Reinickendorf
Berlin

Ruhe für die einen, Verkehr für die anderen

Pläne für die Öffnung des Alten Bernauer HHeerwegs in Lübars - Anwohner wollen sich dagegen wehren.

Der Alte Bernauer Heerweg in Lübars soll geöffnet werden. Damit erhofft sich die CDU eine Entlastung des Ortsteils, besonders des Zabel-Krüger-Damms

Der Alte Bernauer Heerweg in Lübars soll geöffnet werden. Damit erhofft sich die CDU eine Entlastung des Ortsteils, besonders des Zabel-Krüger-Damms

Foto: Susanne Kollmann

Die Anwohner des Alten Bernauer Heerweges sind geschockt. Die ruhige Straße im Reinickendorfer Ortsteil Lübars direkt an Feldern mit Blick auf das Märkische Viertel soll wieder als solche hergerichtet werden. Derzeit ist die ehemalige Verbindung zwischen Quickborner und Wittenauer Straße mit Fahrzeugen nicht passierbar – der Abschnitt ist eher ein Wald mit Trampelpfad. Nur Schilder belegen, dass es dort einmal befahrbare Straßen gegeben hat, die aber vor einigen Jahren für den Autoverkehr gesperrt wurden.

Mit der Öffnung erhofft sich die CDU-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung eine Beruhigung des Ortskerns Lübars und des Zabel-Krüger-Damms. Alle hätten so die Möglichkeit, den direkten Weg nach Wittenau zu fahren, heißt es bei der Union. Gleichzeitig ist die Öffnung auch für die Zeit der Sanierung der A 111 gedacht, die voraussichtlich in den Jahren 2020/2021 beginnen soll. Diese Maßnahme ist möglich, da die Strecke nicht offiziell als Straße entwidmet ist.

Die Planungen sind noch ganz am Anfang

„Das ist absurd. Das bringt rein gar nichts. Die meisten werden auch in Zukunft den direkten Weg über den Zabel-Krüger-Damm nehmen. Und von der Autobahn sind wir hier sehr weit weg“, sagt Christiane Wiemann. Die Anwohnerin lebt seit 1971 in Lübars, seit 2009 am Alten Bernauer Heerweg, und kennt sich daher gut mit der Verkehrssituation aus. Sie wisse aber auch, dass sich durch die Öffnung einiges verändern würde. „Jetzt fährt hier kaum ein Auto lang, die Kinder können unbeschwert auf der Straße spielen. Wenn der Verkehr hierhin umgeleitet wird, wird es auch gefährlich“, ahnt sie. Viele junge Familien hätten in den vergangenen Jahren dort ein Haus gekauft. Jean-Marc Migaud ist wütend über die Überlegungen der Politiker. Er sei vor vier Jahren mit seiner Frau nach Lübars gezogen, weil es dort so ruhig ist. „Ich habe extra beim Bauamt nachgefragt, ob etwas geplant ist“, sagt Migaud. Die Frage habe man ihm vor dem Kauf verneint.

In der Politik ist man bei dem Thema geteilter Meinung. Während die Fraktionen von CDU und AfD für die Reaktivierung der Straße sind, sprechen sich SPD, Grüne und Linke klar gegen das Projekt aus. Die FDP habe sich noch nicht final entschieden, sagt Heinz-Jürgen Schmidt, auf der Bezirksverordnetenversammlung im Oktober hat die FDP aber einer Empfehlung zur Öffnung zugestimmt.

Die Parteien kritisieren, dass bislang weder ein Gutachten noch eine Verkehrszählung erfolgt ist, die die Argumente der CDU stützen könnten. „Mehr Straßen bedeuten nicht weniger, sondern mehr Verkehr“, sagt Felix Lederle, Fraktionsvorsitzender der Linken. Angela Budweg, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, findet den Preis, den die Anwohner des Alten Bernauer Heerweges für die Entlastung des Dorfkerns zahlen müssen, zu hoch. „Neue Straßen beeinflussen die Wahl des Verkehrsmittels zugunsten des Autos. Es muss aber weniger Verkehr geben.“ Durch die Verbindung der Wittenauer Straße mit dem Alten Bernauer Heerweg würde der Lärm in noch mehr Wohngebieten zunehmen. Als „aberwitzig“ empfindet Jens Augner (Grüne) das Projekt. „Es gibt keine verlässliche Datengrundlage. Es wird eine marginale Entlastung des Zabel-Krüger-Dammes und des Dorfkerns geben. Stattdessen werden viele Menschen darunter leiden“, ist sich Augner sicher.

Fest steht, dass die Planungen noch ganz am Anfang sind, wie Baustadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) sagt: „Das Bezirksamt wird der Bezirksverordnetenversammlung das Projekt für die Investitionsplanung 2019 bis 2023 vorschlagen. Diese wird derzeit erstellt.“ Die Reaktivierung der Straße würde dann aus dem bezirklichen Haushalt finanziert. Sollte es zu einem Beschluss kommen, werden die Anlieger beteiligt, so Schultze-Berndt. Groben Schätzungen zufolge wird das Bauprojekt circa 1,5 Millionen Euro kosten. Diese Zahl sei aber mit Vorsicht zu genießen, sagt die Baustadträtin, da beispielsweise noch kein Boden untersucht worden ist. Die Umlage auf die Anlieger wird wohl übersichtlich bleiben, da es sich zum größten Teil um bezirkliche Flächen handelt, heißt es.

Sollte das Projekt umgesetzt werden, sind umfangreiche Maßnahmen notwendig. So ist die Straße für zwei ohne Probleme aneinander vorbeifahrende Fahrzeuge nicht breit genug. Zusätzlich müssen Radwege eingeplant werden. Und auch ein Bus könnte über die neue Verbindungsstraße geleitet werden. Das scheint aber das geringere Problem, wenn man das Ende des Weges Richtung Wittenauer Straße betrachtet – es ist eine Sackgasse. Dahinter ist nichts außer Bäumen und einem kleinen Pfad, der überwiegend von Hundehaltern genutzt wird. Diesen Bereich herzurichten kostet viel Zeit und Geld. Aufgeben werden die Anwohner des Alten Bernauer Heerweges nicht, das bekräftigen sie immer wieder. „Wir werden Druck machen und alles tun, damit dieses Vorhaben nicht umgesetzt wird und es hier idyllisch bleibt. Und wenn wir rechtlich dagegen vorgehen müssen.“

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