Stille Straße 10

Jasmin Tabatabai kämpft für Berlins älteste Hausbesetzer

| Lesedauer: 5 Minuten
Die unbeugsamen Alten: Pankows Hausbesetzer-Senioren kämpfen jetzt mit Schauspielerin Jasmin Tabatabai (4.v.r.) und ihrem neuen Buch für einen Fünf-Jahres-Vertrag.

Die unbeugsamen Alten: Pankows Hausbesetzer-Senioren kämpfen jetzt mit Schauspielerin Jasmin Tabatabai (4.v.r.) und ihrem neuen Buch für einen Fünf-Jahres-Vertrag.

Foto: Thomas Schubert

Zehn Jahre nach der Besetzung eines Treffs in Pankow verteidigen die Alten immer noch ihr Haus. Neuste Bedrohung: die Energiepreise.

Berlin. „Unser Haus“ – das ist unter den Alten in der Stillen Straße 10 ein feststehender Begriff. Man spricht ihn mit Stolz aus, voller Überzeugung. Zehn Jahre nach der Besetzung des Seniorentreffs sind Berlins grauhaarige Miet-Rebellen immer noch besessen von ihrer Lebensmission: der langfristigen Sicherung „ihres“ Clubs. Eine Öffnungsperspektive zumindest für fünf Jahre, am liebsten natürlich für immer.

Exakt eine Dekade nach der Besetzung der Freizeiteinrichtung, die selbst in Australien Aufmerksamkeit erregte, sitzen Brigitte und Peter Klotsche, Ingrid Pilz, Elli Pomerenke und Margret Pollack also wieder an einem Konferenztisch. Ihr neuer Schlachtplan ist der alte: Freundlich um den Erhalt der Stillen Straße bitten. Im Notfall: besetzen.

An einem Sommervormittag verkündet die Rentnerrunde die neueste Etappe im Verteidigungskampf mit dem Bezirksamt Pankow. Am Kopfende der Tafel: Schauspielerin Jasmin Tabatabai. Eine Nachbarin und energische Fürsprecherin seit der ersten Stunde.

Jasmin Tabatabai sieht in der Pankower Hausbesetzung einen Gesellschaftskonflikt

Und auch Tabatabai ist nach zehn Jahren Hausbesetzung der Clubräume in der Stille Straße 10 eher noch wehrhafter geworden, kritisiert offen eine Missachtung von Senioren und Bewirtschaftung von Seniorenclubs nach rein wirtschaftlichen Faktoren. „Eine Gesellschaft sollte sich daran messen lassen, wie sie mit Alten umgeht. Es braucht Respekt vor ihnen. Wenn nur noch Leistungsbereitschaft und Geldverdienen zählen, ist das wirklich deprimierend“, solidarisiert sich Tabatabai mit den Hausbesetzern.

Bis heute hangelt sich der Treff mit kurzen Verträgen von Jahr zu Jahr. In einer Dreiecksbeziehung mit der Volkssolidarität als Trägerin und dem Bezirksamt Pankow als Eigentümerin der baufälligen Villa nahe des Majakowskirings müssen Eveline Lämmer und ihre Mitstreiter immer wieder zittern. Lämmer führt den Förderverein der Stillen Straße 10 und wirkt als Mittlerin zwischen den Clubmitgliedern und der Politik.

Das Bezirksamt scheut aus finanziellen Gründen einen langfristigen Vertrag, weil es selbst jedes Jahr neu entscheidet, ob es das Haus verkaufen muss.

„Stille Straße 10“ in Pankow könnte durch den Ukraine-Krieg erneut wackeln

Eveline Lämmer hofft auf eine große Lösung für das gesamte Land Berlin. „Altenhilfe müsste eine Pflichtaufgabe für alle Bezirke werden“, nennt Lämmer ihre Schlussfolgerung aus zehn Jahren Hausbesetzung. Bislang sei diese Altenhilfe als freiwillige Leistung definiert. Und deshalb schnell durch den Rotstift bedroht, wenn Löcher im Haushalt klaffen. Erst recht, wenn Baukosten und Energiepreise durch den Ukraine-Krieg weiter steigen, könnte die Lage wieder kippen – so die neueste Befürchtung.

Gemeinsam mit Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) arbeitet Lämmer neben der Lösung auf Berliner Landesebene außerdem daran, die Villa möglicherweise in einer Verbundlösung mit einer Kita zu sichern – ob das Generationenprojekt funktioniert, muss sich zeigen.

Zehn Jahre nach dem Spektakel erscheint das Buch zur Pankower Hausbesetzung

Zumindest wirkt bis heute der Erfolg der Hausbesetzung aus dem Sommer 2012 nach – eine Räumung des Clubs mit dem Verkauf der Immobilie, davon nahm der Bezirk Pankow damals Abstand. Weil es den Senioren mit der inzwischen verstorbenen Rebellin Doris Syrbe gelang, ein internationales Medieninteresse an ihrer Besetzung auszulösen.

Medienwirksam handeln die Club-Freunde deshalb bis heute. So erscheint nun das offizielle Buch zur Besetzung, „Die unbeugsamen Alten“ im Pankower Rohnstock-Verlag mit Interviews der „Veteranen“ und einer aktuellen Begleitausstellung vor Ort in der Stillen Straße.

Vielleicht gelingt es dadurch, diesmal nicht nur einen neuen kurzfristigen Vertrag für die Hausnutzung auszuhandeln – sondern einen für fünf Jahre. „In dieser Zeit könnte man in Ruhe planen, was mit unserem Treff geschieht oder nicht geschieht“, hofft Besetzerin Margret Pollack. Mit einer vertraglichen Sicherheit sei es bestenfalls möglich, einflussreiche Stiftungen davon überzeugen, in das Projekt einzusteigen und Sprachkurse, Spielerunden und Geselligkeit unter Alten zu fördern.

Tabatabai: „Es ist toll, wenn jemand, dem Unrecht geschieht, laut wird“

Egal, ob die Alten in diesem neuerlichen Sommer des Widerstands ein weiteres Jahr erkämpfen oder fünf: Ansporn kommt immer wieder auch von Jasmin Tabatabai. Sie bezeichnet den Rettungskampf der Senioren als „echte Inspiration für die eigene Zukunft. Es ist toll, wenn jemand, dem Unrecht geschieht, laut wird“, lobt sie die Renitenz.

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Besetzer Peter Klotsche – der einzige Mann in der Rebellenrunde – ist jedenfalls nicht zum Schweigen zu bringen, wenn es um „seine“ Stille Straße geht: „Wir wollen die ganze Welt wachrütteln. Ihr dürft uns auch heute nicht vertreiben. Das müsstet Ihr nun wissen.“

Programm zur zehnjährigen Besetzung der Stillen Straße 10:

Filmabend, Freitag, 1. Juli, 17 bis 20 Uhr, Stille Straße 10

Buchpremiere „Die unbeugsamen Alten“, Sonnabend, 2. Juli, 15 bis 16.30 Uhr, Festsaal Schloss Schönhausen, Tschaikowskistraße 1, 13156 Berlin,

Chorkonzert, Sonntag, 3. Juli, 15 Uhr, Pfarrkirche Pankow, Breite Straße 28 13187 Berlin

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