Reinickendorf
Morgenpost-Leserforum

Trotz Zulauf in Vereinen: Kampf um Sportstätten

Leserforum zum Sport: Die Sportvereine in Reinickendorf freuen sich über regen Zulauf. Doch es gibt zu wenige Hallen und Plätze.

Morgenpost-Forum zum Sportangebot in Reinickendorf: Im Bezirk gibt es einen großen Bedarf an Sanierungen und Neubauten.

Morgenpost-Forum zum Sportangebot in Reinickendorf: Im Bezirk gibt es einen großen Bedarf an Sanierungen und Neubauten.

Foto: Jörg Krauthöfer

Reinickendorf.  Wer sich in Reinickendorf sportlich betätigen möchte, dem stehen rund 200 Sportvereine zur Auswahl. Nahezu jede bekannte Sportart kann auf 20 Plätzen, in 82 Hallen, auf, im und unter Wasser ausgeübt werden. 45.000 Reinickendorfer nutzen dieses Angebot bereits und gehen aktiv einer Sportart nach – Tendenz steigend. Was zunächst erfreulich für die Vereine klingt, bringt Herausforderungen mit sich. Denn die Sporthallen im Bezirk sind rar.

Genau über diese Probleme, aber auch über Perspektiven diskutierten Experten beim Leserforum „Morgenpost vor Ort“ im Spiegelsaal des VfL Tegel, zu dem der Bezirkssportbund Reinickendorf und die Berliner Morgenpost eingeladen hatten. Dort hatten rund 100 Leser die Möglichkeit, sich aus erster Hand über den Sport zu informieren und mit den Experten ins Gespräch zu kommen. Es diskutierten: Aleksander Dzembritzki (SPD), Staatssekretär für Sport in der Senatsverwaltung; Thomas Härtel, Vizepräsident des Landessportbundes Berlin; Tobias Dollase (parteilos, für CDU), Stadtrat für Schule, Familie, Jugend und Sport in Reinickendorf; Volker Zerbe, Handballlegende und Sportdirektor der Füchse Berlin; sowie Raik Hannemann, Sportchef der Berliner Morgenpost. Durch den dreistündigen Abend führte Hajo Schumacher, Publizist und Kolumnist der Morgenpost.

Das erste Problem und für viele Anwesenden eines der größten: Der Mangel an Sportstätten. Berlin wächst, das zeigen auch die Zahlen für Reinickendorf: Waren im Jahr 2012 noch 36.000 Menschen in einem Verein angemeldet, sind in den vergangenen sechs Jahren 9000 hinzugekommen. Viele Vereine schaffen es, das Problem zu umgehen, indem sie wie die Füchse Berlin Reinickendorf eine Kooperation mit weiteren Vereinen wie dem VfB Hermsdorf eingehen. Das gelingt aber nicht immer.

Ziel: Organisierter Sport mit qualifizierten Trainern

Sport ist wichtig, da sind sich alle Experten einig. In Vereinen werden Werte vermittelt. Darum müssten laut Thomas Härtel auch die Übungsleiter noch mehr gefördert und honoriert werden – dazu ist der Landessportbund derzeit mit dem Senat im Gespräch. „Unser Ziel ist der organisierte Sport mit qualifizierten Trainern. Woher soll man sonst wissen, wie man die Übungen richtig ausführt, wenn man das noch nie gemacht hat“, sagt Dollase. Durch Profisportler, Großveranstaltungen und qualifizierte Trainer bekämen die Vereine eine noch größere Strahlkraft und wären so noch attraktiver. Wäre da eben nicht das Problem mit den fehlenden Sporthallen und Schwimmbädern.

Es gibt neben dem Sanierungsbedarf einen großen Bedarf an Neubauten – in ganz Berlin werden 220 Hallen und weit über 80 Großspielfelder gebraucht. „Besonders ärgerlich ist daher, dass die vom Senat betriebenen Sporthallen der Oberstufenzentren an der Cyclop- und Kühleweinstraße nach dem Auszug der Flüchtlinge immer noch nicht genutzt werden können“, sagt Tobias Dollase. Sport habe in Reinickendorf einen hohen Stellenwert, es müsse dringend etwas getan werden, so der Stadtrat. Sitznachbar Dzembritzki versteht den Ärger, verweist aber auf die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), die für die Sanierung zuständig ist. Die Sanierung sei durch ein undichtes Dach und einen feuchten Boden umfangreicher gewesen, als zunächst erwartet.

