Reinickendorf
Schulschwänzer

Innenminister gegen Konsolen in Kaufhäusern

2100 Schüler schwänzen pro Tag allein in der Hauptstadt die Schule. Kein speziell Berliner Problem. Am Freitag wollen die Innenminister der Länder in Bad Saarow unter anderem empfehlen, Computerspiele in Kaufhäusern erst ab 15 Uhr freizuschalten. Der Erfolg dieser Maßnahme ist fraglich.

Foto: ua_cu / dpa

Die Innenminister der Länder werden sich auf ihrer Konferenz mit einer Studie zu Ursachen und zur Entwicklung der Kriminalität von Jugendlichen in Ballungsräumen befassen. Dabei wird es auch um 22 Empfehlungen zum Thema gehen, die von einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe unter Federführung von Berlin und der Hansestadt Hamburg erarbeiteten worden sind.


Allein in Berlin schwänzen laut Aussage der Bildungsverwaltung pro Tag 2100 Schüler die Schule. "Angesichts der Gesamtschülerzahl von mehr als 345.000 sind das weniger als ein Prozent der Schülerschaft", sagte Bernhard Kempf, Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Kempf verwies auf die gute Erfolgsquote verschiedener Schulschwänzerprojekte. Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) gab gestern zu bedenken, dass Schüler, die ständig schwänzen, keinen Schulabschluss bekommen und dadurch für eine kriminelle Karriere anfälliger sein könnten.

Bevor diese beginnt, vertrödeln die Schulschwänzer oft in Kaufhäusern wie Karstadt am Neuköllner Hermann-Platz den Tag. Vor den Spielkonsolen in der Computerabteilung sind kleine Schilder angebracht. "Gesundheitsschutz" steht darauf. Es wirkt wie eine verzweifelte Bitte. "Legen Sie zum Schutz ihrer Gesundheit Pausen von 15 Minuten pro Spielstunde ein. Spielen Sie nicht, wenn Sie müde sind oder nicht genug geschlafen haben.“

Eine gut gemeinte Aufforderung – die hier, wie überall sonst in Berlin, kaum ankommen kann gegen den Sog der bunten Bilder. Täglich versammeln sich Kinder vor den Kaufhaus-Monitoren. Sie wollen Joysticks drehen und auf Tasten hauen. "Vor einigen Jahren noch gab es hier einen ziemlichen Auflauf", sagt Karstadt-Mitarbeiter Mario Neumann. "Seitdem schalten wir unsere Konsolen täglich erst ab 14 Uhr ein. Wir wollen einfach nicht, dass die Kinder fürs Daddeln die Schule schwänzen."

Zu einer drastischeren Maßnahme hat sich die Galeria Kaufhof am Alexanderplatz entschlossen. "Wir haben viele der neuen Spielkonsolen gar nicht mehr aufgestellt", sagt Geschäftsführer Detlev Steffen. Vorführungen der einzelnen Geräte gebe es nur noch auf Anfrage.

Glaubt man Berliner Elektronik-Märkten, sind die Vorführ-Konsolen für Computerspiele erst ab dem frühen Nachmittag in Betrieb, so dass der Reiz der bunten Bilder die Kinder nicht zum Schulschwänzen animiert. In der Tat sind am Dienstagmittag viele Bildschirme außer Betrieb. In der Galeria-Kaufhof und bei Saturn am Alexanderplatz sind um 13 Uhr die Bildschirme aus, auch im Gesundbrunnen-Center im Wedding; die meisten jedenfalls. "Wer spielen will, findet immer etwas", halten ein paar Mädchen am Herrmannplatz dagegen, "und sei es im Internet-Café".

Empfehlungen nicht mehr als ein Signal

Das glaubt auch Johann-Peter Bröder, Schulleiter der Solling Haupt- und Realschule in Marienfelde. "Die Empfehlung der Bund-Länder Arbeitsgruppe ist das richtige Signal, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt er. Schüler, die ständig schwänzen, würde das nicht davon abhalten, der Schule fern zu bleiben. "Entscheidend sind die Elternhäuser. Wenn es dort keine Kontrolle gibt, sind alle anderen Bemühungen fragwürdig."

Auch Miriam Pech, Schulleiterin der Heinz-Brandt-Hauptschule in Weißensee, macht nicht die Videospiele für das Fernbleiben der Schüler verantwortlich: "Die Kinder gehen nicht wegen der Spielkonsolen nicht zur Schule." Sie fordert mehr Jugendfreizeiteinrichtungen. "Es gibt kaum Nachmittagsangebote für die Jugendlichen. Kein Wunder, dass sie sich in den Kaufhäusern treffen."

Im Spiele-Geschäft Game-Stop in Wedding laufen dann auch Punkt 14 Uhr mehrere Bildschirme auf Hochtouren. "Wenn ich ein Kind allein vorm Monitor sehe, schicke ich es selbstverständlich nach Hause", sagt ein Mitarbeiter, während sich keine fünf Meter entfernt ein halbes Dutzend junger Gäste beim Lamborghini-Rennen an den Joysticks vergnügt. Sie alle tragen Schulrucksäcke.

"Ich spiele am liebsten 'Counterstrike'", bekennt ein Sechstklässler der nahe gelegenen Gesundbrunnen-Grundschule. Wie oft? "Nur einmal die Woche, sonst werde ich ja gewalttätig", antwortet er artig.

Die Kinder wissen sich zu geben. Ähnlich wie bei zweifelhaften Geschäften scheint mancherorts ein verschwiegenes Einverständnis zwischen ihnen und dem Anbieter zu herrschen. Die Kinder, sagt ein Verkäufer in Neukölln, brächten keinen Gewinn, denn die meisten an den Kaufhauskonsolen seien eben gerade die, die sich niemals eine eigene Playstation leisten können. Rumhängen, Zeit totschlagen, sei der einzige Wunsch, den sie in einem Einkaufscenter tatsächlich realisieren könnten.

Spielecken sind einladend eingerichtet

Verwunderlich ist dabei nur, welche Sorgfalt die Kaufhäuser auf die Präsentation von Produkten verwenden, mit denen angeblich bei den Kindern kaum verdient wird. In vielen Elektronik-Märkten mutet die "Spielecke" wie die gute Stube des Hauses an: Karstadt am Hermannplatz präsentiert ein Sitz-Rondell, Media Markt am Alexanderplatz wartet mit meterhohen Bildschirmen und einer neongrünen Sessellandschaft allein für eine Konsole auf – Gemütlichkeit, von der manche zu Hause nur träumen können.

"Hier ist es einfach am besten" sagen einige Mädchen am Hermannplatz, "wir wissen ja auch nicht, wo wir nach der Schule zusammen hingehen können“. Also gehen sie ins Einkaufszentrum. Dort werden sie sich Schuhe ansehen oder eben spielen, sagen sie.

CDU-Schulpolitiker Sascha Steuer hält das Abschalten der Spielkonsolen indes für wenig hilfreich. Diese Maßnahme schade zwar nicht, führe aber auch nicht weiter. "Die Schüler werden woanders hingehen", sagt er. Der Staat habe jedoch die Pflicht, Schulschwänzer der Schule zuzuführen. "Das Herausholen von Schülern aus der Wohnung durch uniformierte Polizei muss deshalb als letzte Möglichkeit aufrechterhalten werden", fordert Steuer.