Reinickendorf
Tegel

Tod beim Gassi gehen am Tegeler See

Sechs Hunde sollen nach einem Spaziergang gestorben sein. Das Bezirksamt vermutet Giftköder als Ursache.

Jessica Simon trauert um ihre Mischlungshündin Bella

Jessica Simon trauert um ihre Mischlungshündin Bella

Foto: Frank Lehmann

„Ich kann doch vom Gassi gehen nicht nur mit dem Hundehalsband nach Hause kommen.“ Geschockt stand Jessica Simon am Donnerstagabend vor der Tierärztin in der Praxis Rödiger. Gerade war ihr Border-Collie-Mischling „Bella“ an einer Vergiftung gestorben. Nur zwei Jahre wurde er alt. Die 23-Jährige weinte bitterlich. Auch vier Tage später ist sie noch fassungslos. „Ja, es gibt Hundehasser, aber ich verstehe nicht, warum man den Tieren etwas antun muss. Man kann sie doch ignorieren“, sagt sie. Die junge Frau lebt in Reinickendorf. Regelmäßig ging sie mit „Bella“ am Ufer des Tegeler Sees nahe der Neheimer Straße spazieren. „Sie war wie mein Baby. Ich habe ihr sogar das Laufen beigebracht.“ An dem besagten Tag musste sie alleine, ohne „Bella“, nur mit ihrem Halsband nach Hause gehen.

Sie ist nur eine von mindestens sechs Hundebesitzern, die in den letzten Tagen nach einem Uferspaziergang nahe der Parkanlage am Borsigdamm, Neheimer Straße und an der Badestelle am Forsthaus ihre geliebten Hunde verloren haben. „Nach unseren Recherchen sind es sechs Todesfälle“, sagt Charlotte Behm, Betreuerin der Facebookseite „Giftköderalarm Berlin“.

Am Montagabend traf es einen weiteren Hundebesitzer. Sein Hund wurde durch Giftköder lebensgefährlich verletzt und befindet sich derzeit in tierärztlicher Behandlung.

Ein Polizeisprecher konnte der Berliner Morgenpost zwei Anzeigen am Donnerstag wegen Vergiftungsfällen im Naherholungsgebiet bestätigen – ein Hund konnte noch gerettet werden. „Unsere Kollegen haben vor Ort alles abgesucht, aber nichts gefunden“, sagt der Polizeisprecher.

Nur 40 Minuten von den ersten Symptomen bis zum Tod

Das Praxisteam von den Kleintierspezialisten in Tegel schrieb am Sonntag auf ihrer Facebookseite von zwei Hunden, die nach einem Spaziergang am Tegeler See plötzlich Atemnot entwickelt hätten und bereits bei Ankunft in der Praxis tot gewesen seien. Die Tierarztpraxis Rödiger bestätigte drei Todesfälle. „Wir haben von Freitag bis Sonntag versucht, drei Hunde in unserer Praxis zu behandeln, aber konnten ihnen nicht mehr helfen“, sagt Tierärztin Vassiliki Tanidis. Alle Hunde seien am Tegeler See spazieren gewesen, von zwei Hunden wisse sie, dass sie im Wasser gespielt hätten. „Es ging alles sehr schnell. Von den ersten Symptomen bis zum Tod sind nur 30 bis 40 Minuten vergangen“, sagt sie Tierärztin. Dies spräche nicht für Rattengift oder eine Schneckenköder-Vergiftung. Die Tiere seien mit Lähmungserscheinungen eingeliefert worden und hätten gekrampft, gezittert, gebrochen und Durchfall gehabt – aber ohne Blut. Plötzlich habe der Atem stillgestanden. „Das ist eine ganz komische Geschichte und wir wollen das Blut eines Hundes im Labor untersuchen lassen, um die Ursache zu finden“, sagt Tanidis. Sie würde Hundebesitzern raten, bis zu einer Aufklärung der Fälle den Tegeler See mit ihren Hunden zu meiden.

Wie ein Anti-Giftköder-Training Hundeleben retten kann

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„Das sind schon extrem viele Todesfälle an einem Ort und normalerweise lassen sich Vergiftungen gut behandelt“, bestätigt auch Giftköder-Expertin Behm. Auch sie ist gespannt, was die Laboruntersuchungen ergeben. In allen Fällen von toten Hunden, die ihr bekannt seien, hätten die Tiere im Wasser des Sees getobt und auch teilweise daraus getrunken. Keiner der Besitzer habe gesehen, dass die Hunde etwas gefressen hätten. „Das muss nicht bedeuten, dass das Wasser das Problem ist. Es kann auch sein, dass Köder in Ufernähe ausgelegt wurden“, sagt sie.

Das Bezirksamt Reinickendorf schließt nach Anfrage eine Belastung mit toxischen Stoffen in Mengen, die für Mensch und Tier gefährlich sein könnten, aus. Erst Ende April habe das Landesamt für Gesundheit und Soziales den Tegeler See untersucht. Die Wasserproben der Badestellen seien nicht verunreinigt gewesen – auch nicht mit Blaualgen. Vorsorglich wurde das Gesundheitsamt eingeschaltet. „Ein Gesundheitsaufseher und ein Mitarbeiter vom Umwelt- und Naturschutzamt haben sich vor Ort ein Bild gemacht, fanden dort aber keinerlei Indizien für eine Verunreinigung des Seewassers“, sagt der Sprecher. Auch Fische und Vögel im dortigen Uferbereich hätten nichts Auffälliges gezeigt. Das Bezirksamt vermutet eher illegal ausgelegte Giftköder oder die illegale Entsorgung von Stoffen als Ursache.

„Den Hilfe suchenden Blick des Hundes vergesse ich nie“

„Bella“ sei eine Wasserratte gewesen und hätte am Ufer gerne mit anderen Hunden getobt. Plötzlich sei der Hund erschöpft zusammengebrochen – zitternd und mit Schaum vorm Mund. Nie werde Jessica Simon den Hilfe suchenden Blick ihres Hundes vergessen. Noch immer hört sie die Impf- und Steuermarke am Halsband klappern. „Es war schrecklich, sie so zu sehen und dass ich ihr nicht helfen konnte.“ Sie hat Anzeige bei der Polizei gegen Unbekannt erstattet und wünscht sich, dass man den Todesfällen nachgeht.

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