Prenzlauer Berg

Neuer Fitness-Trend: So läuft die Kältekur bei 96 Grad minus

Ein Studio in Prenzlauer Berg steckt Besucher in die Kältekammer. Frieren soll beim Abnehmen helfen und das Wohlbefinden steigern.

Frieren für Performer: Die Kältekammer des Fitnessstudios „Formwandler“ mit Temperaturen von -85 bis -96 Grad soll die Leistungsfähigkeit im Alltag steigern und Kalorien verbrennen.

Frieren für Performer: Die Kältekammer des Fitnessstudios „Formwandler“ mit Temperaturen von -85 bis -96 Grad soll die Leistungsfähigkeit im Alltag steigern und Kalorien verbrennen.

Foto: Formwandler / BM

Berlin. Erzählen wir das Erlebnis vom Ende her: Da umfängt mich weißes Licht. Und das hat mit einer Nahtoderfahrung nichts zu tun. Es ist ganz einfach das Zeichen, dass die Sitzung vorüber ist. Wenn die Neonröhren beidseits der Scheibe dieser speziellen Kühltruhe ihre Farbe von blau zu weiß gewechselt haben, darf der Insasse die Tür getrost aufstoßen. Und die Belohnung dafür erwarten, dass er soeben drei Minuten gefroren hat – bei einer Temperatur von bis zu minus 96 Grad. Wenn das Schlottern endet, dann kommen die Endorphine. Dann zeigen sich bei regelmäßiger Anwendung die Effekte dieser Behandlungspraxis, mit denen sich das Fitnessstudio „Formwandler Recover“ an Berliner richtet, die das Beste herausholen wollen aus ihrem Körper.

Was diese Kältekammer soll? Zuallererst das Wohlbefinden steigern, Stress beseitigen, die Zellalterung bremsen. Gesunde Abhärtung durch Frieren kennt die Menschheit spätestens seit Kneipp. Schon Paracelsus soll Kältebehandlungen gepriesen haben. Aber die Truhe im Erdgeschoss eines Lokals am Helmholtzplatz soll mehr können. Von Trainingseffekten ist die Rede. Und vom Abnehmen. Denn beim intensiven Frieren erzeugt der Körper Wärme – und verbraucht damit Energie. Vor allem sei die Behandlung unschlagbar kurz, erklärt Formwandler-Instruktor Peter Giese. Die Drei-Minuten-Sitzung in der Kältekammer soll eine Lösung für denjenigen sein, der eigentlich keine Zeit hat, seinen Körper zu fordern – „man verbrennt 330 bis 550 Kalorien pro Sitzung“, kalkuliert Giese. „Außerdem wird der Ruhepuls und Blutdruck verbessert.“

Kältekammer in Prenzlauer Berg: Mütze und Handschuhe schützen vor Erfrierungen

Aber wer in Badekleidung – und geschützt mit Wollmütze, Fäustlingen, dicken Socken, Gummi-Botten und Mundschutz – die Truhe entert, dem ist zunächst einfach nur kalt. Ich verschwinde im blau leuchtenden Nebel. Und versuche Gedanken an Dokufilme von arktischen Expeditionen, die nicht ohne Erfrierungen abgehen, auszublenden. Erst nach einigen Sekunden traue ich mich, den ersten Atemzug zu nehmen. Nicht zu tief – so hat man mich gebeten. Tatsächlich braucht meine Lunge einen längeren Moment, um einen Atemrhythmus zu finden, wie er zu der minus 96 Grad kalten Umgebung passt. Die Kammer surrt wie der Getränkeautomat in unserem Pausenraum – und hat Mühe, die Tiefsttemperatur zu halten. Allein die Körperwärme hebt sie schnell um drei Grad. Am Ende wird die Zahl -85 auf der Anzeige blinken. Das Formwandler-Studio nimmt damit für sich in Anspruch, der kälteste Ort in Prenzlauer Berg zu sein. Es wird wohl nicht allzu viele Kandidaten geben, die das überbieten möchten.

