Tegeler See

Vergiftet: Das Hundesterben in Berlin geht weiter

Die Ursache ist noch nicht gefunden. Mindestens 14 Hunde sind behandelt worden, nur drei Tiere wurden gerettet.

„Keiner sollte derzeit mit seinem Hund am Tegeler See spazieren gehen“

„Keiner sollte derzeit mit seinem Hund am Tegeler See spazieren gehen“

Foto: Anikka Bauer

Plötzlich hatte die kleine, schwarze Hündin Leyla Schaum vorm Maul. Die Hinterpfoten waren gelähmt. Franziska Marek nahm ihren Hund auf den Arm. Sie wusste aus den Berichten: Es geht jetzt um Sekunden. Die 21-Jährige rannte die Waldwege des Tegeler Forstes entlang. Sie weinte und schrie immer wieder um Hilfe.

"Mit dem Handy habe ich beim Rennen die Tierarztpraxis Rödiger angerufen. Ich hatte die Nummer vorsichtshalber eingespeichert", erzählt die Tierliebhaberin. Eine Autofahrerin sah sie aus dem Augenwinkel, dreht auf der Konradshöher Straße um und hielt an. "Sie hat mich zum Tierarzt gefahren. Ich bin so dankbar. Ich dachte, Leyla stirbt in meinen Armen", sagt Franziska Marek.

Solche Szenen schreibt derzeit das Leben von Hundebesitzern, die am Tegeler See spazieren waren. In den vergangenen zwei Wochen sind mindestens 14 Hunde bei Spaziergängen in dem Gebiet vergiftet worden – zehn Hunde sind an ihren akuten Vergiftungen gestorben. "Wir haben bei uns elf Tiere behandelt – nur drei konnten wir retten – Leyla ist eine von ihnen", sagt Kai Rödiger, Chefarzt der Tierarztpraxis Rödiger in Tegel.

"Ein wirkliches Muster erkennt man nicht"

Als konkrete Vergiftungsorte sind bisher die Parkanlage am Borsigdamm, Badestellen nahe der Neheimer Straße, die Badestelle am Forsthaus, das Gebiet um das Strandbad Tegel und nun auch das Ufergebiet der Malche bekannt. Keiner der betroffenen Hundebesitzer hat gesehen, dass die Tiere einen "klassischen" Giftköder gefressen haben. Viele Hunde haben allerdings aus dem See getrunken oder Gras gekaut.

"Die Hunde verschiedenster Rassen und Größe kamen alle mit ähnlichen Symptomen, aber ein wirkliches Muster erkennt man nicht", sagt Rödiger. In seinen 30 Dienstjahren hat er so etwas noch nicht erlebt. "Noch immer sind sehr viele Hundebesitzer nicht ausreichend über die tödliche Gefahr informiert", ergänzt seine Kollegin Vassiliki Tanidis. Erst am Montag ist der letzte Hund eingeliefert worden und gestorben.

"Keiner sollte derzeit mit seinem Hund am Tegeler See spazieren gehen", warnt der Arzt. Maulkorb und Anleinen seien kein ausreichender Schutz, wenn es sich etwa um ein aufgesprühtes Gift handle. Alle Erfahrungen sprächen nicht für Rattengift oder eine Schneckenköder-Vergiftung. Das Ärzteteam hat das Blut und den Mageninhalt eines Hundes eingeschickt und wartet auf die Ergebnisse. Franziska Marek war mit Leyla am Freitagmorgen nahe der Malche des Tegeler Sees und im Tegeler Forst spazieren.

Bewusst hatte die Besitzerin die Hündin vom Wasser ferngehalten und darauf geachtet, dass sie nichts frisst. Dennoch lag das Tier nur Minuten später auf dem OP-Tisch der Praxis Rödiger in Narkose und bekam eine Magenspülung und Aktivkohle zu fressen. "Weil sie angerufen hat, war schon alles vorbereitet und wir konnten das Tier retten", sagt Rödiger.

Polizisten laufen häufiger Streife am Tegeler See

Der Berliner Polizei liegen inzwischen vier Strafanzeigen von Hundebesitzern aus Tegel vor. Nicht alle Hundebesitzer haben den Tod ihrer Vierbeiner zur Anzeige gebracht. "Die Vorkommnisse sind in so kurzer Zeit und geballt an einem Ort ungewöhnlich", sagt ein Polizeisprecher. Die Polizei des zuständigen Abschnittes laufe, bis die Gefahr vorüber sei, verstärkt um den Tegeler See Streife. Sie halten Ausschau nach verdächtigen Personen und Giftködern. Diese oder andere Vergiftungsursachen seien aber bisher nicht gefunden worden.

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"Bei einem der Tiere haben wir eine Obduktion angeordnet", sagte der Sprecher. Zudem habe die Polizei an verschiedenen Stellen im Tegeler See Wasserproben entnommen, die nun ausgewertet werden. Mit ersten Ergebnissen wird im Laufe der Woche gerechnet. Eine Fachkommission habe die Ermittlungen aufgenommen. Ergebnisse stehen noch aus. Das Bezirksamt Reinickendorf ließ am Freitag von der Amtsärztin Warnschilder am Tegeler See aufstellen.

Die zwölfjährige Leyla durfte am Sonnabend nach Hause. "Sie ist noch ein bisschen schlapp, und läuft etwas komisch, aber sie ist über den Berg", sagt Franziska Marek. Der umsichtigen Autofahrerin hat sie ein kleines Dankeschön vorbeigebracht. "Es ist schön, dass sie auf ihr Umfeld geachtet hat. Das ist nicht mehr selbstverständlich."

So erkennen Sie eine Vergiftung:

Symptome Laut den Ärzten der Tierpraxis Rödiger sind die Vergiftungssymptome unterschiedlich stark ausgeprägt. Die meisten vergifteten Tiere sind zittrig, schwach und mit Lähmungserscheinungen eingeliefert worden. Manche hätten gebrochen und Durchfall gehabt – aber ohne Blut. Es sei immer Gras im Erbrochenen gefunden worden. Schaum vorm Mund und bläulich gefärbte Schleimhäute seien weitere Symptome. Letztendlich bricht der Kreislauf der Tiere zusammen und sie hören auf zu atmen.

Hilfe Hundebesitzer sollten bei ersten Symptomen sofort in eine Tierklinik in der Nähe fahren.

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