Reinickendorf
Kunststoffverarbeitung

3D-Druck für Autos und Comicfans in Berlin

In Heiligensee fertigt das 3D-Druck-Kompetenzzentrum Berlin individuelle Bauteile aus Kunststoff.

Keine Elektrokabel: Florian Deurer mit sogenannten Kunststofffilamenten – Rohmaterialien für den 3-D-Druck

Keine Elektrokabel: Florian Deurer mit sogenannten Kunststofffilamenten – Rohmaterialien für den 3-D-Druck

Foto: Katrin Starke

Berlin. Im Regal neben der Sitzgarnitur prangt ein weißer Totenschädel, daneben steht eine Teekanne, auf dem Regalbrett darüber reihen sich futuristisch anmutende Figuren. Was diesen so unterschiedlichen Utensilien gemein ist: Sie sind aus Kunststoff hergestellt – mit einem 3D-Drucker. Das Regal steht am Arbeitsplatz von Florian Deurer. Der 38-jährige studierte Verfahrenstechniker gehört zum achtköpfigen Team von 3dk.berlin. Diese etwas kryptische Bezeichnung steht für 3D-Druck-Kompetenzzentrum Berlin. 3dk.berlin ist der jüngste Geschäftsbereich der Bernhardt Kunststoffverarbeitungs-GmbH, die seit mehr als einem halben Jahrhundert Folien und Kunststoffteile für die Industrie herstellt. Seit 2013 bauen die Berliner in ihrem Stammhaus in Heiligensee den Bereich 3D-Druck aus.

„Wir testen verschiedenste Filamente und entwickeln sie weiter“, sagt Florian Deurer. Filamente? Deurer erklärt den Fachbegriff sofort: „Das sind die Rohstoffe für den 3D-Druck.“ Aus den thermoplastischen Kunststoffen, also solchen, die bei Wärme formbar werden, entstehen – Schicht für Schicht im 3D-Drucker aufgetragen – dreidimensionale Werkstücke. Verkauft werden die Filamente in Drahtform. Womit auch klar wird, um was es sich bei den Rollen mit den verschiedenfarbigen Drähten handelt, die sich hinter Deurers Schreibtisch stapeln. Das sind nicht etwa fingerdicke Elektrokabel in Rot, Grün, Gelb oder Metallic-Schwarz, sondern aufgerollte „Kunststoffwürste“.

Deren Druckeigenschaften wollen Deurer und seine Kollegen verbessern. Lange haben sie getüftelt und das Material der Filamente immer wieder verändert, um die thermische Belastbarkeit der Werkstücke zu erhöhen, die mittels 3D-Druck entstehen. Mit Erfolg: „Wir haben ein Filament entwickelt, mit dem Druckerzeugnisse bis 230 Grad hitzebeständig sind“, sagt Deurer nicht ohne Stolz. Damit habe man weltweit für Furore gesorgt. Denn für die Industrie böten sich damit ganz neue Möglichkeiten. Deurer denkt insbesondere an den Automobil-Bereich, den 3dk.berlin gern zu seinem festen Kundenstamm zählen möchte. „Mit unserem Hochtemperaturfilament können hitzebeständige Bauteile in der Nähe von Motoren zuverlässig gedruckt werden“, sagt 3dk-Geschäftsführer Volker Bernhardt.

Speziellen Kunststoffe auch in Medizintechnik

Auch in der Medizintechnik könnten solche speziellen Kunststoffe eingesetzt werden. „In dem Bereich ist ein riesiges Potenzial“, erklärt Deurer. Ärzte seien begeistert, weil Gebisse ebenso wie Hüft- oder Kniegelenksprothesen im 3D-Drucker hergestellt werden könnten. Das sei nicht nur finanziell attraktiv, sondern auch mit Blick aufs Material sehr effektiv. „Das sind längst nicht mehr nur Künstler oder Architekten, die sich für 3D-Druck interessieren“, sagt der 38-Jährige, der bei 3dk.berlin für Vertrieb und Service zuständig ist. Die Einsatzmöglichkeiten für den 3D-Druck würden immer umfangreicher. „Allein schon, weil 3D-geprintete Produkte je nach Bedarf da hergestellt werden können, wo sie letztlich gebraucht werden“, erklärt Deurer.

Bei 3dk.berlin an der Ruppiner Chaussee reihen sich mehr als ein Dutzend 3D-Printer für das Erstellen von Prototypen und die Produktion von Kleinserien. „Wir suchen ständig nach weiteren Geschäftsfeldern“, sagt Deurer. Erst kürzlich sei er bei einer Comic-Messe in Berlin darauf aufmerksam geworden, dass viele aus der Fangemeinde ihren Lieblings-Comic-Helden gern auch zum Anfassen auf dem heimischen Regal stehen haben würden. „Wir sind da ganz offen“, betont Deurer. Weil der 3D-Druck weniger aufwendig sei als andere Technologien, könne man Comic-Figuren und Ähnliches selbst in kleineren Stückzahlen rentabel produzieren.

Und auf Wunsch auch so, dass sie guten Gewissens in den Müll wandern können, wenn sich der Geschmack wandelt: „Wir haben Filamente aus kompostierbaren Bio-Kunststoffen entwickelt“, erläutert der Techniker, „unter Einfluss von Bodenbakterien, Feuchtigkeit, Temperatur und Sauerstoff degradiert der Kunststoff“.

Studenten ebenfalls begeistert

Auch Studenten der Technischen Universität Berlin sind mittlerweile auf 3dk.berlin aufmerksam geworden. Die jungen Leute aus verschiedenen Fachrichtungen, die in ihrem Projekt „Fasttube“ jährlich einen Rennwagen entwerfen und fertigen, um damit beim renommierten Konstruktionswettbewerb „Formula Student Germany“ anzutreten, haben das Modell eines Boliden in Heiligensee fertigen lassen. „Für einen Windkanaltest“, sagt Deurer.

3dk.berlin soll wachsen. Noch sei es kein Problem, geeignete Leute zu bekommen, wobei die Heiligenseer auch auf Quereinsteiger mit technischem Verständnis setzen. Berlin mausert sich derweil immer mehr zur Hauptstadt des 3D-Drucks. Die sogenannte „additive Fertigung“ spiele für die Berliner Wirtschaft als „Schnittstelle und Bindeglied zwischen Digitalwirtschaft und Industrie eine bedeutende Rolle“, erklärte Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), als sie kürzlich die von ihrer Verwaltung in Auftrag gegebene „Potentialanalyse 3D-Druck“ vorstellte. Die Studie habe gezeigt, dass der industrielle 3D-Druck wichtige Impulse für die Reindustrialisierung der Wirtschaft in der Hauptstadt auslöse.

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