Dzembritzki sagt, dass der Senat in den vergangenen Jahren viel getan habe: Seit 2010 wurde Reinickendorf mit sieben Millionen Euro für die Sanierung der Sportstätten unterstützt. Im Fall der beiden Sporthallen wagt der Staatssekretär eine Prognose: „Im März 2019 sollten die Hallen wieder ans Netz gehen.“ Ein Lichtblick: Im Rahmen der Schulbauoffensive ist bei jedem Schulneubau auch ein Sportstättenbau geplant. „Schule braucht Sport, und jede Sportfläche steht nach 16 Uhr auch dem organisiertem Sport zur Verfügung“, sagt Thomas Härtel. In der gesamten Stadt seien 60 Schulstandorte geplant. Werden sie innerhalb der kommenden zehn Jahre gebaut, dann kämen circa 350 Hallen hinzu. Bei den Großspielfeldern sehe es allerdings nicht so positiv aus. Härtel mahnt: Die Außen-Sportflächen dürften nicht außer Acht gelassen werden.

Das gilt ebenfalls für Schwimmbäder. In Reinickendorf wird aufgrund einer mehr als zweijährigen Sanierung im kommenden Jahr das Paracelsusbad vom Netz gehen, so dass für den gesamten Bezirk nur das Schwimmbad im Märkischen Viertel zur Verfügung steht. Für den Landessportbund eine Herausforderung – viele Kinder können nicht schwimmen, das wird sich dadurch noch verstärken.

Michael Bilitzki vom Nordberliner Tauchverein sieht noch ein weiteres Problem. „Das Training muss oft mangels Personal der Berliner Bäder Betriebe ausfallen.“ Der Landessportbund appelliert daher an junge Menschen, die Ausbildung zum Bäderfachangestellten in Betracht zu ziehen.

Axel Ehrhardt (57) aus Waidmannslust, Beamter:

"Ich bin Leichtathlet. Die Bedingungen sind schlecht, weil manche Anlagen in einem schlechten Zustand sind. Aber ich bleibe meinem Verein treu."

Stefanie Lieke (33) aus Reinickendorf, angestellte Trainerin beim SSC Reinickendorf und Sozialarbeiterin:

"Die Versorgung mit Schwimmhallen im Bezirk ist nicht gut. Es gibt zu wenig Trainings- möglichkeiten für Vereine, die Bäder-betriebe sind nicht kooperativ. Trainings-lager in den Schulferien zum Beispiel werden nicht genehmigt."

Werner Sauerwein (64) aus Hermsdorf, Präsident des VfB Hermsdorf:

"Wir brauchen dringend finanzielle Unterstüt-zung vom Bezirk. Wild-schweine und Maul-würfe durchwüh-len den Fußballplatz. Ein Kunst-rasen würde helfen."

Volker Krause (49) aus Spandau, Sportlehrer in Reinickendorf:

"Ich leite ein Integra-tionsprojekt mit 50 Kindern. Wir nutzen einen Raum in einer Schule. Die bekommt eine neue Schließanlage, und wir sollen keinen Schlüssel mehr bekommen. Das wäre das Aus."

Friedhelm Dresp (69) aus Hermsdorf, Präsident des VfL Tegel:

"Vereine müssen für junge Leute noch attraktiver werden, damit es mehr Übungsleiter gibt."

Elke Duda (53) aus Wittenau, Wirtschaftsfachwirtin und Vizepräsidentin des Bezirkssportbunds Reinickendorf:

"Es ist gut, dass Experten beim Leser-forum Stellung zum Sport in Reinickendorf genommen haben. Es stehen im Bezirk wichtige sportpoli-tische Entscheidungen an."

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