Wildschweine

Schweinepest: Bezirk richtet Krisenstab ein

Die Seuche ist Experten zufolge nur noch 350 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.

Das Gehege der Minischweine Rosi und Pumba ist von einem Lattenzaun umgeben

Das Gehege der Minischweine Rosi und Pumba ist von einem Lattenzaun umgeben

Foto: Thomas Schubert

Berlin.  Nur ein Lattenzaun trennt Rosi und Pumba von der Wildnis. Allein dieses Gatter im Garten schützt die beiden Minischweine von Ulrike Kersjes vor Kontakt mit ihren großen, borstigen Vettern. Dass Wildschweine auf Futtersuche durch die ruhige Wohnstraße in Hermsdorf streifen und Rasenflächen zerwühlen, ist für Anwohner in diesem Teil von Reinickendorf nichts Ungewöhnliches. Neu ist die Gefahr. Seitdem sich die Afrikanische Schweinepest aus Osteuropa in Richtung Westen ausbreitet, steigt das Risiko, dass die Seuche Berlin erreicht.

Im schlimmsten Fall könnten sich Rosi und Pumba bei erkrankten Wildschweinen, die an ihrem Gehege in Hermsdorf vorbeiwandern, infizieren. Der Virus befällt sowohl Wild- als auch Hausschweine und endet oftmals tödlich, warnt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Gefahr für Menschen besteht zwar nicht. Aber wenn massenhaft Schweine zwangsgeschlachtet werden müssen, droht enormer wirtschaftlicher Schaden.

Bezirk könnte Fundprämie für verendete Tiere ausloben

Ulrike Kersjes hat die Nachrichtenlage genau verfolgt und zunächst an „Panikmache“ geglaubt. Doch jetzt sorgt sie vor. „Ich überlege mir, einen Elektrozaun zu bauen, um Wildschweine von Rosi und Pumba fernzuhalten“, sagt die Halterin. In Internetforen werde derzeit viel über die Bedrohung debattiert. „Die größte Angst der Schweinebesitzer ist, dass bei einem Ausbruch der Seuche alle Tiere im Gebiet getötet werden müssen – auch meine.“

So wie Bauern und Haustierhalter im privaten Rahmen Vorkehrungen treffen, so rüstet man sich auf amtlicher Ebene für den Ernstfall. Als erste Behörde in Berlin hat das Bezirksamt Reinickendorf einen Krisenstab eingerichtet. „Die Afrikanische Schweinepest ist eine reale Bedrohung für die deutsche Schweinezucht und den Wildbestand. Daher ist es nun von elementarer Bedeutung, proaktiv zu handeln und Präventionsmaßnahmen zu ergreifen, um das Risiko eines Ausbruchs zu vermindern“, erklärte Stadtrat Sebastian Maack (AfD) Anfang Fe­bruar. Er ist verantwortlich für das Veterinäramt des Bezirks – die zuständige Stelle zur Abwehr und Bekämpfung der Seuche. Laut Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts sei die Schweinepest nur noch 350 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Insofern sieht Maack Handlungsbedarf.

Inzwischen hat der Stab mit Vertretern des Reinickendorfer Veterinäramts, des Senats und örtlichen Jagdpächtern zum ersten Mal getagt. Ein erstes Ergebnis: Der Bestand an Containern für Wildtierabfälle wird aufgestockt. Im Falle eines Ausbruchs der Seuche würde die Zahl der Wildschweinkadaver sprunghaft steigen. Der jetzige Bestand an Containern sei nicht ausreichend, sagt Ken Bauer, Referent von Stadtrat Maack, auf Anfrage.

In dieser Woche will der Krisenstab noch weitere Schritte vorbereiten. Bauer nennt Maßnahmen wie „die intensive Fallwildsuche mit Hunden“, oder die Auslobung von Fundprämien für verendete Tiere. Über Kadaver könnte sich die Afrikanische Schweinepest wohl am ehesten auf die Berliner Tierpopulation ausbreiten.

„Eine Übertragung ist über direkten Kontakt zwischen Tieren möglich, insbesondere über Blutkontakt. Darüber hinaus kann das Virus indirekt über verunreinigte Gegenstände wie Werkzeuge, Fahrzeuge, Schuhe oder über verunreinigtes Futter übertragen werden“, heißt es in den Mitteilungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums.

Erkennbar seien Schweinepest-Infektionen an „schweren Allgemeinsymptomen“ wie Fieber, Schwäche, Fressunlust, Bewegungsstörungen und Atemproblemen. Außerdem können Durchfall und offene Blutungen auftreten. Bei Schwarzwild deuten eine verringerte Fluchtbereitschaft, Bewegungsunlust und Desorientiertheit auf eine Erkrankung hin. Von der Infektion bis zu den ersten Anzeichen der Krankheit können bis zu 15 Tage vergehen.

„Es ist nicht mehr die Frage, ob die Afrikanische Schweinepest nach Deutschland kommt, sondern nur noch wann“, warnt Dieter Saß, stellvertretender Amtstierarzt in der Uckermark. Da der Virus sich pro Jahr um 300 bis 500 Kilometer ausbreitet, könnten die ersten infizierten Wildschweine Ende 2018 Brandenburg erreichen – und ebenso den Norden Berlins.

Zahl der Berliner Wildschweine unbekannt

Dort haben Jäger schon jetzt Mühe, die Wildschweinpopulation in Grenzen zu halten. „Etwa 200 Jagdberechtigte sind derzeit in den Berliner Wäldern unterwegs“, erklärt Derk Ehlert, Wildtierexperte bei der Senatsverwaltung für Umwelt. Noch mehr können es kaum werden – „denn die Zahl der geeigneten Orte, an denen man schießen kann, ist endlich“. Wenn sich noch mehr Jäger auf die Lauer legten, ließe sich die Sicherheit von Waldbesuchern nicht mehr gewährleisten, so Ehlert. Deshalb wird es beim Ausbruch einer Seuche schwierig werden, noch mehr Tiere zu erlegen als jetzt.

Ein weiteres Problem: „Keiner weiß, wie viele Wildschweine es in Berlin überhaupt gibt.“ Ehlert plädiert dafür, die Population natürlich zu begrenzen: Wenn Menschen keine Abfälle liegen lassen, finden die Wildschweine weniger Futter. Und haben auch weniger Anreiz für Streifzüge durch die Kieze.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.