Reinickendorf
Berlin

Tote Grundschülerin: „Man sollte ganz genau hinschauen“

Eltern und Schüler trauern um elfjährige Grundschülerin. Der Regierende Bürgermeister kündigt eine umfassende Aufklärung des Falles an.

Eine Mutter und eine Schülerin stehen vor dem Eingang der Grundschule, an dem Kerzen, Blumen und Plüschtiere niedergelegt worden sind.

Eine Mutter und eine Schülerin stehen vor dem Eingang der Grundschule, an dem Kerzen, Blumen und Plüschtiere niedergelegt worden sind.

Foto: J?rg Krauth?fer

Berlin. Vor der Hausotter-Grundschule in Reinickendorf stehen am Sonntagnachmittag Eltern mit ihren Kindern vor Kerzen, Plüschtieren und niedergelegten Blumen. Eine Mutter bricht in Tränen aus, als sie den Brief ihrer Tochter auf die grauen Treppenstufen legt. Auf einem anderen Papier steht mit Bleistift geschrieben: „Wir werden dich nie vergessen, weil du in unseren Herzen bist.“

Am Sonnabend war bekannt geworden, dass eine elfjährige Schülerin der Schule gestorben ist. Eine Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung bestätigte gegenüber der Berliner Morgenpost zwar den Todesfall, äußerte sich aber nicht näher zu den Umständen – und das auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern, wie es hieß. Dem Wunsch entspricht diese Zeitung.

Eltern berichten von Gewalt an der Schule

Bei denen, die am Sonntag vor der Schule trauern, ist von Mobbing die Rede. Die Schule indes bestreitet diesen Vorwurf, ein Experte warnt vor vorschnellen Schlussfolgerungen. „Ich hätte nie gedacht, dass so etwas an einer Grundschule passieren kann“, sagt Rana Zentara. Sie ist Elternvertreterin an der Einrichtung – und hat selbst Kinder, die dort zum Unterricht gehen. Ihr elfjähriger Sohn sei damals in der ersten Klasse derart gemobbt worden, dass er noch heute psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehme. „Aber sie war ein sehr sensibles Mädchen und konnte das nicht ertragen“, sagt die Mutter über die verstorbene Mitschülerin ihrer Kinder.

Eine andere Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, berichtet ebenfalls von Gewalt an der Schule. Ihre achtjährige Tochter sei ein Jahr lang fast täglich mit Verletzungen nach Hause gekommen, weil ein Klassenkamerad auf sie losgegangen sei. „Die Gewalt wird runtergespielt, und oft heißt es, die Kinder müssten das unter sich klären“, sagt sie. Doch Rana Zentara nimmt die Schulleiterin Daniela Walter in Schutz. „Wenn die Kinder ein Problem haben, wissen sie, dass sie bei ihr Hilfe bekommen“, sagt sie.

Andere Elternvertreter werfen der Schule vor, Mobbing und Gewalt nicht ernst genug genommen zu haben. Am Sonnabendabend waren rund 150 Menschen zu einer Mahnwache vor der Schule zusammengekommen. Dazu hatte der Mobbingcoach Carsten Stahl aufgerufen, der dem Senat vorwirft, nicht genug gegen Mobbing an Schulen zu unternehmen.

Zuvor hatte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) eine umfassende Aufklärung des Falles angekündigt. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte ebenfalls Aufklärung zu. „Ich nehme alle Vorwürfe sehr ernst, und wir werden den Fall wie andere Trauerfälle auch umfassend aufarbeiten“, sagte sie am Wochenende.

Herbert Scheithauer warnt unterdessen vor vorschnellen Schlussfolgerungen und Verurteilungen. „Das funktioniert so nicht“, sagt der Entwicklungspsychologe der Freien Universität Berlin. „Man sollte zunächst ganz genau hinschauen, was genau geschehen ist, bevor man Schuldige benennt.“

Seit 14 Jahren ist Scheithauer an Schulen mit dem Fortbildungsprojekt „Fairplayer“ tätig, um gegen Mobbing vorzugehen. Es ist eines von wenigen Anti-Mobbing-Programmen, die wissenschaftlich erprobt und überprüft sind. „An jeder Schule kann es Mobbing geben“, sagt Scheithauer. Wichtig sei, das Thema nicht zu leugnen, sondern offensiv damit umzugehen. „Ich finde Schulen gut, die klar sagen, natürlich gibt es Mobbing bei uns, aber wir gehen mit wirksamen Konzepten dagegen vor.“

Hilfreich sei dabei, sich nicht allein auf die Täter und Opfer zu konzentrieren, sondern alle – auch die Eltern – miteinzubeziehen. „Eltern, Lehrer und Schüler haben ein unterschiedliches Bild von Mobbing“, sagt der Entwicklungspsychologe. Und auch die Wahrnehmung von Gewalt sei verschieden. Deswegen sei es wichtig, ein offenes, respektvolles Gesprächsklima an der Schule zu schaffen. „Zehn bis zwölf Prozent der Schüler geben an, regelmäßig Täter oder Opfer von Mobbing zu sein“, sagt Scheithauer. Jede Schule sollte sich damit auseinandersetzen.

Die Opposition im Abgeordnetenhaus fordert ebenfalls Aufklärung. „Es ist wichtig, mit dem Thema Mobbing verantwortungsvoll umzugehen“, sagte CDU-Fraktionschef Burkard Dregger. Für die FDP ist „eine lückenlose Aufklärung unverzüglich einzuleiten, um weiteres Leid zu verhindern“, sagte der Fraktionschef Sebastian Czaja.

Anlaufstellen

In Fällen von Mobbing können sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Berlin an Beratungsstellen wenden:

Mobbingberatung: Uhlandstr. 127, Wilmersdorf, Tel. 86 39 15 72, Internet: mobbingberatung-bb.de.

JugendNotDienst_ Mindener Str. 14, Charlottenburg. Tel. 61 00 62, rund um die Uhr geöffnet

Jugendnetz Berlin: jugendnetz-berlin.de/de/rat-und-hilfe/mobbing-und-cyberbullying.php

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