Projekt mit Deutsche Wohnen

Quartier „Am Sandhaus“ in Pankow: Protest gegen Siegentwurf

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An einer Begrünung des Quartiers wird es laut dieser Simulation zum Siegentwurf für das Viertel Am Sandhaus im Norden Pankows nicht fehlen. Doch die Bebauung ringsum fällt so massiv aus, dass Bürger notfalls demonstrieren wollen.

An einer Begrünung des Quartiers wird es laut dieser Simulation zum Siegentwurf für das Viertel Am Sandhaus im Norden Pankows nicht fehlen. Doch die Bebauung ringsum fällt so massiv aus, dass Bürger notfalls demonstrieren wollen.

Foto: Stadtentwicklung Berlin

Urbaner Kiez am Moor: Initiative aus Buch plant Petition und Kundgebungen gegen 2700 Wohnungen.

Berlin. Am nördlichsten Punkt Berlins in dem am stärksten wachsenden Ortsteil entsteht das erste der großen neuen Stadtquartiere in Pankow – mit einem Maximum an Wohnraum. Die Planungen für das Quartier Buch – Am Sandhaus, wo die landeseigene Gesellschaft Howoge und der Wohnkonzern Deutsche Wohnen gemeinsam ab 2023 einen neuen Stadtteil errichten sollen, sind in vielerlei Hinsicht spitze. Allerdings tragen Anwohner die Vorstellungen des Senats zu den Ausmaßen des Großprojekts rund um das Gelände des früheren Stasi-Krankenhauses im Wald westlich des S-Bahnhofs Buch nicht mit. Ausgerechnet der Entwurf, den eine Expertenrunde des Berliner Senats jetzt für den besten befand, ist zugleich jener, der die heutigen Nachbarn am meisten abstößt.

Nur ein bis zwei Prozent der Bürger hätten sich bei den wichtigsten Punkten der Befragung im Beteiligungsverfahren für das prämierte Modell mit rund 2700 Wohnungen und der höchsten Dichte aller Wettbewerbsbeiträge ausgesprochen, kritisiert Gisela Neunhöffer von der örtlichen Initiative die Entscheidung. Bausenator Sebastian Scheel (Linke) wiederum lobt den ausgewählten Entwurf der Büros Wessendorf und Grieger dennoch als „nachhaltig“. Gerade auch wegen seiner kompakten Bauweise. Und wegen der urbanen Intensität.

Neues Quartier in Pankow: „Ökologischer Fußabdruck zu groß“

„Dies ist der Entwurf, der den größten ökologischen Fußabdruck hat“, sagt hingegen Neunhöffer. Und befürchtet einschneidende Veränderungen im Bereich der Bucher Moorlinse, an deren Rand das Stadtquartier entstehen soll. Auch Hochhäuser am S-Bahnhof Buch, die deutlich über die Baumkronen des Waldes hinausragen, wären damit möglich.

Zu viel Baumasse, zu viel Höhe und Dichte, zu wenig Beachtung von gefährdeten Freizeitangeboten auf der Moorwiese, zu wenig Respekt vor dem Votum der Menschen in Pankow – das sind die Kritikpunkte der Initiative. Mit nur einer von elf Stimmen im Gutachtergremium habe man auf verlorenem Posten kämpfen müssen.

Senat will möglichst wenig Baumfällungen im Wald

Einen Gewinn für den Wohnungsmarkt, das ist es, was die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Auge hat. Im Vergleich zu einer früher geplanten Vollbebauung des 57 Hektar großen Areals sei der jetzige Entwurf von Wessendorf und Grieger sogar sehr schonend, kontert eine Sprecherin von Senator Scheel den Protestbrief der Bürger aus Buch.

Trotz der größten Baumasse der drei Konzepte bringe der ausgewählte Entwurf auch „großen Spielraum zur Optimierung des ökologischen Eingriffs“, heißt es auf Morgenpost-Anfrage aus der Bauverwaltung. Hier biete die geschickte Anordnung von Grün-und Erholungsflächen, die bisher in den Waldflächen verortet wurden, die Chance, „Waldeingriff zu minimieren“ – also Baumfällungen zu vermeiden.

