Reinickendorf
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Warum das Tegeler Fließ nicht fließt

Das Tegeler Fließ und der Hermsdorfer See sind seit dem Starkregen im Sommer 2017 überflutet. Senat und Wasserbetriebe sagen: Schuld allein ist der Regen; am Wehr liegt es nicht.

Foto: Janine Richter / BM

Reinickendorf.  Es ist die am heftigsten diskutierte Frage im Bezirk: Warum wird das Tegeler Fließ immer mehr zum Tegeler „Steh“? Dass es so ist, ist unbestritten und sichtbar. An vielen Stellen des Naturschutzgebietes tritt das Fließ über die Ufer, Flächen sind überschwemmt. Bäume verfaulen und stürzen um. Totholz sammelt sich, das Fließtal versumpft. Die Wasserbüffel konnten erstmals nicht im Fließ grasen. Die Schuld daran sehen die einen bei einem Wehr, die anderen beim Klima.

Wehr wurde nicht abgesenkt

Daher gibt es auch zwei Erklärungen dafür, warum sich an einigen Stellen die Hochwasserlage derzeit offenbar etwas entspannt hat. Das liege vor allem daran, dass es in den vergangenen Wochen weniger geregnet habe und der Boden wieder mehr Wasser aufnehmen könne, sagt Matthias Tang, Sprecher der Senatsumweltverwaltung, der Berliner Morgenpost. Die hohen Wasserstände seien auf den vielen Regen und die geringe Verdunstung im Jahr 2017 zurückzuführen. Der Boden sei gesättigt gewesen. Berichte, wonach das Wehr nahe der Autobahn 111 durch den Senat um 15 Zentimeter abgesenkt worden sei und das Wasser dadurch abfließe, dementiert er. „An dem Wehr wurde in den letzten Monaten gar nichts aktiv verändert. Das ist Quatsch.“

Automatische Anlage regelt nicht den Wasserpegel

Das Wehr, welches das stark von Phosphaten belastete Wasser des Fließes zur Oberflächenwasseraufbereitungsanlage (OWA ) in Tegel führt und es unterhalb wieder einleitet, habe keinen Einfluss auf den Wasserstand im Fließ. Das Wehr werde ständig im Automatikbetrieb gefahren, so Tang. Es senke sich in zwei Stufen oder die Wehrklappe lege sich im Ausnahmefall um, wenn der Wasserstand steige. Sinkt der Wasserstand, hebt sich das Wehr wieder. „Ergebnisse zeigen, dass die Wehranlage die Wasserstände im Fließ nicht maßgeblich verändert“, sagt Tang.

Auch Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, die für die technische Unterhaltung des Wehres zuständig sind, bestätigt: „Das Wehr fungiert eher wie eine Leitplanke und leitet das Wasser nur um. Einmal in der Woche bewegen wir das Wehr auch, sodass es nicht einrostet.“ Das Wehr beeinflusse den Wasserstand nur über eine Strecke von wenigen Hundert Metern, aber niemals 14 Kilometer Fließ. „Dieses Wehr ist nicht für Nässeschäden im oberen Fließ verantwortlich“, sagt Natz. Und vor einigen Tagen sei es definitiv nicht abgesenkt worden.

Senat plant Infotermin am Tegeler Fließ

Beide Sprecher sehen eher die veränderten klimatischen Bedingungen als Ursache. Mit ihnen müsse man umgehen. „Wir werden unser Regenwassermanagement über eine Agentur bei den Berliner Wasserbetrieben neu angehen. Zudem werden wir zeitnah am Tegeler Fließ einen Vor-Ort-Termin mit den Beteiligten machen und erläutern, was das Problem ist“, verspricht Tang.

Lübarser Bauern seit Jahren ohne Hilfe

Vielleicht ein Lichtblick für die betroffenen Anlieger, für die das Hochwasser verheerende Folgen hat. Zum Beispiel für Lübarser Bauern wie Axel Gericke. Er vermietet Pferdeboxen nahe des Fließes. „Diese ständige Nässe verändert die Gräser. Ursprünglich gab es hier wertvolle Süßgräser voller Inhaltsstoffe“, sagt der Landwirt. Durch die anhaltende Nässe seien Seggen (Sauergrasgewächse) gewachsen, und die würden die Pferde nicht mehr fressen. „Wir müssen das Futter hinzukaufen. Es ist für uns ein großer finanzieller Schaden.“ Früher hätte der Senat das Fließ besser gepflegt und ein- bis zweimal im Jahr die Gräben ausgebaggert sowie das Entwässerungssystem gesäubert.

Seit 1983 lebt Axel Gericke in Lübars. „Nur wenn man mit Anwälten droht, passiert mal etwas. So schlecht kann doch eine Verwaltung gar nicht arbeiten.“ Konkret wirft er dem Senat vor, er kontrolliere die beauftragten Firmen nicht genug. Sein Land sei wertlos, und er fühle sich „enteignet“.

Auch Gärten am Hermsdorfer See überschwemmt

Auch die Grundstücksbesitzer entlang des Hermsdorfer Sees sind verzweifelt. Am Ufer des Sees hat Dietmar Peitsch 1973 sein Haus gebaut. Seit vergangenem Sommer ist sein Grundstück jedoch überflutet. Der restliche Garten ist von Wildschweinen zerwühlt, weil die Tiere im durchnässten Fließtal nichts mehr zu fressen finden. Auch die Gärten der Nachbarn gleichen einer Sumpflandschaft. „Das Wasser geht nicht mehr zurück, und wir fühlen uns alleingelassen vom Senat“, sagt Peitsch.

Senatssprecher Tang beteuert, das Fließ werde „ordnungsgemäß“ unterhalten. „Der sogenannte abflusswirksame Querschnitt wird stets frei gehalten.“ Die beauftragten Fremdfirmen seien einmal pro Woche im Fließ unterwegs und würden an definierten „Verschmutzungsschwerpunkten“ reinigen. „Dabei werden alle Hindernisse, wie beispielsweise Treibgut, Müll, Gartenabfälle, Kadaver und Totholz entnommen“, sagt Tang. Zudem werde zweimal jährlich eine Krautung in Teilabschnitten im Juli und Oktober vorgenommen. „Und wir kontrollieren das sehr genau.“ Daran habe auch die im Oktober 2017 in Kraft getretene Natura-2000-Verordnung der EU nichts geändert. „Durch die Verordnung wird das Fließ nicht anders behandelt.“

Bezirkspolitik unzufrieden mit Arbeiten

In der Bezirkspolitik sind diese Ansichten umstritten. SPD-Bezirksverordneter Gerald Walk, der am Wanderweg des Fließes wohnt, ist sich sicher, dass das Wehr anstaut und dadurch alles „ersäuft“. Auch Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) hat den Eindruck, dass die Aufräumarbeiten am Fließ „nicht sehr schnell und zufriedenstellend“ passierten. Zudem glaube er, dass das Fließ immer mehr durch altes Laub „versande“. „Das Fließ geht somit in die Breite. An der Stelle überlässt der Senat das Fließ sich selbst, weil er weitere Eingriffe nicht vornehmen will“, sagte Balzer den Bezirksverordneten.

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