TXL

Das sind die Überflogenen von Tegel

Mit dem Lärm leben sie alle, doch nirgendwo gehen die Meinungen zur Schließung Tegels so weit auseinander wie direkt am Flugfeld.

28.08.2017/ Germany/ Berlin/ Menschen aus der Einflugschneise vom Flughafen Tegel: Halit Mimaroglu (dunkle Haare) Marco Keeren, Kathrtin Keeren, Sohn Henry (2) Bastian Prang, Claudia Prang (auf der Liege) photo: David Heerde

28.08.2017/ Germany/ Berlin/ Menschen aus der Einflugschneise vom Flughafen Tegel: Halit Mimaroglu (dunkle Haare) Marco Keeren, Kathrtin Keeren, Sohn Henry (2) Bastian Prang, Claudia Prang (auf der Liege) photo: David Heerde

Foto: David Heerde

Als Hartmut Mehdorn, der damalige Flughafenchef, Anfang 2013 vorschlug, man solle den Flughafen Tegel auch nach einer Eröffnung des BER offen halten, hielten das viele direkte Anwohner für einen Witz. War nicht längst alles beschlossen, war es nicht zuletzt nur noch darum gegangen, was künftig auf dem Flughafenareal Platz haben sollte – Spaßbad, Wohnungen, wissenschaftliche Einrichtungen? Die Pläne für die Nachnutzung von Tegel waren in Bürgerversammlungen vorgestellt worden. 2012 wurden die Reinickendorfer in einer Bürgerbeteiligung zum Bebauungsplan eigens dazu befragt. Das Bezirksamt richtete sogar schon ein „Bauberatungszentrum“ ein, das über die künftigen Möglichkeiten auf und an dem Flughafenareal warb. Wohnhäuser, Wissenschaft, Gewerbe und Grünfläche – bis zur Dachbegrünung schien das neue Stadtviertel geplant. Dass nun vier Jahre später alles wieder infrage steht, ist für die viele Flughafennachbarn nicht nur eine Frage von Nostalgie oder Politik. Es ist existenziell. Für manche bedeutet es neue Hoffnung, für andere die Entscheidung: gehen oder bleiben? 300.000 Menschen, so eine aktuelle Studie des Senats, sind vom Fluglärm des Flughafens Tegel betroffen. Was die Menschen in der Einflugschneise noch am ehesten eint, ist das gewachsene Misstrauen gegenüber der Politik, Volksentscheid hin oder her. Wir haben die „Überflogenen“ besucht.

"Für den Luxus von Tegel müssen Hunderttausende leiden"

Am 3. Juni 2012 wollten sie die Schließung von Tegel im Garten feiern, doch die Party fiel aus, als klar war, dass alles so weitergehen würde wie bisher. Flugzeuge über dem Haus von früh um sechs bis spät in die Nacht – über dem Haus, das sie als Baugruppe gemeinsam in einer vermeintlich ruhigen Ecke von Pankow gebaut hatten. Ideal gelegen in einer ruhigen Sackgasse in Pankow, Blick ins Grüne, Gemeinschaftsgarten – und doch nur ein paar Minuten entfernt vom Bahnhof Pankow. Dass Tegel wirklich schließen würde, davon hatten sie sich damals in allen verfügbaren Unterlagen überzeugt, sagt Rechtsanwalt Ulf Weigelt. „Das gilt ja auch heute noch“, ist er überzeugt. Auch Katja Kaden, von Beruf Architektin, hält den Weiterbetrieb von Tegel für ausgeschlossen. „Ein Innenstadtflughafen wäre heute nicht mehr genehmigungsfähig.“ Als der damalige Flughafenchef Hartmut Mehdorn 2013 erstmals von einem Weiterbetrieb Tegels sprach, gründeten sie die Bürgerinitiative „Danke, Tegel“. Seitdem protestieren sie gegen den Lärm. „Man hat sich darauf eingestellt, Gespräche regelmäßig zu unterbrechen, wenn ein Flugzeug kommt“, sagt Kaden. Kindergeburtstage im Garten sind bei dem Lärm problematisch, im „grünen Klassenzimmer“ der Grundschule gegenüber haben ihre Kinder nie Unterricht gehabt – zu laut. „Inzwischen gibt es Nachbarn, die über den Fluglärm einfach nicht mehr reden wollen, es reibt sie zu sehr auf.“ Sie jedoch demonstrieren weiter. Der Volksentscheid, sagt Weigelt, säe unnötig Zwist unter den Berlinern. „Es wird immer schwerer, Verständnis für unsere Situation zu wecken. Für den Luxus dieses Innenstadtflughafens müssen Hunderttausende unter Lärm und Dreck leiden .“

"Flugzeuge gucken ist doch was Schönes - wir mögen Tegel"

Tiefer als hier schrammen die Flugzeuge nirgends über Reinickendorf, bevor sie auf dem Flughafen Tegel aufsetzen: Die Dachterrasse „Clou Corners Biergarten“ auf dem Einkaufszentrum am Kurt-Schumacher-Platz gehört definitiv zu den lautesten Berlins. Und den Orten, an denen man die Ambivalenz um „TXL“ am besten versteht. Auf die Idee, ausgerechnet hier eine Dach-Bar zu eröffnet, kam der Wirt vor zehn Jahren. „Anlass war eigentlich das Rauchverbot, ich hatte damals unten im Clou eine Kneipe.“

