Ukraine-Flüchtlinge

Willkommensklasse in Pankow: Integration mit Herzenswärme

| Lesedauer: 6 Minuten
Alexander Rothe
In Willkommensklassen kommen die geflüchteten Kinder aus der Ukraine nicht nur mit Deutsch, sondern auch mit Altersgenossen in Berührung (Symbolbild)

In Willkommensklassen kommen die geflüchteten Kinder aus der Ukraine nicht nur mit Deutsch, sondern auch mit Altersgenossen in Berührung (Symbolbild)

Foto: Britta Pedersen / dpa

Wie können ukrainische Kinder in Berlin trotz Trauma unterrichtet werden? Eine Schule in Pankow zeigt wie: Mit Hingabe und Geduld.

Berlin. Dmytro sitzt halb versunken in seinem Stuhl und schaut auf den kleinen weißen Zettel in seiner Hand. Alle anderen Kinder schauen auf ihn, der am Tisch mit einer weiteren ukrainischen Schülerin inmitten des Klassenraums Platz genommen hat. Mit leicht ukrainischem Akzent liest er den englischen Satz vor, der auf dem Papierschnipsel steht. Seine Stimme ist ruhig und leise, dennoch am anderen Ende des Klassenzimmers zu vernehmen. Alles ist ruhig und hört ihm gebannt zu. „Well done“, lobt ihn sein Englischlehrer lächelnd und kopfnickend, nachdem Dmytro den Satz beendet hat. Aus der hinteren Reihe kommt ein kurzer anerkennender Applaus von einem seiner Mitschüler. Dann geht es weiter in der Reihe.

Pankower Schule schafft Kontakte und Alltagsroutine durch Willkommensklasse

Dmytro, der eigentlich einen anderen Namen hat, geht in eine integrative Willkommensklasse der SchuleEins, eine Gemeinschaftsschule in freier Trägerschaft, die von den Pankower Früchtchen betrieben wird und die bereits Erfahrung im Umgang mit geflüchteten Kindern aus Syrien hat. Integrativ deswegen, weil er am regulären Unterricht teilnimmt und nur für die Deutschstunden in eine separate Klasse mit anderen ukrainischen Schülerinnen und Schülern kommt. Abgesehen vom Englischunterricht, in dem sich Dmytro wahlweise mit seinen Englischkenntnissen oder mit seiner Übersetzer-App auf seinem Smartphone verständigt, wird in der Klasse Deutsch gesprochen.

Laut Assol Urrutia-Grothe, zweite Geschäftsführerin der Pankower Früchtchen, stellt dieser Umstand kein Problem dar: „Es geht in erster Linie gar nicht um Wissensvermittlung in Geschichte oder anderen Fächern, sondern darum, die Intonation der Sprache zu lernen, soziale Kontakte aufzubauen und ihm Stabilität im Alltag zu geben.“ Viel laufe ohnehin über die emotionale Sprache und Sport.

Urrutia-Grothe ist nebenbei auch die Pflegemutter von Dmytro und seiner Schwester, die zusammen vor acht Wochen aus einem Vorort von Kiew vor dem Krieg geflohen sind – ohne ihre Eltern. Erstmals getroffen hat sie die beiden in einer Sammelunterkunft in Wandlitz. „Die Kinder konnten ohne elterliche Betreuung nicht dort bleiben, es gab aber keinen Platz, weder in Pflegefamilien noch in Heimunterbringen.“ Deshalb habe sie die beiden bei sich und ihrer Familie aufgenommen. „Sie waren nicht einmal registriert. Die hätte jeder mitnehmen können. Das war erschreckend.“

Um ihnen einen geregelten Alltag und den Kontakt zu deutschsprachigen Altersgenossen zu ermöglichen, wurden sie in der Schule angemeldet – mit anfänglichen Hürden: So konnte Dmytro keine Impfungen vorweisen und musste unter anderem die Masern-Impfung nachholen. Bis der notwendige Impfstatus erreicht war, vergingen vier Wochen. „Das war ein kleiner Alptraum, denn die Betreuung der beiden Kinder hängt maßgeblich davon ab, ob sie zur Schule gehen können oder nicht“, erzählt Urrutia-Grothe, Mutter zweier Kinder.

