "Der Sturm" von Shakespeare

Foto: Susanne Kollmann

Reinickendorf.  Peter Maier steht auf einer Empore und singt voller Inbrunst. Das Publikum schaut gebannt zu ihm hinauf. Plötzlich öffnen sich rechts und links Türen, Männer strömen hinaus, stimmen in den Gesang mit ein. Binnen weniger Minuten ist der Zuschauer Teil des Geschehens von William Shakespeares „Der Sturm“.

Die Bühne, auf der die Männer stehen, ist keine gewöhnliche. Es ist ein stillgelegtes Hafthaus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel, Peter Maier und die anderen Männer sind Gefangene. Acht Wochen haben sie das Stück einstudiert, sind bereit, es den Menschen zu zeigen, die außerhalb der Gefängnismauern leben. „Ich habe mich sehr gefreut, als ich erfahren habe, dass hier Theater gespielt wird“, sagt der 58-jährige Maier. Seine Mutter habe ihn damals schon ermutigt zu singen, so sei er in einen Gospelchor gekommen. In diesen Genuss wird der gebürtige Schweizer vorerst nicht kommen, er sitzt lebenslänglich ein - so wie einige andere seiner Theaterkollegen auch. „Ich bin seit 6 Monaten hier, war vorher fünfzehn Monate in Moabit. Die Gemeinschaft hier beim Theater ist toll. Wir unterstützen uns alle“, sagt Maier.

Acht Wochen wird geprobt

Acht Wochen Probe mögen für einige nach einer einfachen Zeit klingen, den Insassen wird aber einiges abverlangt. „Das heißt acht Wochen Disziplin, Verlässlichkeit und außerhalb der Proben Text lernen“, weiß Regisseur Peter Atanassow und ergänzt: „Das ist für viele hier eine große Herausforderung.“ Bewerben kann sich jeder, der Lust am Theaterspiel hat. „Dann wird geschaut, ob der Freiraum demjenigen auch gewährt werden kann“, sagt Sibylle Arndt, Produktionsleiterin des Gefängnistheaters aufBruch, das seit achtzehn Jahren in der JVA Tegel arbeitet. Von kürzeren Strafen bis zu lebenslänglich und Sicherungsverwahrung sei alles dabei.

Bevor die Proben starten, wird das Stück erarbeitet. „Wir projizieren den Inhalt auf die gegenwärtige Welt. In diesem Stück geht es um Rache, Güte Vergebung. Darüber reden wir hier“, sagt Peter Atanassow. Durch eine Intrige wird Prospero, Herzog von Mailand, von seinem Bruder entmachtet und mit der Tochter Miranda auf dem Meer ausgesetzt. Es gelingt ihm, sich mit ihr auf eine einsame Insel zu retten. „Das Gefängnis könnte man auf die Insel übertragen“, sagt der Regisseur. Durch einen inszenierten Sturm schafft er es, die Putschisten auf seine Insel zu locken. Der Kampf um die Herrschaft entbrennt erneut. Gemeinsam sprechen sie auch über die Frage: „Wie weit geht Gerechtigkeit?“

Viele Insassen entpuppen sich als Talente

Wer welche Rolle spielt, entscheiden die Projektleiter. Es werde genau geschaut, wer über sich hinauswachsen könnte und wer eventuell überfordert wäre. „Jedes Jahr gibt es eine neue Gruppe. Wir wünschen ja jedem, dass er nur einmal mitspielt“, sagt Arndt. Die Wahl des Stücks ergebe ich aus den Teilnehmern. Sind nicht viele Deutschsprachige in der Gruppe, gebe es mehr Text und Gesang. Das sei bei der diesjährigen Gruppe nicht so, sie können gut mit dem komplexen Stück umgehen. „Es sind dieses Mal wirklich viele Talente dabei“, sagt Peter Atanassow.

Der Ort an sich unterstreicht den tollen Auftritt der Männer. Das stillgelegte Gebäude von 1898 ist verwinkelt, braune Türen und weiße Stahlgeländer verleihen dem Stück zusätzlichen Charme. Wer denkt, dass an einem einzigen Ort gespielt wird, der irrt. Bei vielen Szenenwechseln, wechseln auch die Zuschauer den Raum. Das Stück wird zu etwas wirklich Besonderem. Ein persönliches Gespräch mit den Männern nach der Aufführung rundet den Besuch in der JVA ab.

Theaterspiel soll Insassen Selbstvertrauen geben

Doch warum bietet ein Gefängnis das Theaterspiel an? „Wir sind der Meinung, dass es den Teilnehmern viel bringt. Sie gewinnen an Selbstvertrauen, wenn sie für ihr fehlerfreies Sprechen Applaus bekommen und stärken Kompetenzen wie den Umgang und die Zusammenarbeit mit anderen Menschen“, sagt Lars Hoffmann, Leiter des Bereiches Beschäftigung und Qualifizierung. Außerdem sei es den Verantwortlichen wichtig, den Besuchern ein anderes Bild der JVA und auch von den Gefangenen zu zeigen, da meist nur negative Schlagzeilen in den Medien kursieren würden. „Wir möchten das Klischeedenken aufbrechen.“

Aufführungen gibt es am 7., 13., 14., 15., 20., 21. und 22. März, Beginn ist jeweils um 17.30 Uhr, der letzte Einlass ist um 17 Uhr in der JVA Tegel, Seidelstraße 39, Tor 2. Dauer circa 100 Minuten. Tickets kosten 15 Euro, ermäßigt 10 Euro. Sie gibt es nur im Vorverkauf online auf www.shop.gefaengnistheater.de

Mehr Nachrichten aus dem Bezirk Reinickendorf lesen Sie hier.