Zu klein zum planen

Wie Pankows Baupolitiker ein grünes Musterprojekt stoppen

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Thomas Schubert
Stadthäuser inmitten der Natur: Die Wohngärten am Anger in Rosenthal fallen mit einer behutsamen, ökologischen Bauweise auf. Doch der Verlust von Kleingärten wiegt für Pankows Bezirksverordnete schwerer.

Stadthäuser inmitten der Natur: Die Wohngärten am Anger in Rosenthal fallen mit einer behutsamen, ökologischen Bauweise auf. Doch der Verlust von Kleingärten wiegt für Pankows Bezirksverordnete schwerer.

Foto: ingenbleek + kern architektur GmbH / BM

Abgelehnt nach sieben Jahren: Bürgerverein kämpft vergeblich für die "Wohngärten Am Anger". Dem Bezirk Pankow fehlen die Planer.

Berlin. Grüne Dächer, Nasch-Gärten für Familien, Bienenstöcke und Kletterwände: Die "Wohngärten am Anger" im Pankower Ortsteil Rosenthal sind einer ökologisch-urbanen Klientel auf den Leib geschneidert. Oder genauer gesagt: Sie sind es gewesen. Denn mit der Ablehnung eines Bürgerantrags im Pankower Bauausschuss steht das Musterprojekt des Architektenbüros Ingenbleek + Kern seit Dienstagabend vor dem Aus. Nach sieben Jahren Vorplanung der Investoren haben die Bezirksverordneten dem neuen Quartier mit ihrem Votum praktisch den Boden entzogen. Und den Öko-Kiez mit 70 Wohnungen in Stadthäusern, die auf Simulationsbildern schon fertig war, verworfen. Dass Architektin Ulrike Kern das Viertel im Ausschuss noch einmal als Mustersiedlung mit null Emissionen als besonders umweltfreundlich anzupreisen versuchte, half am Ende nichts.

Klimanotstand in Pankow zwingt zur kritischen Prüfung von neuen Wohnungen

Denn aus Sicht einer Mehrheit der Fraktionen von Linke und SPD spricht eine Reihe von Gründen dagegen, dass der Bezirk Pankow dem Vorhaben auf der Brache am Rosenthaler Anger zu Baurecht verhelfen soll. Zum Beispiel der 2019 ausgerufene Klimanotstand.

Es gehört zur Geschichte des Bauvorhabens, dass der Investor eine Kleingartenkolonie an dieser Stelle auflösen ließ – mit der Erwartung, anstatt der Lauben eines Tages Wohnungen zu bauen. Für Pankows SPD-Fraktion ein Unding. "Jetzt soll die Vertreibung der Kleingärtner dadurch legitimiert werden, dass schöne Gebäude gebaut werden", ärgert sich Fraktionschef Roland Schröder. Nach seiner Logik wurde durch die Auflösung der Gartenanlage mehr ökologischer Nutzwert zerstört als das Bauvorhaben zurückbringen kann. Der Klimanotstand in Pankow zwinge die Bezirkspolitik dazu, die Versiegelung von Flächen kritisch zu prüfen. Diese kritische Haltung pflegt auch Wolfram Kempe von der Linken. Er sieht für die Verantwortung dafür, dass die Ruinen der Lauben zum Vandalismus einladen, beim Investor. "Die öffentliche Hand ist dafür nicht zuständig", hält Kempe nach einer Reihe von Polizeieinsätzen auf dem Gelände fest.

Ein wohl noch entscheidenderes Argument für die Ablehnung der 70 Wohnungen neben dem Ärger um den Verlust der Kleingärten sorgte bei der Projektvorstellung vor einem Jahr für Verwunderung. Damals erklärte sich das Bezirksamt Pankow für außerstande, ein Bebauungsplanverfahren für ein solch kleines Projekt durchzuführen. Die immense Belastung durch Großprojekte für 1200 Wohnungen an der Michelangelostraße oder die 2000 Wohnungen am Pankower Tor lasse weniger bedeutende Vorhaben nicht zu, hieß es aus der Abteilung Stadtentwicklung. Und das gilt auch jetzt, ein Jahr später.

Zu viel Planungsstress im Bezirk? Die Grünen halten das für nachvollziehbar. Bau-Expertin Almuth Tharan wertete die Begründung auch für triftig genug, dass sich die Grünen bei der Abstimmung über das Öko-Projekt in Rosenthal enthielten. "Wir sehen das Vorhaben eigentlich positiv. Aber bei der hohen Belastung des Bezirksamts und der sehr angespannte Personalsituation sind wir nicht in der Lage, das zu diesem Zeitpunkt zu unterstützen“, sagte Tharan.

Bürgerverein in Pankow-Rosenthal: "Wir sind über diesen Vorgang entsetzt"

Völliges Unverständnis zur Ablehnung der Wohngärten am Anger wegen amtlicher Personalnot signalisiert hingegen der Bürgerverein Dorf Rosenthal. "Wir sind über diesen Vorgang entsetzt", sagte der stellvertretende Vorsitzende, Professor Hans-Detlef Stober im Ausschuss. Der Verein hatte über einen Bürgerantrag versucht, den Bezirk zum Start der Planungen für die Wohngärten zu drängen. Vergeblich, wie sich nun zeigt.

So liegt die frühere Gartenfläche auch weiterhin brach, in der Erwartung, dass die Investoren aufgeben und hier wieder Kleingärten entstehen können. Ökologisch einwandfrei.

Es ist eine Annahme, die Johannes Kraft, der Fraktionsvorsitzende der Pankower CDU und Unterstützer des Vorhabens für unrealistisch hält. "Man kann niemanden, der ein Grundstück besitzt, dazu zwingen, darauf Kleingärten zu errichten. Wenn man das Quartier ablehnt, wird hier gar nichts geschehen. Und das kann nicht im Interesse des Bezirks sein", kritisiert Kraft. Am Ende stimmten nur CDU und AfD für den Bürgerantrag zum umstrittenen Wohnprojekt.

Roland Schröder von der SPD hat jedenfalls kein Mitleid mit dem Investor und sagt: "Hier ist jemand ein unternehmerisches Risiko eingegangen." Mit dem Nein im Pankower Bauausschuss wird dieses Risiko und der Poker um Wohnungen auf Gartenland nun bestraft.

Es ist eine Aussage, von der sich Architektin Ulrike Kern nicht entmutigen lässt. "Wir werden weiter für das Projekt kämpfen. Berlin braucht Wohnungen und sozialverträgliche und ökologische Konzepte", sagte sie nach der Ablehnung. Dass kein Kompromiss zur Forderung des Bürgervereins Dorf-Rosenthal gesucht werde, sei befremdlich. Auch die Darstellung, dass Kleingärtner wegen des Wohnprojekts abrupt verdrängt wurden, lehnt Kern ab. Lauben an dieser Stelle seien nicht im Kleingartenentwicklungsplan des Landes Berlin enthalten - und damit auch nicht einzufordern.