Wo ich die Kälte als erstes – und die ganzen drei Minuten über – am deutlichsten spüre, sind die Oberarme. Sofort stellt sich eine leichte Taubheit ein. Den Rat, mit leichten Bewegungen auf den krassen Reiz zu reagieren, setze ich um, noch bevor die ersten zehn Sekunden vorüber sind. Ich verfalle in ein leichtes Traben auf der Stelle – wie beim Joggen vor der roten Ampel. Die steifen Oberarme reiben derweil an den Flanken.

Allzu hektische Bewegungen sollen es übrigens nicht sein – das könnte einen Windhauch erzeugen, der das Frieren nochmals verstärkt, hieß es bei der Einweisung. Während die Neonröhren mich blau erleuchten, legt sich der Nebel. Mich umwehen winzige Flocken. Ich blicke an mir herab und sehe die Brusthaare weiß leuchten. Ist das Eis? Oder nur ein Lichteffekt? Gefährlich wird es ja nicht sein. Alle Risiken sollen dadurch ausgeschlossen sein, dass die empfindlichsten Körperregionen wie Finger, Zehen und Ohren bedeckt sind.

Für die Kältekammer gelten die gleichen Tabus wie in der Sauna

„Außerdem ist die Exposition nur kurz“, hat Giese gesagt. „Alles, was Schaden nehmen könnte, ist geschützt.“ Eintritt in die Kältekammer erhält ohnehin nur, wer ernste körperliche Beschwerden ausschließen kann. Dazu zählen Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems ebenso wie Beeinträchtigungen von Gefäßen oder Wunden an der Haut. Auch mit einem kürzlich überstandenen Infekt sollte man hier nicht antreten. Für die Kältekur gelten ganz ähnliche Regeln wie für den heißen Saunagang.

Noch keine Minute ist in der Kammer vergangen, da durchfährt den Körper ein leichtes Zittern, der Atem findet in einen lang gedehnten Takt – der Mundschutz wäre hier wegen der eisigen Luft selbst dann verpflichtend, wenn es kein Corona gäbe. Und doch: Drei Minuten können lange sein, wenn man auf das Signal zum Ausstieg wartet. Am besten lässt sich die Temperatur, wie sie auch nachts auf dem Mars herrschen könnte, mit geschlossenen Augen ertragen. Es gibt ja ohnehin wenig, was sich in Monotonie der Kammer zu beobachten lohnt. Die ganze Zeit strebt man aufs Ende hin: wenn Glückshormone bei der Rückkehr in die Normaltemperatur für das Ausharren entschädigen. Vergleichen lässt sich das Gefühl am ehesten mit der Entspannung nach einem Sauna-Aufguss. Oder nach einer heiß-kalten Wechseldusche. Oder mit der sportlichen Zufriedenheit nach einem harten Training.

Bio-Hacking statt Kryotherapie

Dieser Gedanke zielt durchaus in die richtige Richtung. „Es ist Angebot für Performer“, sagt Giese. Die Kältekammer eigne sich für „Leute mit viel Arbeit und wenig Zeit, die aber viel Effekt wollen.“ Mit regelmäßigen Kuren, wie sie der Formwandler in Abo-Angeboten verpackt, könne man eine höhere Widerstandskraft erwerben. Damit löst sich die Kältekammer auch aus der Tradition, als solche Anlagen im Zuge der „Kryotherapie“ ab den 1970er-Jahren vor allem Schmerzpatienten Linderung versprachen. 2020 in Prenzlauer Berg geht es nun um den Trend zur Selbstoptimierung, um die Überlistung der Biologie – unter dem Schlagwort „Bio-Hacking“ ist die körperliche Manipulation zur Leistungssteigerung längst ein Begriff.

Für Besucher, die ungern frieren, hat das Formwandler-Studio im Übrigen auch eine Infrarot-Kabine im Angebot. „Was sich an Umweltgiften in Zellen anlagert, kann über Infrarot-Licht herausgelöst werden“, erklärt Giese deren Wirkprinzip. Die Erwärmung des Bluts soll die heilenden Effekte von Fieber imitieren. Der Zeitansatz pro Sitzung: 30 Minuten. Nichts für Performer.

Formwandler Recover, Schliemannstraße 38, 10437 Berlin. Informationen unter www.formwandler.de/kaeltekammer-berlin