Reinickendorf
Rollberge-Siedlung

Rollberge-Siedlung braucht dringend Hilfe

Fast 70 Prozent der Kinder im Kiez leben in Armut. Die soziale Lage ist die schlechteste im Bezirk Reinickendorf. Jetzt kommt Unterstützung.

ADO-Verwalterin Manuela Modenberg betreut die Rollberge-Siedlung (im Hintergrund) und versucht, die soziale Lage zu verbessern.

ADO-Verwalterin Manuela Modenberg betreut die Rollberge-Siedlung (im Hintergrund) und versucht, die soziale Lage zu verbessern.

Foto: Janine Richter

Berlin. Hohe Kinderarmut, Drogenkriminalität und kein Gemeindezentrum: Die Rollberge-Siedlung zwischen der Schluchseestraße und dem Zabel-Krüger-Damm droht sozial umzukippen – und dies schon seit Jahren. Das wird aus dem vom Senat kürzlich vorgelegten „Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2017“ deutlich, welches die soziale Lage der Menschen in Berliner Kiezen von 2014 bis 2016 beleuchtet.

Aktuell leben rund 6000 Menschen in der Siedlung in Waidmannslust. Fast die Hälfte hat einen Migrationshintergrund. Der Senat bescheinigt der Rollberge-Siedlung mit Blick auf Arbeitslosigkeit, Transferleistungen und Kinderarmut eine „4-“, also die schlechteste Soziallage ganz Reinickendorfs; Tendenz fallend. Demnach lebten 2014 bis 2016 mehr als 68,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren in Armut. Mehr als 25 Prozent der Bewohner gingen zwar einer Beschäftigung nach, erhielten aber staatliche, existenzsichernde Leistungen. Über zwölf Prozent der Bewohner zwischen 15 bis unter 65 Jahren waren arbeitslos. Mehr als vier Prozent davon gelten als langzeitarbeitlos.

Das ist eine Entwicklung, der sich Manuela Modenberg schon die vergangenen zwei Jahre entgegenstemmt. Sie verwaltet im Auftrag der ADO Immobilien Management GmbH seit dem 1. April 2015 die Hochhäuser mit 2500 Mietwohnungen und Gewerbeflächen. Zuvor hatte die GSW die Siedlung „verwahrlost“ und „heruntergewirtschaftet“ zurückgelassen, schildert sie. Die Wartungsverträge waren gekündigt, die Treppenhäuser und Grünanlagen verdreckt, Graffiti an den Wänden, einige Wohnungen überfüllt. Am Ende betrug der Leerstand der Wohnungen „fünf bis sechs Prozent“. Die GSW habe „sehr sozialschwache Mieter“, Wohnungslose mit sozialen Schwierigkeiten, aber auch Kriminelle wie Drogendealer einziehen lassen. Das hänge der ADO heute noch nach, sagt Modenberg.

Jede Wohnung wird vor der Neuvermietung saniert

Um das soziale Klima der Siedlung zu verbessern, ließ die ADO einige Verträge mit sozialen Trägern auslaufen. Denn die von ihnen gestellten Mieter machten „viel kaputt“ und lebten auch außerhalb in den Grünanlagen, erzählt Modenberg. „Wir nehmen sozial-schwache Menschen und Migranten gerne auf, aber müssen auch genau hinschauen, wen wir uns in die Wohnungen holen. Das ist wichtig, sonst kippt diese Siedlung“, sagt Modenberg.

Auch optisch arbeitet sie daran, dass sich einiges verbessert: Jede Wohnung werde vor der Neuvermietung grundlegend saniert. In das architektonische Juwel des Kiezes, das 22-stöckige und denkmalgeschützte Scharoun-Wohnhaus, sollen noch in diesem Jahr Millionen fließen. „Die Fassaden werden aufgefrischt“, sagt Modenberg. Die ADO hat in den letzten zwei Jahren auch die Spielplätze der Innenhöfe wieder aufgebaut und an der Schluchseestraße 46 einen neuen errichtet. Der Bezirk finanzierte ebenfalls einen Spielplatz vor der Grundschule. „Es ist wichtig, dass die Eltern mit ihren Kindern wieder spielen können“, sagt sie. Die GSW hatte zuletzt alle Spielgeräte zurückgebaut.

Modenberg schaut auch genauer beim kriminellen Milieu des Kiezes hin. Mit der Polizei arbeitet sie verstärkt zusammen, um den Drogenhandel vor der Grundschule und an den Gewerbeeinheiten an der Titiseestraße zu unterbinden. „Als wir anfingen, habe ich gesehen, wie Kinder Kindern Drogen verkauft haben“, sagt Modenberg. Das habe sie zutiefst schockiert. „Das konnten wir schnell in den Griff bekommen“, sagt sie.

Team der Agrarbörse und FACE vor Ort gestärkt

Die Polizei gehe nun verstärkt gegen die Dealer vor, nachdem man Innensenator Andreas Geisel (SPD) um mehr Polizeischutz gebeten hatte. In der Kiezrunde arbeitet Modenberg eng mit der örtlichen Kita, Schule, Sozialträgern und Kirche zusammen. Man hilft sich bei Problemen. Alle wünschen sich ein Quartiersmanagement, wie im Märkischen Viertel, weil sie alleine viele Projekte nicht finanzieren können.

Sozialstadtrat Uwe Brockhausen (SPD) hat das erkannt: „Wir haben es mit erheblichen Herausforderungen zu tun und dementsprechend braucht das Gebiet besondere Aufmerksamkeit“, bilanziert Brockhausen. Deshalb habe das Bezirksamt 30.000 Euro aus dem Förderprogramm „Freiwilliges Engagement in der Nachbarschaft“ (Fein) beim Senat beantragt und es kürzlich auch bewilligt bekommen. Damit wolle man das dreijährige Pilotprojekt „Rollberge aktiv im Kiez“ anstoßen. Mit Projekten soll die Agrarbörse positiven Einfluss im Kiez nehmen.

Um den Kiez weiter zu stabilisieren, stellt die ADO ab Juli dem evangelischen FACE-Familienzentrum ein Jahr kostenfrei Gewerbeflächen an der Titiseestraße zur Verfügung. Dies soll das geschlossene, asbestverseuchte Gemeindehaus, welches noch nicht abgerissen ist, ersetzen, bis ein Neubau entsteht. Das FACE-Team werde eine Krabbelgruppe, Sprachkurse und einen Second-Hand-Laden anbieten, aber auch eine Hebamme und zwei Sozialarbeiter werden vor Ort sein. „Für die Kleinsten etwas zu machen, ist auch bitter nötig“, sagt Modenberg. Sie hofft, dass all diese Bemühungen noch vor 2021 vom Senat durch ein Quartiersmanagement flankiert werden.

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