Reinickendorf
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Kein Netzempfang in Heiligensee

Reinickendorfs Nordwesten ist ein Funkloch: Anwohner und Politiker machen sich für einen neuen Mast stark.

Jürgen Hacker, Stephan S. und Günter Claßen (v.l.) suchen den Handyempfang

Jürgen Hacker, Stephan S. und Günter Claßen (v.l.) suchen den Handyempfang

Foto: Janine Richter

Berlin. Heiligensee ist ein Ortsteil am Rande der Hauptstadt und doch ist man hier nicht gut angebunden. Denn der Handyempfang, egal bei welchem Anbieter, ist denkbar schlecht. Ähnliche weiße Flecken gibt es in Konradshöhe, Tegelort und Saatwinkel. „Wir haben eine ganz schlechte akustische Verbindung, und sie bricht immer wieder ab“, erzählt Jürgen Hacker, der an der Schöllkrautstraße wohnt. Im Haus habe er gar keinen Empfang, er müsse zum Telefonieren auf die Straße gehen. Bei seinem Mobilfunkanbieter habe er in den letzten Jahren telefonisch nie etwas erreicht. Die Funkstärke sei ausreichend, habe es immer geheißen. Seine Nachbarn kennen diese Aussagen der Hotlines auch.

Nur zwei Mobilfunkmasten

Stephan S. hat sich noch tiefer in das Problem eingearbeitet: „Wir sind hier nur mit zwei Mobilfunkmasten ausgestattet und wechselhaft mal dort oder da angemeldet“, erzählt er. Dieses wechselhafte Einbuchen verursache Abbrüche. Und generell sei die Funkstärke schwach und nicht konstant. Selbst Metallgegenstände in der Nähe könnten so das Signal negativ beeinflussen.

„Mit spezieller Software kann man die Stärke des Netzes genau verfolgen.“ Ein weiterer Aspekt, der ihm Sorge bereitet: „Die Anbieter haben auf IP-Telefonie, also das Telefonieren über Rechnernetze, umgestellt.“ Deswegen könne es jederzeit sein, dass der Router abstürzt, die Software geändert wird, dass der Strom ausfällt – und dann habe man keine Garantie für einen Notruf. Ebenso viele Alarmanlagen der Häuser mit GSM-Modul würden dann nicht mehr funktionieren. „Auch meine Alarmanlage war bereits betroffen. Wir brauchen hier einen weiteren Sendemast“, fordert er.

Sein Nachbar Günter Claßen nimmt es mit Humor: „Wir haben Lieblingstelefonierplätze zu Hause, weil es sonst nirgends geht. Und zwar im Wohnzimmer an der Couch leicht gegen die Decke gestreckt“, erzählt er. Für ihn sei das Handy und Internet so wichtig, weil er regelmäßig mit seinem Sohn in den USA videotelefonieren will.

Kleingartenverein ohne Funk und damit ohne junge Familien

Der Dauerkleingartenverein „Kolonie am See“ am Elchdamm leidet auch unter der schlechten Verbindung. 206 Kleingärtner verbringen hier ihren Sommer, aber nur vereinzelt gibt es Empfang auf dem 98.000 Quadratmeter großen Koloniegrundstück. „Wir haben hier ein massives Empfangsproblem, egal in welchem Netz, und unser LTE-Empfang geht gegen Null. In der heutigen Zeit einfach nicht hinnehmbar“, sagt Vereinsvorsitzender Lutz Wittstock.

Diese Situation habe auch für das Sozialgefüge der Kolonie Konsequenzen. Denn die Parzellanten der Kolonie seien durchschnittlich 65 Jahre alt. Der Vorstand wünscht sich deshalb den Zuzug junger Familien. „Aber wenn sie hören, dass wir hier kein Internet haben, dann gehen sie uns als Pächter verloren“, sagt der Koloniechef. Er verstehe zudem die Haltung des Bezirksamtes und der zuständigen Senatsverwaltung bezüglich der Festnetzanschlüsse in der Kolonie nicht.

Aus einem Schreiben geht hervor, dass die Verwaltung der Kolonie, deren Häuser 1926 bis 1933 gebaut wurden, und festen Häusern gleichen, keinen Breitband-Festnetzanschluss genehmigen will. Damit solle wohl dem illegalen Wohnen kein Vorschub geleistet werden, vermutet Wittstock. Zudem ist in einem Schreiben das Bezirksamt der Meinung, dass die Mobilfunkabdeckung vor Ort ausreichend sei. „Klar ist es schön, Mohrrüben zu ziehen, aber junge Leute wollen eben auch abends im Liegestuhl Filme und Musik streamen.“ Alles leider nicht möglich in der Kolonie.

Ein weiteres Problem: Mindestens einmal in der Woche muss ein Rettungswagen wegen der älteren Mitglieder des Vereins gerufen werden. „Die Notfallversorgung ist hier somit auch nicht gegeben“, schimpft Wittstock besorgt.

Neuer Standort für Mobilfunkmast gesucht

Der CDU-Abgeordnete Stephan Schmidt hat sich des Problems angenommen und die Bundesnetzagentur um Hilfe gebeten. Diese befragte stellvertretend die drei Mobilfunknetzbetreiber Telekom, Vodafone und O2/Telefónica. Deren Antworten liegen der Berliner Morgenpost vor. Die Deutsche Telekom erreiche momentan „97 Prozent der Haushalte“ in Berlin und habe Anfang Mai bis Ende Juni den Ortsteil Heiligensee getestet und „keine ausgeprägten Auffälligkeiten“ festgestellt. Der Funkempfang außerhalb der Häuser sei gut, und es gäbe sogar „eine eher unterdurchschnittliche Anzahl von Abbrüchen“, schreibt der Anbieter.

Dennoch sei bekannt, dass die Versorgung in Heiligensee und Konradshöhe in den Häusern „suboptimal“ sei. In den nächsten ein bis zwei Jahren sei deshalb „die Aktivierung weiterer Mobilfunkstandorte geplant“. Damit könne die Versorgung ausgebaut werden. Die Standortsuche sei nur bisher schwierig gewesen. Man bitte Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) um Unterstützung.

Auch Teléfonica stellt Verbesserung in Aussicht

Bis Jahresende 2018 werde „mit Hochdruck an der Konsolidierung der beiden Netze E-Plus/O2 gearbeitet“. Seien sie zusammengeführt, würde sich auch die Qualität des Mobilfunks verbessern, so das Unternehmen.

Vodafone spricht von einer „nahezu flächendeckenden Mobilfunkversorgung mit Sprachdiensten“ in den Ortsteilen. „Selbst innerhalb von Gebäuden ist das Telefonieren einwandfrei möglich“, schreibt der Anbieter. Bei der mobilen Breitbandversorgung mit der LTE-Mobilfunktechnik könne es innerhalb von Gebäuden „im Einzelfall“ sein, dass der Empfang „nicht zufriedenstellend“ ist.

Um diese Lücken zu schließen, würden bereits Nachrüstungen an den Standorten Heiligenseestraße und Ruppiner Chaussee unternommen. Auch entlang des Teilstücks der A 111 – Tegeler Fließ bis Scharnweberstraße – würden gerade drei Standorte nachgerüstet. In den nächsten Wochen werde die Lücke geschlossen. „An einer proklamierten, flächendeckenden Versorgung sollte es doch eigentlich nichts mehr auszubauen geben“, wundert sich Schmidt. Er verspricht, sich zusammen mit dem Bezirksbürgermeister, den Berliner Forsten und der landeseigenen Immobiliengesellschaft BIM nach geeigneten Standorten für eine Sendeanlage umzuschauen.

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