Hochhäuser am Stadtrand

„Gropiusstadt in Karow“: Warnbrief an Berlins Bausenator

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Das Massivste im Kiez, das waren 5000 Wohnungen in Karow Nord. Nun prüft der Senat eine ähnlich große Siedlung im Süden des Pankower Ortsteils. Trotz eines provokanten Vergleichs mit Neukölln.

Das Massivste im Kiez, das waren 5000 Wohnungen in Karow Nord. Nun prüft der Senat eine ähnlich große Siedlung im Süden des Pankower Ortsteils. Trotz eines provokanten Vergleichs mit Neukölln.

Foto: Thomas Schubert

Pankower Bürgerverein protestiert gegen die Verdichtungsstudie für bis zu 4800 Wohnungen in Karow. Und so reagiert der Senator.

Berlin.  Entsteht auf Karows Feldern eine neue Gropiusstadt? Nach einem Morgenpost-Bericht über die „Verdichtungsstudie“ für bis zu 4800 neue Wohnungen in einem beschaulichen Ortsteil des Berliner Ostens, formiert sich erheblicher Widerstand gegen solche Pläne. Dass im Hause von Berlins Bausenator Andreas Geisel (SPD) die bisherigen Annahmen von bis zu 3500 neuen Haushalten auf drei Baufeldern im Süden des Stadtrand-Ortsteils von Pankow noch einmal deutlich nach oben korrigiert wurden, nimmt der Bürgerverein „Wir für Karow“ zum Anlass für einen Warnbrief.

Als Schreckensszenario schildert Sprecher Till Moepert den Bau einer neuen Satellitenstadt auf der grünen Wiese – mit einer zu schwachen Verkehrsanbindung und einer zu hohen Wohndichte. Und er wählt einen provokanten Vergleich: „Wir reden von einer Gropiusstadt in Karow“, sagt Moepert mit Blick auf eine Relation von um die 7000 Wohneinheiten pro Quadratkilometer. Dabei legt er die Daten aus dem untersuchten Gebiet der Verdichtungsstudie mit jenen der Neuköllner Großsiedlung nebeneinander.

Daran zeigt sich: Die Bürger holen in ihrem Brief zum Rundumschlag gegen Pläne aus, die eine „demokratische Bezirksentscheidung ignoriert“, wie es heißt es. Denn in der Bezirksverordnetenversammlung war – auch mit Stimmen der Pankower SPD – verabredet worden, dass sich der Bau des neuen Stadtquartiers „Karow Süd“ an einer „ortsüblichen Bebauung“ orientieren soll. Und selbst die Bezirkspläne von bis zu viergeschossigen Neubauten für das Quartier galten dabei schon als zu groß.

Senat kontert Pankower Bürger: „Unternutzung“ von Baugrund ist tabu

Nun stellt der Senat aber Studien an, die sogar eine deutliche Steigerung der Baumasse versprechen: „Konkret bedeutet diese Verdichtung den Bau von Hochhäusern in einem dörflichen Umfeld, das bereits in den 90er-Jahren durch das damals europaweit größte Neubaugebiet Karow-Nord um circa 5000 Wohnungen erweitert wurde“ schreibt der Verein. Und weiter heißt es im Brief an Senator Geisel: „Unterstellt man im Durchschnitt zwei Bewohner pro Wohneinheit, würde sich die Einwohneranzahl Karows in kurzer Zeit um circa 50 Prozent erhöhen.“

Auch eine leistungsfähige Verkehrslösung haben die Bezirksfraktionen zur Voraussetzung erklärt, um das Quartier Karow-Süd überhaupt zu bauen – wie groß auch immer. Diese Verabredung trafen die Fraktionen im Einvernehmen mit Initiativen wie dem Bürgerverein. Doch dann kam die Berlin-Wahl im vergangenen September. Und nun, knapp ein Jahr später, will SPD-Senator Geisel die Berliner Wohnungsnot lösen, indem er bei neuen Quartieren klotzt.

