Reinickendorf
Stadtentwicklung

Rollberge-Viertel: Anwohner klagen über Kriminalität

Die Reinickendorfer Siedlung braucht dringend Hilfe. Politiker und Anwohner beklagen, dass Kriminalität, Dreck und Lärm zunähmen.

Die Rollberge-Siedlung in Reinickendorf droht abzurutschen. Damit dies nicht geschieht, soll das Gebiet ein Quartiersmanagement bekommen.

Die Rollberge-Siedlung in Reinickendorf droht abzurutschen. Damit dies nicht geschieht, soll das Gebiet ein Quartiersmanagement bekommen.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  So fröhlich Regina Thiele sonst auch ist, wenn sie durch ihren Kiez, die Rollberge-Siedlung, spaziert, ist sie betrübt. „Es hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert“, sagt sie. Kriminalität, Dreck, Lärm, Respektlosigkeit – so sehe es heute aus. „Ich wohne seit 21 Jahren hier. Es war so schön, als ich hergezogen bin.“

Viele Jahre ist sie jeden Tag durch den Kiez gelaufen und hat aufgeräumt. Sie möchte es schön und sauber haben, sagt sie. Inzwischen aber muss sie kürzertreten. Ein komplizierter Bruch des Sprunggelenks behindert Regina Thiele. Doch auch ohne ihn hätte sie sich etwas zurückgezogen. Zu oft wurde sie beschimpft, auch bedroht. „Dabei möchte ich nur Gutes tun.“ Mit ihren Aussagen bezieht sie sich auf keine bestimmte Menschengruppe, das ist ihr wichtig zu sagen.

„Im Sommer ist es hier auf dem Spielplatz besonders schlimm“, sagt die Rentnerin. Dann sei es bis in die Nacht auf dem Platz vor der Grundschule in den Rollbergen laut, der Müll würde liegen gelassen. „Das sieht dann wirklich schlimm aus.“ Im Winter hielten sich die Jugendlichen die meiste Zeit in den beheizten Hausfluren auf, trinken Alkohol und nutzen den Bereich als Toilette. „Viele Anwohner fürchten sich.“

Aufnahmeantrag in das Förderprogramm "Soziale Stadt"

Dass diese Wahrnehmung nicht nur subjektiv ist, zeigt die aktuelle Fassung des berlinweiten Monitorings Soziale Stadtentwicklung (Stand 2017). Die Rollberge-Siedlung in Reinickendorf liegt auf einer Skala von eins bis vier mit einer vier minus nicht nur auf dem letzten Platz, ihr wird auch eine negative Dynamik zugesprochen. Das bedeutet: Wenn jetzt nicht gehandelt wird, verschlimmert sich die Situation.

Andere Brennpunkte wie das Märkische Viertel sowie die Ortsteile Reinickendorf-Ost und -West haben mit einem Wert drei zwar auch einen niedrigen Status. Die Dynamik ist jedoch stabil. Den Ergebnissen liegen Kriterien wie Arbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, Transferbezug und Kinderarmut zugrunde.

Ein Grund für die Fraktionen SPD, Grüne und Linke, etwas zu unternehmen. Sie reichten im vergangenen Jahr einen Antrag in die Bezirksverordnetenversammlung ein, in dem sie dem Bezirksamt empfahlen, sich bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen für die Aufnahme der Rollberge-Siedlung in das Städtebauförderprogramm „Soziale Stadt“ einzusetzen.

Der Antrag wurde im Herbst 2018 angenommen. Neun Gebiete werden gerade aus dem Programm entlassen, zwei weitere zusammengefügt, sodass ab 2021 zehn neue Gebiete aufgenommen werden können. Die Anzahl der Quartiersmanagement-Gebiete in Berlin ist begrenzt. Nach Angaben des Bezirksamtes steht zwar noch kein Ergebnis fest, die Rollberge-Siedlung sei aber in der engeren Auswahl.

Bezirksbürgermeister sieht Chance für das Viertel

„Ein Quartier, in dem sich die Menschen gesellschaftlich und sozial abgehängt fühlen, braucht positive Impulse, um vom reinen Wohngebiet zum persönlichen Kiez zu werden, in dem sich die Menschen füreinander und für ihre Umgebung verantwortlich fühlen“, begründet Elke Klünder (Grüne) den Antrag.

Auch Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) sieht eine Chance für das Gebiet. „Mit einem Quartiersmanagement fließen auch mehr finanzielle Mittel in das Viertel. Geld, das gut angelegt ist, wenn damit die Identität für den Kiez gestärkt wird und dessen Anwohnerinnen und Anwohner verstärkt ein Gefühl dafür entwickeln, wie sie gemeinsam ihr unmittelbares Wohnumfeld aufwerten.“

Regina Thiele bekommt viel mit, sie ist täglich mit den Menschen im Gespräch. „Viele klagen ihr Leid oder bitten um Hilfe“, sagt die 70-Jährige, die an diesem Tag noch für eine Familie die Reparatur eines Backofens organisieren muss. „Sie können noch nicht gut deutsch. Da helfe ich gern.“ 2018 wurde sie mit dem Ehrenamtspreis ausgezeichnet, den der Abgeordnete Tim-Christopher Zeelen (CDU) jedes Jahr vergibt.

Täglich stehlen Jugendliche im Supermarkt

Doch dankbar sind nicht alle. Sie habe auch Feinde, das spüre sie. Deshalb wünscht auch sie sich ein Quartiersmanagement. Zwar würden sich viele engagieren, wie die evangelische Kirche, das Face Familienzentrum oder die Agrarbörse Deutschland-Ost, die unter anderem eine soziale Bücherstube leitet. Doch durch ein Quartiersmanagement und eine finanzielle Unterstützung wäre viel mehr möglich.

Das sieht auch die Wohnungsgesellschaft ADO so. Die Mitarbeiter seien oft mit illegaler Müllentsorgung, Vandalismus oder Drogenhandel konfrontiert, sagt Sprecherin Julia Hasinski. Sie könnten zudem nur auf ihrem Areal aktiv werden. Die Möglichkeit, das Umfeld der Siedlung mit zu beeinflussen, sei jedoch beschränkt.

Brigitte Vogel, die seit 50 Jahren dort lebt, sieht noch ein anderes Problem. „Der Kiez verkommt. Auch durch den Leerstand“, sagt die 80-jährige. Auch den Supermarkt „Nahkauf“ von Betreiberin Thi Thu Trang Pham könnte dies bald betreffen. „Seit vier Jahren wird es immer schlimmer. Jugendliche reißen Packungen auf oder stehlen“, sagt sie. Obwohl sie die Täter rauswerfe und ihnen Hausverbote erteile, würden diese immer wieder kommen.

„Bis die Polizei kommt, sind sie schon weg“, sagt die Inhaberin. Die Polizei ruft sie daher kaum noch. Ein Fehler, finden Vertreter des Polizeiabschnittes 12. Es sei wichtig, sonst würde der Eindruck erweckt, dass alles in Ordnung sei. Ist die Hemmschwelle zu groß, die Polizei zu kontaktieren, hilft das Bürgertelefon (46 64 46 64), das in direktem Kontakt zur Polizei steht. Thi Thu Trang Pham aber fühlt sich hilflos. Ginge es nach ihrem Ehemann, sie würde das Geschäft aufgeben.

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