Forschen

Auf Spurensuche in Frohnau

Für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten hat sich Agnes Pollok ein Thema gesucht, über das wenig bekannt ist: die Kirchenunion von 1817.

Agnes Pollok

Agnes Pollok

Foto: Christian Kielmann

Mit Akribie den Dingen auf den Grund gehen, in Archiven stöbern, das Puzzle zusammensetzen – für Agnes Pollok gibt es kaum etwas Spannenderes. Auch wenn die 16-Jährige gern tanzt, Klavier spielt, mit Freunden ins Kino geht oder shoppt – im vergangenen halben Jahr hat die Schülerin gern Abstriche zugunsten ihres Forschungsprojekts gemacht: Jetzt hofft sie, dass ihr Einsatz beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, an dem sie bereits zum dritten Mal teilnimmt, bei der Jury auf Anerkennung stößt. Dienstag ist Einsendeschluss des alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerbs. Das vorgegebene Rahmenthema lautet in diesem Jahr: "Gott und die Welt. Religion macht Geschichte". Dazu müssen sich die Teilnehmer etwas einfallen lassen, was sie dann selbst erforschen. Weil sich Agnes gern mit Geschichte beschäftigt und in diesem Jahr wegen des Reformationsjahres das Thema mit Religion kombiniert ist, hat sie sich besonders gefreut.

"Eigentlich wollte ich die Hugenotten nehmen, weil ich so gern Französisch in der Schule habe. Und schließlich haben wir in Berlin ja auch die Französische Kirche mit Dom auf dem Gendarmenmarkt. Aber dann habe ich in einer Chronik über Berlin etwas zur Preußischen Kirchenunion gefunden. Das ist die Vereinigung des lutherischen und reformierten Zweigs innerhalb der evangelischen Kirche, die Friedrich Wilhelm III. im geschichtsträchtigen Jahr 1817 anordnete. Damit wurde der Grundstein für die vereinigte evangelische Kirche gelegt", erläutert Agnes, die die 11. Klasse der Evangelischen Schule Frohnau besucht. Sie findet, dass entsprechend in diesem Jahr nicht nur 500 Jahre Reformation hätte gefeiert werden sollen, sondern auch 200 Jahre vereinigte evangelische Kirche. Was nicht bedeute, dass es die beiden Auslegungen heute nicht auch noch getrennt gebe.

Spannender als die Hugenotten

Das Thema, für das sie sich schließlich entschied, sei nicht nur spannender als die Hugenotten, sondern biete auch den Vorteil, dass es dazu kaum Bücher gebe und viele Menschen nichts darüber wüssten. Warum das wichtig ist, erläutert sie freimütig: "Man versucht für den Wettbewerb natürlich ein deutschlandweit möglichst einzigartiges Thema zu bearbeiten, um Spaß und Erfolg zu haben." Und die Konkurrenz ist groß, die Teilnehmer dürfen bis 21 Jahre alt sein, manche studieren schon.

Am Anfang ihrer Recherche tat sich Agnes schwer, überhaupt etwas zu ihrem Thema zu finden. Im Landesarchiv am Eichborndamm und im Archiv des Berliner Doms wurde sie dann aber fündig. "Zum Jubelfest am 31. Oktober 1817 gab es in den Zeitungen wochenlang ausgesprochen positive Berichte. An dem Tag wurde die Vereinigung der Konfessionen, aber auch 300 Jahre Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg gefeiert", so die Schülerin. Die Reformierten und die Lutherischen hätten an dem Tag erstmals das Abendmahl zusammen gefeiert, auch der König habe teilgenommen.

Nach all ihrem Wissen nun, hätte sie es deshalb gut gefunden, wie sie sagt, in diesem Jahr nicht nur 500 Jahre Reformation zu feiern, sondern auch 200 Jahre Vereinigung der evangelischen Richtungen. Das Problem, dass beispielsweise katholische und evangelische Ehepartner noch heute nicht gemeinsam das Abendmahl feiern können, sei in der evangelischen Kirche damals gelöst worden. "Friedrich Wilhelm III., der sehr fromm war, und seine Frau Luise (1776–1810) hatten das Abendmahl nie zusammen feiern können. Sie war lutherisch, er reformiert, und sie starb eben vor der Vereinigung", so Agnes.

Säulenkapitelle aus Berliner Dom landeten in Frohnau

Doch die Beweggründe, die zur Kirchenunion führten, sind nur ein Teilthema der Arbeit. Beim Blättern in den Dom-Akten entdeckte die Schülerin auch etwas, was sie schon aus Kindheitstagen kennt: die Säulenkapitelle, von denen eines im Brix-Genzmer-Park unterhalb des Buddhistischen Hauses in Frohnau steht und eines im Ludwig-Lesser-Park nahe der Victor-Gollancz-Grundschule, die Agnes bis vor sechs Jahren besuchte. Die Eltern waren immer bemüht, dass ihre Kinder darauf nicht herumkletterten.

Die Technische Universität, die damals noch Königlich Technische Hochschule Charlottenburg hieß und an der die beiden Gartenarchitekten Joseph Brix und Felix Genzmer lehrten, sei am Abriss des Berliner Doms Ende des 19. Jahrhunderts beteiligt gewesen. "Speziell zum Jubelfest 1817 war der Alte Berliner Dom prächtig im Inneren renoviert worden, Schinkel hatte etliche Säulen hinzugefügt. Und beim Abriss landeten zwei der Säulenkapitelle davon bei uns in Frohnau, vermutlich zur Verschönerung der Parks", berichtet Agnes. Die zwei anderen Säulenkapitelle, die die Gartenarchitekten möglicherweise als Anschauungsobjekte für ihre Studenten aufgehoben hatten, befinden sich inzwischen seitlich des Berliner Doms. Bis vor einigen Jahren befanden sie sich im Schlossgarten Charlottenburg neben dem Neuen Pavillon.

Säulen sind nirgendwo verzeichnet

"Einige Menschen wissen um deren Geschichte, es war klar, dass sie aus dem Dom stammen. Aber sie sind weder in der digitalen Denkmalkarte des Landes Berlin verzeichnet, noch gibt es Hinweisschilder dazu, und am Dom stehen sie noch verlassener als hier in Frohnau. Dabei sind sie doch Zeugnisse des so wichtigen Datums von 1817, als sich die Kirche vereinte", sagt die Schülerin. Sie hat sich deshalb bereits an die Reinickendorfer Stadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) gewandt und angeregt, natürlich mit Textentwürfen, Schilder anzubringen. Die Stadträtin ist von Agnes' Arbeit begeistert: "Eine tolle Initiative, detailliert und akribisch. Ich werde mit unserer Museumsleiterin auf jeden Fall sprechen, damit der Forschungsbeitrag in unser Museum aufgenommen wird. So werden Spuren lebendig, die kaum jemand wahrgenommen hat."

Wenn Agnes am Dienstag ihre Arbeitsergebnisse der Körber-Stiftung in digitaler Form schickt, wird nicht nur der 30-seitige Bericht dabei sein, sondern auch ein Film über die Führung, die sie zum Thema für Interessierte bereits gemacht hat, sowie ihr Blog (meinespurensuche.blogspot.com), in dem sie seit September ihre Arbeitsschritte dokumentiert hat und den sie dann auch öffentlich macht. "Vielleicht kann ich ja dadurch den Geschichtswettbewerb bekannter machen, damit noch mehr mitmachen", erhofft sie sich.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.