Reinickendorf
Gefängnisflucht

Ausbrecher aus Tegel: „Ich wollte nur zu meinem Vater“

Die Flucht von Hamed M. aus der JVA Tegel hatte im Februar eine Sicherheitsdebatte in dem Gefängnis ausgelöst.

Die Justizvollzugsanstalt in der Seidelstraße in Tegel.

Die Justizvollzugsanstalt in der Seidelstraße in Tegel.

Foto: dpa Picture-Alliance / Schoening / picture alliance / Arco Images

Berlin. Der Fall hatte für Schlagzeilen gesorgt und den Berliner Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) in erhebliche Bedrängnis gebracht: Dem Libyer Hamed M., damals 24 Jahre alt, verurteilt wegen räuberischer Erpressung und Körperverletzung, war im Februar dieses Jahres eine spektakuläre Flucht aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel gelungen. Gut neun Monate später sind die Hintergründe des Ausbruchs geklärt. Denn Hamed M. ist zurück in Berlin – und die Umstände seiner Flucht schilderte er in einer Vernehmung.

Der Libyer hatte im August 2015 eine 45 Jahre alte Frau in einer Kleingartenkolonie in Gatow überfallen und ihr Verletzungen zugefügt. Das Gericht hatte ihn daraufhin zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Befragt nach den Gründen für seine Flucht sagte M. den vernehmenden Beamten nun, er habe die Verurteilung als ungerecht empfunden. Außerdem sei sein Vater krank gewesen, und er habe ihn besuchen wollen. Das teilte Justizsenator Behrendt am Mittwoch am Rande einer Sitzung des Rechtsausschusses mit.

„Er lässt sich zur Sache umfangreich ein“, sagte Behrendt. M. hatte die Stadt nach seiner Flucht aus der JVA Tegel mit einem Flixbus verlassen. Wenig später wurde er in Belgien festgenommen, weil er bei einem Diebstahl erwischt wurde.

Herzschlag-Detektoren sollen Flucht verhindern

Die Flucht aus der JVA Tegel verlief etwas anders als zunächst angenommen. Bisher war die Justizverwaltung nach Expertenuntersuchungen davon ausgegangen, Hamed M. habe sich am Unterboden eines Lkw festgehalten, sodass er den Beamten bei der Ausfahrt des Lastwagens aus der JVA Tegel nicht aufgefallen sei. Eine Expertenkommission empfahl daraufhin, sogenannte Unterbodenscanner anzuschaffen oder an den Ausfahrten Kontrollgruben zu bauen, von denen aus die Vollzugsbeamten unter die Lastwagen blicken könnten.

Wenn die Aussage von Hamed M. zutrifft, hätten Unterbodenscanner und Kontrollgruben die Flucht allerdings nicht verhindern können. Denn er versteckte sich nicht unter dem Lastwagen, sondern zwischen Fahrerkabine und Lastraum. Anders als damals wäre er heute mit den mittlerweile installierten Kontrollmaßnahmen entdeckt worden. Denn in der JVA Tegel werden als Konsequenz aus der Flucht und im Rahmen einer Erprobung derzeit Detektoren eingesetzt, mit denen der Herzschlag von Personen bemerkt wird, die sich in Fahrzeugen verstecken.

Verschiedene Lösungsmaßnahmen werden ergriffen

Die Flucht und weitere Fluchtversuche aus anderen Anstalten hatten eine ­Debatte über die personelle und technische Ausstattung in Berlins Gefäng­nissen ausgelöst. Justizsenator Behrendt ­reagierte mit einem Sofortprogramm und beauftragte zwei Kommissionen, die dauerhafte Lösungen erarbeiten sollten.

„Wir arbeiten weiterhin die Empfehlungen der beiden Kommissionen ab, damit so etwas in Zukunft nicht mehr passieren kann“, sagte Behrendt. Noch seien aber nicht alle Maßnahmen abgeschlossen. Vor allem im baulichen Bereich sei es angesichts der voll ausgelasteten Baubranche schwierig.

Für Lacher unter den Abgeordneten sorgte der Ausschussvorsitzende Florian Dörstelmann (SPD). Nachdem Justizsenator Behrendt über die Rückkehr von Hamed M. in die JVA Tegel berichtet hatte, sagte der SPD-Politiker: „Dann auch von dieser Seite aus herzlich willkommen zurück.“

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