Berliner Museen

Wünsch Dir was: Das kauften DDR-Bürger von den ersten D-Mark

| Lesedauer: 6 Minuten
Katrin Starke

Die Fotografin Sophie Kirchner.

Die Fotografin Sophie Kirchner.

Foto: Marlena Waldthausen

Eine Foto-Schau in der Kulturbrauerei erzählt, wofür DDR-Bürger nach dem Mauerfall ihr Begrüßungsgeld von 100 D-Mark ausgegeben haben.

Berlin. 

Waltraud Halusa sitzt an ihrem Wohnzimmertisch, den Ellenbogen an der Tischkante aufgestützt. Ihr Kinn ruht in der Handfläche. Die Frau mag Ende Sechzig sein, vielleicht auch schon in ihren Siebzigern. Gedankenversunken schweift ihr Blick in die Ferne. Direkt daneben hängt ein zweites Foto, abgebildet ist ein hellbrauner Lederrock. Den hat sich Waltraud Halusa aus Lauchhammer nach dem Fall der Mauer von den 100 D-Mark gekauft, die von der Bundesrepublik bis Ende 1989 jedem Besucher aus der DDR als Begrüßungsgeld ausgezahlt wurden. Unter dem Bildpaar findet sich ein kurzes Zitat: „Ich habe mein Geld schon immer gern für Kleidung ausgegeben. Solch ein Rock hätte im Osten 400 Mark gekostet.“

Vom Begrüßungsgeld kauften sich die Menschen aus der DDR die verschiedensten Dinge – Praktisches wie eine Zange oder eine Flex, Spielzeug für die Kinder oder eine Spieluhr in Glockenform. Viele erfüllten sich langersehnte Wünsche, andere entschieden sich ganz spontan. 30 Jahre nach der letzten Auszahlung des Begrüßungsgeldes hat die Porträt- und Dokumentarfotografin Sophie Kirchner, 1984 geboren und aufgewachsen in Ost-Berlin, etliche dieser Dinge fotografiert samt den Menschen, die sie damals erworben haben. Ergebnis ist eine Fotoserie, in der Kirchner die Gegenstände und ihre Besitzer stets in Bildpaaren nebeneinanderstellt. Sie selbst nennt sie „Träume aus Papier“.

Kurzinterviews geben Auskunft über die Gefühle der Portraitierten

Die Menschen hat Sophie Kirchner eingebettet in ihre Umgebung fotografiert – in ihren Wohnungen, an der Werkbank daheim, beim Spaziergang. Das jeweilige Pendant ist ein Foto, auf dem nur der Gegenstand zu sehen ist – ein Wanderrucksack zum Beispiel oder die Flasche Kindershampoo in Form und Optik des Muppet-Show-Frosches Kermit.

Die Dinge sind aus ihrem Umfeld herausgelöst, der Bildhintergrund ist uni, aber in leuchtenden Farben. Mal ist es ein helles Blau, mal ein kräftiges Gelb. Oft korrespondiert der Farbton mit der dominierenden Farbe auf dem zweiten Foto des Bildpaares. So trägt Elke Lüder aus Grimmen eine rote Bluse und die Handtasche, die sie sich vom Begrüßungsgeld kaufte, wird auf rotem Grund präsentiert

In der Ausstellung sind aber nicht nur etliche dieser Bildpaare zu sehen, sondern die Fotografin ist auch der Frage nachgegangen, mit welchen Gefühlen die Menschen ihr Begrüßungsgeld abgeholt und schließlich ausgegeben haben. Auch Elke Lüders blickt auf dem Foto nachdenklich. Daneben ist zu lesen: „Es war schon ein bisschen beschämend, wie so ein Bettler sich anzustellen und den Ausweis vorzulegen. Dann habe ich mir aber gesagt: Diese drei Minuten, bis ich das Geld habe, halt’ ich schon durch.“ Die Zitate stammen aus Kurzinterviews, mal anderthalb, mal knapp drei Minuten lang, die Sophie Kirchner per Video aufgezeichnet hat. Darin fragt sie nach, was die Porträtierten mit den damals gekauften Dingen verbinden und warum sie sie bis heute aufbewahrt oder sogar in Gebrauch haben.

Heizkörper, TV-Radio-Gerät, Schallplatten

Leider gibt es nur eine einzige Hörstation in der Ausstellung, an der Besucher den Interviews lauschen können. Und mancher Besucher (die Autorin dieser Zeilen eingeschlossen) hätte sich wohl auch gern ausführlichere Interviews angehört. In einem Eintrag im Gästebuch heißt es: „…mich hätten die Geschichten der Menschen mehr interessiert, was sie gemacht haben, wie es ihnen erging“. Aber vermutlich hätte das den Rahmen des Fotoprojekts gesprengt

Und so einiges lässt sich ja doch über die Porträtierten in Erfahrung bringen. Beispielsweise, warum sich Brigitte Schwarz aus Neubrandenburg vom Begrüßungsgeld im Intershop einen Heizkörper kaufte – weil „im Osten nach Datum und nicht nach Temperatur geheizt“ wurde. Heute hat sie den alten Radiator übrigens wieder in Benutzung; „Seitdem wir einen Temperaturfühler haben, ist es mir zu kalt in der Wohnung.“ Und Herbert Dittmann erzählt: „Ich kannte einige, die von dem DDR-Staat überzeugt waren. Die haben sich ihr Geld nicht abgeholt. Ich war schon immer für den Westen und hatte 1985 sogar einen Ausreiseantrag gestellt.“ Vom Begrüßungsgeld kaufte er sich ein TV-Radio-Kombigerät. „Sowas wie einen Fernseher im Radio gab es bei uns nicht.“

Auch manche Schallplatte war im Osten schwer zu haben. Es habe zwar Lizenzprägungen gegeben, erinnert sich Christian Hoffmann aus dem Hohen Fläming. Aber die seien „höllisch teuer“ gewesen. Er, der „noch die Ausläufer einer Jugendkultur erlebte, die Blues hörte und lange Haare trug“, kaufte sich von einem Teil seines Begrüßungsgeldes die Greatest Hits von Queen. Es blieb nicht die einzige LP, die er nach der Wende in West-Berlin erwarb, „bei WOM, in der Nähe vom Kurfürstendamm“.

Besucher können mitmachen

Auch Besucher können ihre Erinnerungen teilen und zu Protokoll geben, was sie sich vom Begrüßungsgeld gekauft haben. Bei Anna, geboren 1979, war das eine Tüte Haribo Goldbären. „Nie werde ich den Moment vergessen, als ich die Tüte öffnete (der Geruch)“, steht auf dem Zettel geschrieben, den sie an die Wand geheftet hat. Dahinter hat sie mit rotem Stift ein Ausrufungszeichen in Herzform gemalt.

Museums-Info

  • Museum in der Kulturbrauerei Knaackstr. 97, Prenzlauer Berg, Gebäude 6, Aufgang D, Di.–Fr. 9–18 Uhr, Sbd.+So. 10–18 Uhr, Eintritt frei, Tel. 467 77 79 11, www.hdg.de
  • „Wünsch Dir was! Erinnerungen an das Begrüßungsgeld“ mit Fotografien von Sophie Kirchner (bis 19.2.)
  • Veranstaltungen „späti!“, Kultur nach Feierabend, Rundgang durch die Ausstellung inklusive Freigetränk, Do. 8.12., 19.1. und 16.2., 18 Uhr
  • Öffentliche Begleitung: Treffpunkt am Info-Schalter, ca. 60 Minuten, jeden Sonntag um 16 Uhr.