Reinickendorf
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Der Weg aus der Arbeitslosigkeit führt über einen Berggipfel

Oliver Florenkowski war lange Zeit arbeitslos. Dann half ihm ein Berg-Erlebnis und ein EU-Programm. Jetzt hat er eine feste Anstellung.

Oliver Florenkowski ist der Spirale der Langzeitarbeitslosigkeit entkommen und arbeitet jetzt als Hausmeister und Sozialhelfer in Reinickendorf

Oliver Florenkowski ist der Spirale der Langzeitarbeitslosigkeit entkommen und arbeitet jetzt als Hausmeister und Sozialhelfer in Reinickendorf

Foto: Janine Richter / Janien Richter

Reinickendorf. Als er mit seinem Rennrad auf dem Berg in Sa Calobra auf Mallorca angekommen war, „hat es Klick gemacht im Kopf“. Vorher hatte sich Oliver Florenkowski etwa 40 Kilometer auf lang ansteigenden Serpentinen gequält. „Ich war nur mit mir alleine und bin fast gestorben. Ich habe viel darüber nachdacht, was ich noch vom Leben will. Und dann stand ich symbolisch auf dem Berg und habe fortan aufgehört zu kiffen.“ Dies sei der Wendepunkt im Leben des Langzeitarbeitslosen gewesen.

Oliver Florenkowski ist gelernter Maler und Lackierer. Doch seit sechs Jahren kann er seinen Beruf nicht mehr ausüben. „Ich bin Asthmatiker und bekam wegen der Lösungsmittel, Lacke und Farben immer schwerer Luft“, erzählt der 45-Jährige. Der Amtsarzt stellte zudem Rheuma in der Schulter und Probleme beim Beugen der Knie fest. „Ich konnte gewisse Arbeitshaltungen einfach nicht mehr einnehmen.“

Fortan schlug sich Oliver Florenkowski mit Hilfsjobs durch. Durchlief viele Maßnahmen des Jobcenters. „Da waren viele Enttäuschungen bei“, resümiert er diese Zeit. Mit den beruflichen Schwierigkeiten gingen auch private Probleme einher. Seine Oma, die ihn aufgezogen hatte, starb an Krebs. „Gleichzeitig scheiterte auch meine Beziehung und ich war dann alleinerziehender Vater einer 16-Jährigen. Irgendwann war Ende.“ Er sieht es ganz nüchtern. Ab einem gewissen Punkt hatte er das Interesse daran verloren, fest arbeiten zu gehen. Er war entmutigt und kiffte mehrmals täglich. Er rutschte in die Langzeitarbeitslosigkeit.

Über 10.000 Menschen in Reinickendorf ohne Arbeit

Sein Schicksal steht exemplarisch für viele in Berlin. Laut am Dienstag veröffentlichten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sind in Reinickendorf 10.056 Menschen arbeitslos, davon 2408 mehr als ein Jahr ohne Job. Meist sind die Langzeitarbeitslosen 55 Jahre und älter. Zum Vergleich, berlinweit waren im Juli 155.977 Menschen ohne Job, 42.357 von ihnen gelten als langzeitarbeitslos.

Für Oliver Florenkowski gab es diesen Bergmoment – und seinen Arbeitsvermittler Frank-Arno Schubert von der Bundesagentur, der ihm aus der Abwärtsspirale half. Er nahm ihn in das Programm des Europäischen Sozialfonds zum Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit auf und vermittelte ihn gezielt an Betriebe. So begann Florenkowski vor zwei Jahren ein Praktikum im Wohnungslosenheim der Berliner Stadtmission an der Kopenhagener Straße in Reinickendorf. Zusätzlich wurde er mehrere Monate gecoacht, vor dem Job und berufsbegleitend. Das hatte Erfolg. Vor drei Wochen hat er im Heim seinen Festvertrag unterschrieben. „Ich habe so Glück gehabt und bin mit meiner Lebenserfahrung genau am richtigen Ort“, sagt er.

EU-Hilfe: "Es bräuchte viel mehr solche Programme"

Mittlerweile sei er nicht nur Hausmeister, sondern auch teilweise Sozialhelfer der obdachlosen Menschen, berate in Drogenfragen und zeige den Bewohnern auch mal die Grenzen auf. Wenn er vom Coaching erzählt, das er bei dem Träger AWO hatte, leuchten seine Augen. „Mit meiner Betreuerin hatte ich intensive Gespräche und sie hat auch mal nachgeforscht, wo die persönlichen Probleme liegen und mir wirklich zugehört, was mich interessiert“, schwärmt Florenkowski. Nach langer Zeit seien ihm dort Perspektiven aufgezeigt und Mut gemacht worden. Und, ganz wichtig, er habe Rückhalt gegenüber dem Arbeitgeber gespürt. „Es bräuchte viel mehr solche Programme“, ist Florenkowski überzeugt, um Arbeitslose aus ihrer Lethargie zu reißen.

Sein Arbeitsvermittler weiß, dass das „Matching“ nicht immer so reibungslos abläuft. „Herr Florenkowski ist ein typischer Fall, weil er über gesundheitliche und private Probleme in die Arbeitslosigkeit gerutscht ist“, sagt Frank-Arno Schubert. Jeder, der länger von den Leistungen des Jobcenters lebe, trage „einen riesigen Rucksack mit sich“ und habe Selbstzweifel. Aber Oliver Florenkowski sei auch ein atypischer Fall. „Er hat klar gesagt, was er will und die meisten in seiner Situation wissen das nicht. Und dann hat ihm auch noch der Arbeitgeber eine echte Chance gegeben.“ Die Berliner Stadtmission war sogar derart überzeugt, dass sie ihm extra eine Stelle schuf.

Laut Schuberts Einschätzung gehen derzeit nur 50 Prozent der Langzeitarbeitslosen im Programm noch einer Arbeit nach; nur 25 Prozent haben bisher einen Festvertrag erhalten. Das „Matching“ scheitere nicht nur an der Motivation der Arbeitnehmer, sondern auch an Unternehmen, die gerne die Subventionen ausnutzen und keine echte Beschäftigungsabsicht haben. An dieser Stelle sei Besserungsbedarf und er wünsche sich, dass die Jobcenter ein ähnliches, unbürokratischeres Programm mit mehr Personal bekämen. So könnte man viele aus der Langzeitarbeitslosigkeit zurückholen.

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