Tegel-Schließung

Ein Fest zum Ende des Fluglärms: Pankow begrüßt die Stille

Nach 40 Jahren in der Einflugschneise wollen Initiativen am Sonntag dem letzten Tegel-Flieger zuwinken – und dann BER-Nachbarn helfen.

In Pankow zählt man die letzten Tage des Flughafens Tegel – und empfindet das Ende des Betriebs als Erlösung.

In Pankow zählt man die letzten Tage des Flughafens Tegel – und empfindet das Ende des Betriebs als Erlösung.

Foto: Arno Burgi / picture-alliance/ dpa

Berlin. Die Stille kommt stufenweise. Je weniger Airlines seit der Eröffnung des BER über Pankow die Fahrwerke ihrer Flugzeuge vor der Landung in Tegel über Pankow ausfahren lassen, desto länger werden die Pausen zwischen dem Gedonner der Turbinen. Am Sonntag, 8. November, bietet der Start einer Air France-Maschine von Tegel in Richtung Paris Charles de Gaulle nun den Anlass für ein Fest – denn aus Sicht von Zehntausenden Nordberlinern bedeutet dieses Ereignis eine Zäsur nach 40 Jahren Fluglärm. Ab 14 Uhr lädt die Initiative „Pankow sagt nein zum Flughafen Tegel“ deshalb ihre Verbündeten und Fluglärmgegner aus allen Teilen der Hauptstadt zu einer letzten Kundgebung am Pankower Dorfanger ein. Ob man den Air France-Jet dort um kurz nach 15 Uhr überhaupt zu sehen und zu hören bekommt, ist eine Frage des Wetters. Und das ist den Demonstranten wohl gesonnen.

Wettervorhersage für Sichtung des letzten Tegel-Flugs in Pankow günstig

Nur bei Ostwind-Lagen steigen Tegel-Flugzeuge über dem Pankower Anger auf, bei Westwind wird gelandet. Genau diese sehr lärmintensive – und bei Anwohnern deshalb eigentlich verhasste – Startsituation tritt laut jetziger Wettervorhersagen am Sonntag ein. Selbst wenn der letzte Airbus bei Westwind über Spandau starten sollte – „wir feiern so oder so“, sagt Initiativen-Sprecher Berend Hendriks. Sein Bündnis, das jahrelang für die Tegel-Schließung und gegen Ausnahmen vom Nachtflugverbot kämpfte, will sich am Sonntag auf dem Anger mit anderen Gruppen verbrüdern. Auch mit den Fluglärm-Gegnern vom BER, die den Tegel-Lärm, der sich laut Angaben des Berliner Senats auf rund 300.000 Menschen auswirkt, erben werden. Im Sinne des Corona-Infektionsschutzes soll sich das Fest, das unter Normalbedingungen wohl Tausende Besucher anziehen würde, auf rund 50 Teilnehmer beschränken.

Laut Hendriks geht es bei der Veranstaltung nicht nur um lokale Befindlichkeiten, sondern allgemein um eine kritische Haltung zum Fliegen – „die Pinguine, die letzte Woche zur Eröffnung des BER demonstriert haben, sind am Sonntag auch dabei“. Man will sich nach der eigenen Erlösung mit allen solidarisieren, die in Deutschland unter der Luftfahrt zu leiden haben. So lautet das Motto der Abschiedsveranstaltung: „Fluglärm macht krank – überall!“ Zu den gemeinsamen Forderungen der Gruppen gehört ein absolutes Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr am BER und an allen weiteren Flughäfen in Deutschland, die Besteuerung von Flugbenzin, das Verbot von Kurzstrecken- und Inlandsflügen – und der Stopp für alle Kapazitätserweiterungen am BER.

Pankows Bezirksbürgermeister: Flughafen Tegel ein Anachronismus

Dass über seinem Bezirk durch das Tegel-Aus spätestens ab Sonntagnachmittag Ruhe herrscht, ist für Pankows Bürgermeister Sören Benn (Linke) ein seit acht Jahren überfälliger Schritt. „Der Anachronismus eines Mauerstadtflughafens findet sein gut begründetes und legitimes Ende“, sagt Benn. Auch in seinem Dienstsitz, dem Rathaus Pankow, – ein Arbeitsort mitten in der Einflugschneise – kehrt die Stille ein, die Menschen im Norden Berlins so lange versprochen war.