Reinickendorf
Märkisches Viertel

Familienvater fühlt sich von AfD als Extremist verunglimpft

Ali M. diskutierte bei einer Demo mit einem AfD-Abgeordneten. Er wehrt sich gegen ein zusammengeschnittenes Video.

Ali M. (Name geändert) hatte bei einer Demonstration mit der AfD diskutiert. Ein stark gekürztes Video erschien. Jetzt wird er offen als "IS-Kämpfer" angefeindet. Er wehrt sich mit einem Anwalt.  

Ali M. (Name geändert) hatte bei einer Demonstration mit der AfD diskutiert. Ein stark gekürztes Video erschien. Jetzt wird er offen als "IS-Kämpfer" angefeindet. Er wehrt sich mit einem Anwalt.  

Foto: Janine Richter

Berlin. Ali M. (Name geändert) ist absichtlich am 20. September zur Demonstration gegen die AfD-Veranstaltung in der Bettina-von-Arnim-Schule gegangen. Er demonstrierte mit Hunderten im Märkischen Viertel dafür, „dass Schule ein parteipolitisch neutraler Ort bleiben muss“. Während er dies tat, kam Stefan Franz Kerker, bildungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus mit einem Mikrophon und einem Kameramann auf ihn zu. Ali M. verweigerte sich dem Streitgespräch nicht. Doch das bereut der 29-Jährige heute bitterlich.

„Ich wollte die Chance ergreifen, mit dem Typen darüber zu reden, dass nicht jeder Ausländer gleich ist. Es gibt einen Ali, der ist kriminell, es gibt einen Ali, der geht studieren. Sie scheren immer alle über einen Kamm, aber wir sind nicht alle gleich“, sagt er zu seiner Motivation. Er selbst ist in Deutschland geboren. Die Wurzeln seiner Familie liegen in Palästina und Jordanien. Er bezeichnet Deutschland als seine Heimat.

Noch bevor die Argumente ausgetauscht wurden, habe er eines klargestellt: „Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht in die Medien kommen will. Dass es eine reine Diskussion zwischen ihm und mir ist“, sagt Ali. Daran gehalten hätten sich Kerker und sein Team dann aber nicht. Plötzlich fand sich Ali M. in einem zusammengeschnittenen zweieinhalbminütigen Video unter der Überschrift „AfD im Dialog mit der Antifa“ auf Youtube und Facebook wieder. Gepostet hatte es jeweils die AfD-Fraktion des Abgeordnetenhauses Berlin.

Das Video über die Demonstration beginnt mit Alis Statement: „Der Islam, der ist friedlich. Da ist kein Krieg, kein Terror, da ist gar nichts.“ Direkt dagegen werden „Alerta Alerta Antifascista“-Rufe einiger Demonstranten geschnitten. Ali ist mehrfach im Hintergrund zu sehen, wie er nichts Derartiges ruft. Wenig später wird er von Kerker im Video gefragt, warum er hier sei. „Um gegen die AfD ...“, soll Ali gesagt haben. Er setzt an zum Weiterreden, doch es kommt ein harter Schnitt. Mehrere Gesprächsfetzen werden auf diese Art Szenen der Demo gegenübergestellt. Das ganze Video ist mit einer Art Zirkusmusik unterlegt und am Ende heißt es von Seiten der AfD: „Gut, dass wir darüber gesprochen haben.“

Hasskommentare unter Facebook-Video

Die AfD-Fraktion des Abgeordnetenhauses Berlin teilte das Video auf Youtube und gleich zweimal auf Facebook. Das Video hat bei Facebook bereits 64.393 Aufrufe (Stand: 26. Oktober) und wurde mehr als tausendmal geteilt. Auf Youtube sahen das Video bereits rund 17.000 Menschen.

Hunderte beleidigende, teils rassistische und bedrohliche Kommentare sammelten sich auf beiden Plattformen. Ali M. wird dort als „Antifakämpfer mit Migrationshintergrund“ mit einem „IQ irgendwo im Minusbereich“, als „kriminelles Pack“ und „gehirnamputierter Vollpfosten“ beschimpft. Ferner sei er „von der Friedensschule des IS aus Syrien“. AfD-Anhänger kündigen an: „Solche Idioten werden nach der Machtübernahme schnell eliminiert“. Als Ali erstmals das kursierende Video sah, sei er zunächst „schachmatt“ gewesen. „Die haben das Video manipuliert, so zugeschnitten, dass es für sie passt. Die AfD hat mich als Extremisten hingestellt“, sagt Ali. „Das ist einfach nur Hetze.“ Er fühle sich „verunglimpft“ und „verkürzt und damit falsch“ wiedergegeben. Sätze seien so zusammengeschnitten worden, dass er dümmlich wirke. Das Video suggeriere, dass er nur gebrochen Deutsch rede und stottere. Dabei spricht er im Interview mit der Berliner Morgenpost fließend Deutsch.

Erst recht seien kritische Fragen und Aussagen, die sich gegen die AfD richteten, weggelassen worden. Er frage sich, warum die AfD nicht einfach das ganze Originalvideo zeige. „Weil klar werden würde, dass ich den bildungspolitischen Sprecher der Partei am Ende mit meinen Argumenten mundtot gemacht hatte“, sagt Ali M. Er habe beispielsweise klar zwischen Islam und Islamismus unterschieden und sich von den Menschen distanziert, die die Religion missbrauchen.

Das Video hatte fern des Internets für ihn, seine Frau und seine drei Kinder schlimme Folgen. Im Märkischen Viertel wurde er schon als „IS-Kämpfer“ tituliert. Es gab nächtliche Klingelstreiche. Auch seine Kinder wurden mit hineingezogen. „Sie haben zu meinem Sohn gesagt: ,Scheiß Kanake, verpiss dich in dein IS-Land‘“, sagt Ali M. Wegen des Videos könnten seine Kinder nicht mehr allein einkaufen oder zur Schule gehen. Sie wurden kürzlich auch schon bespuckt. „Die AfD hat mit dem Video meine Familie in Gefahr gebracht.“ Seit zehn Jahren lebe er im Kiez – diese Art Anfeindungen seien neu. Er feiert als bekennender Muslim Weihnachten gleichberechtigt mit dem Zucker- und Opferfest. In seiner Familie sind die Kulturen verschmolzen. Er habe sich integriert, eine deutsche Frau und arbeite als Privatermittler und Dozent.

Anwalt setzt sich für Löschung des Videos ein

Alis Anwalt geht nun gegen das Video vor. „Sie dürfen nicht einfach irgendwelches unautorisiertes Material zusammenschneiden und posten. Wir leben in Deutschland, wo die Menschenwürde unantastbar ist“, sagt Ali M. Doch da es zigfach geteilt wurde, wird dieses Video wohl nie mehr aus dem Netz verschwinden. Ali M. hat daraus gelernt und will nicht mehr ohne Zeugen mit der AfD diskutieren. Einschüchtern lassen, werde er sich aber auch nicht. Er habe keine Angst. „Man darf sich nicht verstecken und muss erzählen, was hier gerade passiert. Die AfD ist ein Albtraum und keine Alternative für Deutschland.“

Mehrfache Nachfragen der Berliner Morgenpost an die AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus zu den Umständen, unter denen das Video entstanden ist und produziert wurde, blieben unbeantwortet. „Spekulative Behauptungen unbekannter Person kommentieren wir selbstverständlich nicht. Mutmaßliche anwaltliche Aktivitäten sind uns nicht bekannt“, sagte ein Sprecher. Gern könne sich Ali M. an die Fraktion wenden. Dann würde sie das Anliegen prüfen.

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