Coronavirus in Berlin

Kaum noch Masken und Impfungen: Pankow lebt mit Corona

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Rothe
Die Masken kein Muss: Gefühlt ist die Corona-Pandemie vorbei. Doch wie überschaubar ist die Lage, wenn kaum noch getestet wird? Eine Erklärungsversuch für Pankow.

Die Masken kein Muss: Gefühlt ist die Corona-Pandemie vorbei. Doch wie überschaubar ist die Lage, wenn kaum noch getestet wird? Eine Erklärungsversuch für Pankow.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Die Corona-Fallzahlen in Pankow sinken, gleichzeitig wird deutlich weniger getestet. Experten rechnen mit hoher Dunkelziffer.

Berlin. Wer im Supermarkt noch freiwillig Maske trägt, gehört knapp zwei Monate nach Wegfall der meisten Corona-Schutzmaßnahmen zu einer krassen Minderheit. Und wer sich in Pankow, Berlins einwohnerstärkstem Bezirk umschaut, wird noch viele andere Zeichen finden, dass eine neue Sorglosigkeit Einzug hält. Ein Leben mit Corona. Die Zeit der endlosen Warteschlangen vor den Corona-Testzentren ist vorbei. Wer heute eine Test-Stelle betritt, um sich zu vergewissern, ob er oder sie das Corona-Virus hat, trifft oftmals gelangweilte Angestellte an, die schon fast überrascht wirken, wenn jemand durch die Tür kommt. Bereits nach wenigen Minuten kann man oftmals die Test-Stelle wieder verlassen.

Deutlicher Rückgang bei Nachfrage nach Corona-Tests

„Im Schnitt machen wir noch 50 Tests pro Tag“, erklärt Tabea Berg aus der Ginkgo-Apotheke in Buch. „In der Hochphase, also am Anfang des Jahres, waren es noch rund 250 täglich.“ Seitdem die Corona-Beschränkungen am 31. März größtenteils aufgehoben wurden, sei die Nachfrage nach Tests signifikant zurückgegangen. Ähnliches berichtet der Geschäftsführer des Corona-Schnelltestzentrums Buchholz, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Es ist nicht wie früher“, berichtet der Betreiber. Dennoch habe er mit der Lage seines Betriebs Glück, da es sich in der Nähe eines Krankenhauses befindet und seine Kunden in erster Linie Krankenhausbesucher seien, die sehr darauf achten, das Virus nicht in die Klinik mitzuschleppen und dort zu verbreiten.

Auch Dr. Axel Baumgarten hat eine stark sinkende Nachfrage beobachtet, jedoch nach PCR-Tests. Und die sind für die Erhebung der offiziellen Fallzahlen weiter maßgebend. Baumgarten arbeitet im Zentrum für Infektiologie in Prenzlauer Berg, einer Covid-19-Schwerpunktpraxis, die Patientinnen und Patienten aufsuchen, wenn sie krank sind und aufgrund ihrer Infektion eine Therapie und Beratung brauchen. „Wir haben derzeit durchschnittlich 20 Leute pro Tag, die krank sind“, berichtet Baumgarten. „Früher waren es viel mehr – 200 am Tag.“

RKI schätzt eine zweimal höhere Dunkelziffer an Corona-Infektionen

Lassen sich deutlich weniger Menschen testen, weil insgesamt weniger mit dem Virus infiziert sind? Baumgarten hat eine alternative Erklärung: „Viele sehen nicht mehr die Notwendigkeit, sich PCR-testen zu lassen, wenn sie dreimal geimpft sind und einen milden Verlauf haben.“ Er geht sogar von der anderen Logik aus: Es würden weniger Fälle gemeldet werden, weil weniger getestet werde. Dass die gemeldeten Covid-19-Zahlen auf Basis positiver PCR-Tests unterrepräsentiert sind, macht er am Vergleich mit einem anderen Virus fest: „Laut RKI gibt es mehr Influenza-A- als Corona-Positive, was völlig atypisch für die jetzige Jahreszeit ist.“ Er erwarte aber, dass die Covid-19-Zahlen höher sind. „Eine der beiden Zahlen kann nicht richtig sein.“ Da das Influenza-Virus sicher erfasst werde, müsse daher etwas mit den Corona-Zahlen nicht stimmen.

Demnach stünde auch die Bedeutung der Inzidenzwerte in Frage – mit einem aktuellen Wert von 268 über sieben Tage ist sie im Bezirk Pankow derzeit exakt so hoch wie bei der Gesamtzahl für die gesamte Hauptstadt. Gleichzeitig ergab eine Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) im vergangenen Sommer, dass die tatsächliche Zahl der Infektionen doppelt so hoch wie die offiziell gemeldete sei. Damals war die besonders stark übertragbare Omikron-Variante aber noch gar nicht in Deutschland. Es sei laut Baumgarten folglich davon auszugehen, dass die offizielle Anzahl an Corona-Erkrankten, die sich derzeit auf einem ähnlichen Niveau wie im vergangenen Winter bewegt, als die Testzentren noch deutlich voller waren, deutlich höher wäre, wenn die Testbereitschaft größer wäre. Aktuelle Krankheitsausfälle in Unternehmen – bei der Deutschen Post führen sie derzeit zu Zustellungsproblemen – deuten zumindest an, dass das Coronavirus in Form der Omikron-Mutationen weiterhin weit verbreitet ist und seine Kreise zieht.

Wegfall von Impf- und Test-Stellen bei womöglich hoher Dunkelziffer an Covid-19-Fällen

Während damit gerechnet werden kann, dass die Dunkelziffer der erfassten Fälle hoch ist, wird das Impfangebot in Berlin deutlich zurückgefahren. Als Begründung wird die fehlende Nachfrage angeführt, die Cordelia Koch, Bezirksstadträtin in Pankow, für das eigene Gesundheitsamt bestätigen kann: „Die Impfangebote werden inzwischen fast gar nicht mehr genutzt. Das bedauern wir sehr.“ Koch selbst ist inzwischen vierfach geimpft - und wirbt bei Risikogruppen dafür, das Angebot einer zweite Boosterimpfung anzunehmen.

Ab Sommer könnte zusätzlich eine Vielzahl von Test-Stellen wegfallen: Bis zum 29. Juni bleibt die Testverordnung, die unter anderem die kostenlosen Bürgertests regelt, nach jetzigem Stand in Kraft. Wie es danach aussieht bleibt ungewiss – auch für den Geschäftsführer des Corona Schnelltestcenters Buchholz: „Ich habe meinen Kunden gefragt: 50 bis 60 Prozent wollen dann nicht mehr kommen, wenn sie die Tests selbst bezahlen müssen.“ Tabea Berg weiß ebenfalls nicht, wie es danach weitergeht. Die Fallzahlen dürften jedenfalls weiter sinken – zumindest auf dem Papier.

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