Bürgerinitiative prüft Gegenmaßnahmen

„Um die ökologischen Funktionen der Offenlandflächen zu erhalten und gleichzeitig die gesamtstädtischen Belange nach dringend benötigtem Wohnungsbau zu wahren, ist eine verdichtete Bauweise erforderlich. Mit einer Verdichtung auf den bereits überwiegend erschlossenen Flächen kann somit der Eingriff in den Naturhaushalt minimiert werden“, rechtfertigt Senator Scheel die Entscheidung. So könnte der massivste Entwurf am Ende sogar der grünste sein.

Verschiedener können Einschätzungen kaum sein. So will Neunhöffers Initiative auch nicht abwarten, bis Scheels Bauverwaltung den Wessendorf-Entwurf für den „Masterplan“ des neuen Sandhaus-Quartiers noch verfeinert. Stattdessen will die Bürgervertretung das weitere Verfahren mit Protestkundgebungen stören. Man werde sich über weitere Schritte beraten und auch eine Petition gegen das Wettbewerbsergebnis prüfen, sagte Neunhöffer zum weiteren Vorgehen.

Bürgerprotest formiert sich von Blankenburg bis Buch

Dadurch klinkt sich die Bucher Initiative in die Gemeinschaft von Anrainergruppen in Blankenburg oder Karow ein, die allesamt Pläne für annähernd 15.000 Wohnungen in suburbanen Gegenden Pankows in mehreren geplanten Quartieren auf die örtlichen Gegebenheiten herunterschrumpfen wollen.

Aber sowohl in Karow, wo 3000 neuen Haushalte angepeilt sind als auch in Blankenburg, wo 5500 Einheiten auf Ackerflächen entstehen werden, laufen die Vorbereitungen trotz der Bürgerproteste fast ungebremst. Doch nirgendwo steuern die Wohnexperten des Senats so schnell auf den Baubeginn zu wie im Fall des Bucher Quartiers an der Straße Am Sandhaus. Bereits der Wunsch der Bürger, das Gutachterverfahren wegen der Widrigkeiten der Pandemie bis zum Herbst zu strecken, wurde mit Verweis auf den engen Zeitplan abgeblockt. Jetzt hält Senator Scheel mit dem Siegentwurf die Blaupause für den endgültige Plan in der Hand.

Eigener Entwurf der Bürger enthält 1020 statt 2700 Wohneinheiten

Auch die Bucher Initiative hat im übrigen einen Entwurf angefertigt und das Quartier auf ein ganz anderes Maß gestutzt. Statt 2700 Haushalten sind im Bürger-Modell 1020 vorgesehen, was den „ökologischen, baulichen und sozialen Gegebenheiten“ entspreche. Das Baugebiet an der Straße Am Sandhaus dürfe nicht als Brache betrachtet werden, die man ausfüllen muss, heißt es im Konzept. Die Moorwiese, die nach den Senatsplänen komplett von Neubauten umstellt wird, soll nach dem Bürgerkonzept unberührt bleiben – und eher noch wachsen. „Das Netzwerk Spielkultur als Träger der Moorwiese, des Naturerfahrungsraumes und der Waldkita hat Interesse daran, die genutzte Fläche für weitere Projekte zu erweitern. Angesichts des zu erwartenden Zuzuges vieler Kinder ist das auch vom Bedarf her geboten“, lautet die Begründung. Doch dieser Entwurf, ärgert sich Neunhöffer, wurde im Gutachterverfahren nicht zugelassen.

Aus Sicht des Senats war die Einreichung zu spät und inhaltlich nicht passend, erklärt eine Sprecherin von Bausenator Scheel: „Eine nachträgliche Zulassung im Verfahren war nicht möglich, da die formellen sowie inhaltlichen Abgabekriterien nicht erfüllt waren“, heißt es.

So bleibt es bei der Vorzugsvariante des Teams Wessendorf. Auch entgegen Stimmen aus der Pankower Bezirkspolitik. „In diese Massivität passt das Quartier nicht zu dem, was da ist“, kritisiert zum Beispiel Pankows CDU-Fraktionschef Johannes Kraft. „Man muss verstehen, dass die Leute deshalb wütend sind.“ Eines habe der Siegentwurf immerhin gebracht, meint Kraft: Die anfangs allgemeine Kritik der Bürger habe nun ein ganz konkretes Ziel.