Elisabeth-Aue und Karow-Süd: Bausenator lotet das Maximum aus

Das zeigt sich erstens bei der umstrittenen Wiederaufnahme der Planungen für eine Vollbebauung der Elisabeth-Aue mit bis zu 5000 Wohnungen, angekündigt im Morgenpost-Interview. Und zweitens hier in Karow bei der neuen Studie zum Ausloten des maximal Machbaren.

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Dementsprechend offensiv lautet die Antwort aus dem Hause Geisel auf den Brief aus Karow: „Eine Unternutzung von Baugrundstücken ist schon aus ökologischen Gründen ausgeschlossen. Höher und dichter bauen heißt, dass weniger Fläche versiegelt werden muss“, erklärt Geisels Sprecher Martin Pallgen auf Anfrage. In immer heißeren Sommern zeige sich „dass wir für mehr Klimaresilienz in der Stadt deutlich weniger Flächen verbrauchen dürfen als bisher. Wenn man, wie in Karow, auf den Wunsch nach einer „Unterausnutzung von Grundstücken“ eingeht, so führt das aus Sicht der Senatsverwaltung „zu mehr Flächenverbrauch und zu größerem Druck auf bestehende Wohngebiete.“

Verein kritisiert: Pankower Beschlüsse „im Handstreich“ verworfen

So heißt die Devise: Lieber dicht und hoch bauen, um die Zerstreuung des Neubaus hinter der Berliner Stadtgrenze zu vermeiden. Mit einer „dreigeschossigen Bebauung“ seien die Ziele nicht zu schaffen. „Denn das hat eine Zersiedelung wertvoller Flächen zur Folge“, so formuliert es Pallgen.

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Eine Einschätzung, die man bei den Bürgern aus Karow allerdings durch Absprachen mit Lokalpolitikern und Beschlüssen der Bezirksverordneten widerlegt sieht. „In einem Handstreich“ würden die Einigungen für eine moderate Bebauung „zunichte gemacht und sogar negiert“, kritisiert Moepert die kompromisslosen Töne aus dem Senat.

Er beruft sich auf parlamentarische Anfragen des CDU-Angeordneten Johannes Kraft, die daran zweifeln lassen, dass eine Verstärkung des S-Bahnbetriebs rechtzeitig kommt, um die vielen neuen Bewohner im Nordosten Pankows mobil zu halten. Lösungen für Karow, wie die Verlängerung der S-Bahnlinie S75, seien erst ab 2035 zu erwarten – während das Neubaugebiet Karow-Süd schon dieses Jahrzehnt entstehen soll.

4800 Wohnungen für Karow? Gropiusstadt-Vergleich wohl nur der Anfang

Tatsächlich haben die beiden Berliner Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und für Mobilität die endgültige Verkehrslösung noch nicht geschnürt – erst im Laufe der Planungen könnten sich Konzepte ergeben, heißt es. Und während im Bezirk Pankow der politische Grundsatz gewünscht wird, erst zu bauen, wenn die Verkehrslösung steht, gilt im Senat: Die Verkehrslösung wird konkret geplant, wenn man ein Wohnquartier in einer bestimmten Größe beschließt.

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Worum es jetzt in Karow geht, ist aber erst einmal eine neue Studie – die für den Bausenator nicht das Ende der Planungen bedeutet, sondern einen Ausgangspunkt. So deutet Geisels Sprecher zumindest an, auf die Bürger-Wüsche einzugehen und schreibt: „Natürlich müssen bei einem solch großen Projekt alle Fragen der Infrastruktur mitgedacht werden: Das reicht von der verkehrlichen Anbindung bis hin zur sozialen Infrastruktur wie Schulen und Kitas. Das tun wir auch.“ Eine kritische Begleitung wird den weiteren Planungen sicher sein - nicht nur mit Gropiusstadt-Vergleichen.

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