Mit den Rauchern kamen die Flugzeugfans. Das Wort „Planespotter“ kennt hier inzwischen jeder. Wenn sich besondere Maschinen ankündigen, ist nicht nur der inoffizielle Foto-Platz an der Autobahnzufahrt neben dem Flughafen voll besetzt, sondern auch die Clou-Terrasse . Aber auch an anderen Tagen kämen viele Flugzeug-Fans, sagt der Wirt. Wie Marianne Maschke aus Tegel und Dorothea Gläser, die gleich um die Ecke wohnt. Während sie fröhlich ins Gespräch vertieft sind, schauen sie gelassen den Fliegern hinterher. „Bei mir zu Hause steigen die Flugzeuge ja auch fast vor dem Fenster auf“, sagt Dorothea Gläser. Bei geschlossenen Fenstern höre man sie nicht. „Ich lebe jetzt seit 30 Jahren hier, mich stört das nicht.“ Die Schließung von Tegel sehen die beiden mit Wehmut. „Tegel gehört zu Berlin einfach dazu“, rufen sie gegen den Lärm einer landenden Maschine an. Der Terrassenwirt sieht die Frage gelassen. Unter seinen Gästen seien viele Tegel-Fans, „aber auch viele, die finden, es muss jetzt bald mal ein Ende haben.“ Ihm selbst ist es egal. Die Gäste kämen so oder so, meint er: „Die Sonnenuntergänge hier oben sind auch ohne Flugzeuge schön.“

"Uns stören die Flugzeuge über unseren Gärten nicht"

Die meisten Menschen fahren zum Flughafen, um weit wegzufliegen und sich zu erholen. Werner und Heike Busacker dagegen bleiben einfach da. Am schönsten ist der Sommer direkt an der Rollbahn im Süden von „TXL“, sagen die beiden. Dort nämlich haben sie ihren Kleingarten. Seit genau 39 Jahren trennt nur ein Grünstreifen ihren Lieblingsort vom Flugfeld. Der Lärm? „Man hört es nicht mehr“, sagt Heike Busacker. „Die Gärten sind für uns Erholung, morgens hört man die Vögel zwitschern, abends das Käuzchen rufen. Manchmal sind sogar Wildschweine in den Gärten. Es ist hier wie Kurzurlaub in der Stadt.“ Auch ihre Wohnung liegt in der Einflugschneise, im Wedding, berichten die Busackers. „Man unterbricht sich kurz, wenn die Fenster offen sind, aber die Flugzeuge sind ebenso schnell da, wie sie wieder weg sind.“

Auch die Kleingärtner haben beobachtet, dass der Flugverkehr zugenommen hat, zumal in den Ferien. Trotzdem sind sie dagegen, dass Tegel schließt. „Schönefeld ist zu weit weg“, sage sie. „Und solange es keine richtige Anbindung gibt, wie soll man von dort nachts nach Hause kommen?“ Außerdem sorgen sie sich um die Kleingärten. Fred und Isa Ballentin haben den Garten seit 1983, heute ist er stellvertretender Vorsitzender der Kolonie „Vor den Toren III“. Zwar habe man ihnen versichert, die Kleingärten dürften bleiben, auch wenn das Flugfeld von Tegel bebaut wird. Aber kaum jemand in der Kolonie will sich darauf verlassen. „Man sieht ja überall in der Stadt, dass Kleingärten für Neubauten entwidmet werden“, sagt Ballentin. „Wir sind deshalb auf jeden Fall für die Offenhaltung von Tegel, egal, was passiert.“

"Wir gehen davon aus, dass die Schließung kommt"

Auch am Nordrand des Flugfeldes gibt es neuerdings Gärten. Auch sie sind idyllisch, aber die Bewohner sind total genervt. „Französische Gärten“ heißt die pastellfarbene Reihenhaussiedlung auf dem Gelände der einstigen französischen Alliierten, die ersten Häuser wurden 2012 fertig. „Wir waren sicher, dass ab 3. Juni Ruhe sein würde“, sagt Halit Mimaroglu, der mit seiner Familie als Erster einzog. Heute sind alle 44 Reihenhäuser bewohnt. Nebenan entstehen weitere Eigentumswohnungen. Ein weiteres Projekt mit 95 Mietwohnungen trägt den Namen „La belle ville“, die schöne Stadt. Aber was heißt hier „schön“? – „Bizarr“ trifft es eher. Am schlimmsten sind die Hauseigentümer dran, die eigentlich die beste Aussicht haben sollten – ins Grüne. Stattdessen schauen Bastian Prang und seine Familie durch Maschendrahtzaun und Natodraht auf das Rollfeld. Ab morgens um vier, sagt Prang, lassen die Maschinen die Turbinen warm laufen. Im Winter beleuchtet eine Sole-Tankstelle direkt hinterm Zaun den Garten der Prangs. Das Blinklicht der Enteisungsfahrzeuge dringt bis in die letzte Ecke des Hauses. Die Flugzeuge steigen unablässig bis Mitternacht in den Berliner Himmel, erzählen die Nachbarn. „Die lautesten kommen zum Schluss.“ Immer wieder rieche es extrem nach Kerosin. Bei offenem Fenster kann in den Französischen Gärten niemand schlafen. „Gerade für Kinder sei das ein Problem, sagt Mimaroglu. Beim Kauf habe man damit geworben, die Schließung von Tegel sei sicher. Nun fühlten sie sich betrogen von der Politik. Trotzdem gehen sie davon aus, dass die Schließung kommt. „Wir hätten unser Haus nicht gekauft“, sagt Bastian Prang, „wenn wir das alles geahnt hätten.“

Mehr zum Thema:

Volksentscheid Tegel - Fragen und Antworten Die Pläne für die Zukunft des Flughafens Tegel Pro und Contra Flughafen Tegel: Zwei Köpfe, zwei Meinungen

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.