Zwischen Pankow und Kiew: Ukrainische Kinder leben in Parallelwelt

Seit vier Wochen besucht Dmytro nun die SchuleEins, acht Wochen nachdem er und seine Schwester über Warschau nach Berlin gekommen sind. In der polnischen Hauptstadt verbrachten sie drei bis vier Nächte, worüber sie laut Urrutia-Grothe aber nicht reden würden. Generell hätten die beiden mit traumatischen Erlebnissen zu kämpfen: „Wegen der Bombenangriffe in der Ukraine mussten sie angezogen schlafen und haben deshalb heute Schlafprobleme.“ Die Schwester sei sogar so stark belastet, dass sie stationär behandelt werden müsse.

Zugleich lebten sie permanent in zwei Parallelwelten: Zusätzlich zur Willkommensklasse in der SchuleEins nimmt Dmytro am digitalen Unterricht in seiner Heimatstadt teil. Hausaufgaben erhalte er über sein Smartphone, für die er entweder im Unterricht der SchuleEins Zeit bekomme oder für die er seine Zeit nach der Schule opfern müsse. „Die Ukrainer rechnen damit, dass die Kinder bald wieder zurückkönnen“, erklärt Urrutia-Grothe die Doppelbelastung.

Durch den engen Kontakt in seine Heimat werde ihm allerdings auch immer wieder der dortige Kriegsalltag vor Augen geführt: Vor kurzem habe ihn eine Nachricht auf seinem Smartphone erreicht, dass zwei seiner ehemaligen Mitschüler bei einem Raketenangriff ums Leben kamen. Auch wenn die Mutter anrufe, werde sofort alles ausgeblendet, egal in welchem Kontext.

Solidarität unter den Schülern, Lehrern und Eltern

Trotz dieser Belastung zeige sich an der Entwicklung Dmytros, wie wichtig die Teilnahme an der Willkommensklasse ist. „Anfangs ist er immer mit Kapuze rumgelaufen und hat kaum geredet. Er wird aber immer offener“, hat seine Pflegemutter beobachtet. Davon kann auch Lehrer Rainer Rabinowitsch berichten, der sowohl Dmytro als auch seine ukrainische Mitschülerin seit mehreren Wochen betreut. „Beide Kinder lächeln mittlerweile. In der ersten Woche waren sie nicht nur zurückhaltend, sondern wie eine Wand.“ Er versuche den ukrainischen Kindern so viel Normalität wie möglich zu vermitteln, etwa indem er ihnen Raum gibt, im Unterricht ihre Sprache vorzustellen oder ihnen in ihrer Muttersprache einen guten Tag wünscht.

Zugleich tragen auch die Mitschülerinnen und -schüler zum Wohlbefinden ihrer ukrainischen Altersgenossen bei, indem sie besonders sensibel mit ihnen umgehen und sich engagieren: „Als ein ukrainisches Mädchen erstmals zu uns an die Schule kam, blieben einige der Schüler länger, um sie kennenzulernen und bereiteten sogar den Raum vor“, erinnert sich Rabinowitsch. Auch davor hätten sich die Kinder solidarisch gezeigt, als sie einen Kuchenbasar für die Ukraine veranstaltet haben und sofort bereit waren, die ukrainischen Kinder in ihre Klasse aufzunehmen.

Dass Solidarität bei den Pankower Früchten, dem Träger der SchuleEins, groß geschrieben wird, hat sich zudem an einem Benefizkonzert in Kooperation mit den Caritas-Kliniken gzeigt. „Jeder zieht da mit, jeder ist willens, zu helfen“, lobt Urrutia-Grothe die Unterstützung durch Schüler-, Lehrer- und Elternschaft.

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